Picasso stets diskret im Blick

«Wut», sagt Pierre Dévaud, der sein Geld seit zehn Jahren im Berner Kunstmuseum verdient; Wut habe ihn gepackt, als er letzthin gelesen habe, was das neue Zentrum Paul Klee vorhabe, das am 20. Juni 2005 eröffnet werden soll. Für 100 Millionen Franken hat vor der Stadt Bern der Stararchitekt Renzo Piano einen Renommierbau in die Landschaft gestellt, und alles musste vom Feinsten sein. Und jetzt, da es um die Organisation des Betriebs geht, ist plötzlich kein Geld mehr vorhanden: Die Museumsleitung will Aufsicht, Kassendienst und Auskunft, den Museumsshop, die Grafiksammlung und das Kindermuseum mit bis zu hundert Freiwilligen betreiben.

«Freiwillig zu arbeiten, muss man sich erst leisten können», sagt Dévaud, «ich kenne Leute, die am Existenzminimum leben und schon lange Arbeit suchen. In der heutigen wirtschaftlichen Situation derart auf Freiwillige zu setzen, ist ein Affront» – umso mehr, als bei der Volksabstimmung 2001 zum Bau des Zentrums mit dem Argument geworben worden ist, Arbeitsplätze zu schaffen.

Unia-Sekretär Ruedi Keller schreibt in einem Communiqué von «unlauterer Konkurrenzierung des regulären Arbeitsmarktes», und in einem dringlichen Postulat weisen die Gewerkschaftsmitglieder des Stadtparlaments darauf hin, Freiwilligenarbeit erzeuge «einen enormen Druck auf die anderen Museen von Bern, welche früher oder später gezwungen werden, die selben Funktionen in ihren Museen auch mit Freiwilligen zu besetzen». Auch Dévaud sieht diese Gefahr und ärgert sich: «Wenn man beim Klee-Zentrum tatsächlich der Meinung ist, Kunst dürfe nichts kosten, dann soll der Direktor dort mindestens so konsequent sein und auch ehrenamtlich arbeiten.»

Aufmerksamkeit und Diskretion

Es gibt im Dienstleistungsbereich Berufe, die dann gut gemacht sind, wenn niemand merkt, dass sie gemacht werden. Dazu gehört die Museumsaufsicht, die niemand sehen will, ausser man will eine Auskunft. «Nötig ist die Balance zwischen Aufmerksamkeit und Diskretion», sagt Dévaud, «sonst gibt es schnell Kommentare, man brauche hier keinen Wachhund neben sich».

Aufmerksamkeit braucht es aber, zum Beispiel, wenn während des normalen Betriebs neue Ausstellungen aufgebaut werden und deshalb Bilder ungesichert herumstehen: «Da müssen wir schon aufpassen, dass nicht plötzlich ein kleiner Picasso verschwindet.» Es kommt auch vor, dass Kinder und Jugendliche sich mit Bleistiften auf den Ölbildern zu verewigen versuchen oder dass ältere Leute Bilder mehr mit den Händen als mit den Augen anschauen wollen. Manchmal hilft allerdings alles nichts, etwa als letzthin eine Schülerin mit einem Kissenwurf eine Holz-Glas-Konstruktion von Markus Raetz zum Einsturz gebracht hat.

In den letzten Jahren sei die Arbeit hektischer geworden, erzählt Dévaud. Zugenommen haben vor allem die privaten Anlässe: Versicherungen oder Banken etwa mieten immer häufiger einen Bildersaal für gediegenes abendliches «Standing Business». Solche Anlässe bedeuten für die Aufsicht nicht nur Sonderschichten; die Aufsicht ist auch dafür verantwortlich, dass Tische, Stühle und technische Extras wie Mikrofone oder Diaprojektoren bereitgestellt sind. Zur Aufsichtsarbeit kommen übrigens noch die Nebenjobs: die Reinigung der WC und der Böden in den Ausstellungssälen. Und Dévaud zum Beipsiel ist nebenbei noch zuständig für den Postausgang des Museums.

Die Professionalisierung nimmt zu

Dass Freiwillige in einem Museum den Aufsichtsdienst allenfalls kurzfristig machen können, schliesst Pierre Dévaud nicht aus. «Aber längerfristig führt Freiwilligenarbeit in diesem Bereich zum Chaos. In den letzten Jahren ist das Kunstmuseum deshalb vollständig davon weggekommen, für die Aufsicht Pensionierte einzustellen.» Die Anforderungen an Fach- und Sprachkenntnisse, Zuverlässigkeit, Kondition und flexible Präsenz hätten zu einer zunehmenden Professionalisierung geführt: «Die Aufsicht ist eben das Aushängeschild eines Museums. Das wird auch das Klee-Zentrum erfahren.»

Letzthin ist Pierre Dévaud auf einer Reise durch Nizza in einem Streik der Camionneure stecken geblieben. Als er gesagt habe, er müsse weiter, habe er zur Antwort bekommen: «On s’en fou. Vous restez là maintenant.» Natürlich sei die Schweiz nicht Frankreich: «Aber wird müssen wohl hier auch lernen, ein bisschen kämpferischer zu sein. Sonst geht es mit unserer Arbeit vielleicht tatsächlich bachab.»

 

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Die Jobs des Kunstmalers

Pierre Dévaud ist 53jährig und lebt im bernischen Bäriswil in einem alten Bauernhaus, das, wie er sagt, angefüllt sei mit seinem wachsenden Lebenswerk als Kunstmaler. Aufgewachsen ist er mit französischsprachigen Eltern im appenzellischen Teufen. Er liess sich in St. Gallen zum Textilkaufmann ausbilden und kam dabei in der Textilfachschule in Wattwil zum ersten Mal mit künstlerischem Gestalten in Kontakt. Anfang der siebziger Jahre gehörte er zur Kunstszene St. Gallens. Neben der Arbeit besuchte er dort die Kunstgewerbeschule, ab 1974 dann in Zürich. Seit damals versteht er sich als Kunstmaler.

Als ihm 1976 das ersparte Geld ausgeht, beginnt er zu jobben: Er arbeitet als Flachmaler, als Bühnenbildner am Stadttheater St. Gallen, als Dachdecker, als Handlanger auf dem Bau. Sobald er wieder bei Kasse ist, beginnt er jeweils zu malen, reist wegen der Landschaften und der Farben häufig nach Südfrankreich. Seit 1980 lebt er in Bern, jobbt als Magaziner, im Gastgewerbe, in Büros oder als Buchhalter. 1989 lässt er sich in der Haustechnik des Hotels «Alpha» fest anstellen. Im Frühjahr 1994 wechselt er als Aufseher in das Kunstmuseum Bern. Daneben arbeitet er als Zeichner und Kunstmaler weiter, zurzeit an einer Auftragsarbeit: Landschaften des Freiburgerlands.

Pierre Dévaud ist im Kunstmuseum zu 75 Prozent angestellt und verdient 2850 Franken netto pro Monat.

Die Redaktion setzte den Titel «Wut übers Klee-Museum».