Paradoxes Autonomie-Verständnis

Über das letzten Wochenende ist das Ultimatum der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) an die BewohnerInnen der Wagenburg auf dem Vorplatz abgelaufen (WoZ Nr. 4 /1993). Weder hat die IKuR den Vorplatz geräumt, noch hat sie die Polizei geholt, noch hat sie alternative Kulturräume besetzt, noch hat sie die Reitschule auf Zeit geschlossen, noch hat sie sich kampflos zurückgezogen. Sie hat einen sechsten Weg gefunden: Sie hat der staunenden Welt ein Communiqué gefaxt.

Darin steht: «Offenbar wird nun von vielen Seiten erwartet, dass wir die Leute vom Vorplatz rausprügeln oder selber die Reitschule verlassen. Keines von beidem wird zutreffen.» Nach dem 17. Dezember 1992, als auf dem Vorplatz der Reitschule eine Frau erschossen worden war, sagte die IKuR das Gegenteil: «Wir wollen in den nächsten zwei Monaten versuchen, unsere Forderungen [Keine Gewalt, keine Waffen, Kein Deal, fl.] durchzusetzen. Wenn wir dies nicht schaffen, […] geben wir als BetreiberInnen die Reitschule definitiv ab.»

Im neuen Communiqué heisst es weiter: «Angesichts der Gewalttätigkeit der Vorplatzleute und ihrer Verbündeten sind wir von allfälligen Räumungsabsichten abgekommen.» Damals schrieb die IKuR: «Waffen und die damit zusammenhängende Unkultur machen uns Angst. Wir sind nicht mehr gewillt, diese Leute zu tragen: Sie sollen gehen.»

Zu ihren neuen Einsichten sind die IKuR-Leute nicht freiwillig gekommen. Am Sonntag, 21. Februar, haben sie nach der ordentlichen Vollversammlung versucht, das Reitschulareal gegen den Vorplatz hin zu verbarrikadieren. Die Vorplatzleute glaubten, die Räumung hätte begonnen, und griffen zu Farbe, Wasser, Baseballschlägern und Buttersäure. Der «Bund» kommentierte lakonisch: «Wieder einmal hat die IKuR eine Niederlage gegen den Vorplatz einstecken müssen.» Übrigens hat ein IKuR-Mitglied während dieses Scharmützels die neue Finanzdirektorin der Stadt, Therese Frösch, telefonisch zu Hilfe gerufen (sie erschien prompt). Für die IKuR, so lässt sich daraus lernen, gibt es offenbar neuerdings eine liebe Stadt (die Finanzdirektion), die helfen soll, wo die Not am grössten ist – und eine böse Stadt (vorab die Polizeidirektion), die weiterhin mit radikaler Rhetorik bekämpft wird. Bei einem derart paradoxen Autonomie-Verständnis ist die Zusicherung, «dass wir eine politische Lösung dieses Konfliktes anstreben», eher als eine Absichtserklärung ein dunkler Orakelspruch.

Sicher: Nicht nur die Verlautbarungen der IKuR sind voller Widersprüche: Die Situation, in der die IKuR steckt, ist es. Für die Probleme auf der Schützenmatte gibt es keine einfachen Lösungen. Und dass die IKuR nach fünfjähriger Aufbauarbeit an ihrem Projekt hängt und deshalb jetzt mit den Vorplatzleuten wieder wie eh und je um einen Modus vivendi weiterverhandeln will, ist aus ihrer Geschichte heraus verständlich.

Vorzuwerfen ist ihr aber, wie sie sich heute darüber hinwegzuschummeln versucht, dass sie, gemessen an ihrem eigenen Ultimatum, jetzt ohne Wenn und Aber gehen müsste. Das, was die IKuR heute sagt, hat nichts zu tun mit dem, was sie vor zwei Monaten gesagt hat; und was sie damals sagte, nichts mit dem, was sie heute tut. Wie soll man da als einer, der noch vor der Postmoderne politisiert worden ist, solidarisch bleiben? Das, befürchte ich, frage nicht nur ich mich.