Ohne Elektriker Gómez hätten alle weggeschaut

22. Mai, Alltag auf einer Baustelle. Im Hochhaus an der Neumattstrasse 2 in Belp ist die Renovation der Badezimmer und Küchen im Gang. Mit Vorschlaghämmern werden Gipswände herausgeschlagen.

In einer Pause trifft der 24-jährige Elektriker David Gómez auf dem Balkon einen deutschen Sanitärinstallateur. Ob er nichts zu tun habe, fragt er ihn ironisch. Der Deutsche bleibt ernst: Doch, aber in diesem Asbeststaub mache die Arbeit keine Freude. Gómez fragt nach. Zusammen mit zwei Kollegen und zwei Stiften sei er daran, das Abflussrohr für das Dachabwasser wegzuschneiden und herauszuspitzen. Solche Rohre seien meist asbesthaltig. Der Staub in der Luft sei Gift für die Lungen.

Chef wiegelt ab

Gómez wird stutzig. Als Fussballspieler und Bergsteiger braucht er seine Lungen noch. Er geht zum Bauführer, es gebe ein Asbestproblem. Darüber solle er mit dem Architekten reden, andwortet der. Gómez tut’s. Der Architekt lässt die Spitzarbeiten unterbrechen. Damit sei die Sache erledigt – Rauchen sei sowieso schädlicher.

Aber rauchen tut jeder freiwillig, denkt Gómez. Er weiss, dass viele Elektriker, die früher ungeschützt mit asbesthaltigen Schalttafeln gearbeitet haben, später an Krebs erkrankt und früh gestorben sind. Weil er Gewissheit will, ruft er seine Gewerkschaft an. Bei der Unia Sektion Bern wird er mit Carmen Rocha verbunden, die für das Bauhauptgewerbe zuständig ist.

Sie geht dem Hinweis von Gómez noch gleichentags nach, organisiert ein Stück des herausgespitzten Abflussrohrs und bringt es ins Stadtlabor Bern zur Untersuchung. Gómez informiert unterdessen seinen Chef, für den er als Elektriker temporär arbeitet. Auch der wiegelt ab, warnt ihn vor der Gewerkschaft. Die mache wegen nichts immer gleich ein Riesentheater. Drei Stunden später liegt die Analyse des Stadtlabors vor: Der Faserzement aus Belp enthält zirka zwanzig Prozent Weissasbest und zirka fünf Prozent des noch gefährlicheren Blauasbests.

Jetzt interveniert die Unia. Sie will wissen, welche Schutzmassnahmen vorgesehen sind. Als nichts passiert, verlangt Unia-Sektionsleiter Roland Herzog eine Messung der Asbestfasern in der Luft. Eine Woche, nachdem die Spitzarbeiten eingestellt worden sind – und trotz häufigem Lüften – werden schliesslich immer noch 666 Asbestfasern pro Kubikmeter Luft gemessen. Der SUVA-Grenzwert liegt bei 1000, die Messfirma empfiehlt 700. Dass während der Abbrucharbeiten mehr Fasern in der Luft waren, ist allen klar.

Keiner dankte ihm

Auf der Baustelle bedankt sich keiner beim Elektriker Gómez. Im Gegenteil: Er sei schuld, wenn es Verzögerungen gebe, man arbeite ja immer wieder in solchem Staub, das sei doch egal. «Mir nicht, wenn er gefährlich ist», habe er geantwortet. Und fügt jetzt bei: «Wie wenn ich einen Fehler gemacht hätte!»

Das lokale Architekturbüro, das die Renovation im Auftrag der Hauseigentümerin, der Firma Winterthur Versicherungen, durchführt, hat die Unia-Intervention schliesslich verstanden: Sie hat alle Empfehlungen des Luftmessteams umgesetzt und eine Spezialfirma aufgeboten, die die Baustelle in Schutzanzügen gereinigt hat, und sie hat das sachgerechte weitere Vorgehen garantiert.

«Wir müssen das Bewusstsein der Arbeitenden für das gefährliche Asbest weiter stärken», meint Carmen Rocha. Und der bescheidene Gómez sagt: «Die Unia ist für mich hingestanden und hat mich unterstützt.» Aber ohne ihn hätte die Unia nichts unternehmen können.

Täglich stossen Arbeiter bei Renovationen auf Asbest. Und überall spart Wegschauen Zeit und Geld. Aber Wegschauen ist kurzsichtig. Auf jeder Baustelle wäre ein mutiger Mann wie David Gómez nötig.