Niemand wurde sitzengelassen

«Der Artikel in der ‘Sonntagszeitung’ tut schon ein bisschen weh», sagt Karin Schuster, Zahlstellenleiterin der Unia-Arbeitslosenkasse an der Münzgasse in Winterthur. Im Artikel wurde behauptet, Tausende von Arbeitslosen seien von der Unia über die Festtage im Stich gelassen worden und hätten kein Geld ausbezahlt bekommen. «Wir haben im Dezember das Möglichste getan, damit alle Berechtigten trotz der Zusammenführung der Arbeitslosenkassen von GBI, Smuv, VHTL und Actions[1] ihr Geld rechtzeitig bekommen haben.» Ärgerlich war im Artikel zudem die Behauptung, die Gewerkschaftsbüros seien ab dem 18. Dezember geschlossen geblieben. «Zwar war das Gewerkschaftsbüro der Unia Winterthur ab dem 23. Dezember geschlossen, aber wir haben zwischen Weihnachten und Neujahr gearbeitet, der Schalter war geöffnet und die Telefone waren bedient.» Hier habe es in den ersten Januartagen nicht mehr Pendenzen gegeben als zu Beginn anderer Jahre.

Zwischen Gewerkschaft und Gesetz

Als Leiterin der Zahlstelle ist Karin Schuster nicht nur für Arbeitsabläufe und Arbeitspläne verantwortlich. Bei der Abklärung der Anspruchsberechtigung bearbeitet sie oft knifflige Fälle, klärt Fragen wie die folgenden: Sind die Kündigungsfristen eingehalten worden? Warum hat jemand gekündigt? Wie sieht das die antragstellende Person, wie der Arbeitgeber? Liegt ein Selbstverschulden vor? Wenn ja, in welchem Grad? Wieviele «Einstelltage» – also Tage, an denen kein Arbeitslosengeld bezahlt wird – müssen verfügt werden?

Die Erarbeitung des Entscheids, ob jemand auf Arbeitslosengeld Anspruch hat oder nicht, sei «eine schwierige und belastende Arbeit», sagt Schuster: «Die Verfügung, dass jemand keinen Anspruch auf das Geld hat, kann an die Existenz der betroffenen Person gehen.» Man arbeitet hier in einem Spannungsfeld: einerseits für die Gewerkschaft und andererseits im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) nach den Vorgaben des Arbeitslosenversicherungsgesetzes: «Der Spielraum ist für alle Versicherten – ob Unia-Mitglieder oder nicht – gleich anzuwenden.» Wenn es nach dem Arbeitsverlust auch mit dem Arbeitslosengeld nicht nach Wunsch klappt, komme es schon vor, dass ein Mitglied laut werde, weil es sich von der eigenen Gewerkschaft im Stich gelassen fühle. «Irgendwo müssen die Leute dann ihren Frust abladen», sagt Schuster, «und wenn ich den entsprechenden Brief unterschrieben habe, trifft’s am Telefon halt mich.»

Der hektische Dezember

Im Zuge der Unia-Gründung ist die GBI-Zahlstelle an der Münzgasse in Winterthur zur Unia-Zahlstelle gemacht worden. Zu den bisherigen 2500 GBI-Dossiers kamen so zusätzlich jene der Gewerkschaften Smuv und VHTL. Allerdings nicht alle, denn mit der Zusammenführung der ursprünglich 128 Zahlstellen von GBI, Smuv, VHTL und Actions änderten auch die regionalen Zuständigkeiten der 68 neugeschaffenen Unia-Kassen. So war es eine heikle organisatorische Aufgabe, dass am 1. Januar 2005 alle Dossiers am richtigen Ort lagen. Ein Teil der Winterthurer Smuv-Dossiers kam nach Uster, ein anderer nach Wetzikon.

Exakt sortiert werden mussten zudem die archivierten Dossiers ehemaliger Bezüger und Bezügerinnen: Sollte jemand erneut die Arbeit verlieren, dann muss das Dossier auf der richtigen Zahlstelle liegen, damit es sofort aktiviert werden kann. Zügelschachteln voller Dossiers sind deshalb über die Festtage zwischen den Unia-Zahlstellen hin und her geschickt worden.

Und dann war eben Dezember: für Arbeitslose erfahrungsgemäss ein schwieriger Monat. Karin Schuster: «Wer Arbeitslosenentschädigung bezieht, erhält bedeutend weniger Geld, als er zuvor zur Verfügung hatte. Deshalb müssen wir im Dezember wegen der Feiertage mit den Leuten besonders sensibel umgehen. Wenn irgendwo ein Formular verloren geht und fehlt, können wir die Geldüberweisung nicht auslösen.» Auf der Zahlstelle Winterthur habe man am Anschlag gearbeitet, aber: «Ich muss meinen Leuten ein grosses Dankeschön aussprechen. Sie haben ausgezeichnet gearbeitet.»

Auch wenn es Wichtigeres gebe als einen Artikel in der «Sonntagszeitung», war er eben doch eine Frechheit: «Auf den Zahlstellen sind wir ja nicht dafür da, die Leute sitzen zu lassen. Wir arbeiten hier, damit sie ihr Arbeitslosengeld rechtzeitig bekommen. Diese Dienstleistung erbringen wir so gut wie irgend möglich.»

[1] Actions war eine Genfer Gewerkschaft im Tertiärsektor, die am 16. Oktober 2004 mit den grossen Gewerkschaften Smuv, GBI und VHTL zur Gewerkschaft Unia fusioniert hat. 

 

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Lehrjahr auf der Seidenstrasse

Nach der kaufmännischen Ausbildung in einem Hotel kam die heute 35jährige Karin Schuster in Zürich zum Reisebüro «SSR Reisen». Sie arbeitete in der Abteilung Einkauf, wurde zum Productmanager befördert und kam viel in der Welt herum: «Das war eine Superzeit. Ich habe dort extrem viel gelernt.» Nach sechs Jahren, 1996, kündigt sie und bereist drei Vierteljahre lang Asien, zuerst die Seidenstrasse von Pakistan bis Peking, später Thailand und Indien.

Zurück in Zürich arbeitet sie zuerst anderthalb Jahre als Abteilungsleiterin bei einem auf Kanada spezialisierten Reisebüro. 1998 wird sie Beraterin von Erwerbslosen auf einem der Zürcher Regionalen Arbeitsvermittlungsbüros (RAV), das bald geschlossen wird, weil damals die Arbeitslosenzahlen zurückgehen. Sie wechselt in ein zweites und später noch in ein drittes dieser Büros. In dieser Zeit absolviert sie die Berufsmatur und die Ausbildung zur Personalberaterin.

Ab 2002 ist sie Firmenberaterin bei der Abteilung Arbeitsbewilligungen der Stadt Zürich. Dort ist sie zuständig für den Bereich der Finanzinstitute und entscheidet über Arbeitsgesuche für ausländisches Personal. Als sie sich nach einer neuen Herausforderung umsieht, wird ihr von GBI Zürich angeboten, für die Gewerkschafts-Arbeitslosenkasse Leiterin der Zahlstelle Winterthur zu werden.

Karin Schuster lebt in Wettingen, arbeitet zu hundert Prozent und ist Mitglied der Gewerkschaft Unia.

Die Redaktion setzte den Titel «Gelauert haben nur die Medien».