Nie mehr zurück in die Kiste!

«Klar war von Anfang an: Es wird keine Krankenschwester und kein Sozialpädagoge angestellt. Das gibt es hier nicht», sagt Margrit Meyer, die Geschäftsführerin des Mooshuus. Daniela Moser, verantwortlich für die Einsatzpläne der achtzehn Betreuer und Betreuerinnen, die sich hier in insgesamt acht Vollstellen teilen, ergänzt: «Das gäbe Megakonflikte!» Hier werden keine Profis angestellt. Trotzdem – oder gerade deshalb – funktionierts. Vom ehemaligen Schreiner bis zur Hausfrau bleiben die Angestellten gewöhnlich über viele Jahre. Ob man daraus schliessen könne, dass sie gute Arbeitgeberinnen seien? Beatrice Tobler, die mit ihrem Auto viermal in der Woche ins Spital Burgdorf fährt, wo sie zu fünfzig Prozent beim Sozialdienst arbeitet, sagt: «Wir geben uns Mühe.» Jetzt lachen die drei Frauen in ihren Rollstühlen in der Wohnküche im Mooshuus in Moosseedorf.

Ein schweizweit einzigartiges Projekt

Bis Mitte der achtziger Jahre hat Margrit Meyer in der Stadt Bern, im Ausbildungs- und Wohnheim Rossfeld, gelebt: «Dort hat man uns verwaltet. In Betreuersitzungen ist über uns diskutiert und bestimmt worden. Sogar wann unsere Bettwäsche zu wechseln sei, wurde festgelegt. Solche Eingriffe in die Privatsphäre haben uns motiviert, das Projekt Mooshuus anzupacken.»

Damals wurde in Moosseedorf eine neue Blocküberbauung geplant. An der mittleren der drei Einheiten begann eine Gruppe körperlich Behinderter mitzuplanen. Die Zeit war günstig. Im Kanton Bern gab es damals nicht nur ein Unterangebot an behindertengerechten Wohnmöglichkeiten, sondern auch Geld für ein Projekt. «Wir haben das Konzept selber gemacht, und ausser bei den Aussenmauern konnten wir überall mitbestimmen», sagt Margrit Meyer. Aber die Architektur war nicht Selbstzweck. Hier sollte die Utopie einer Lebensform realisiert werden, die Mitsprache und Selbstverantwortung im Alltag möglich machen würde.

Seit achtzehn Jahre wird diese Lebensform unterdessen im Mooshuus praktiziert – zurzeit von fünf Frauen und sieben Männern. Die HausbewohnerInnen sind selber zuständig für die Administration und die Betriebsleitung. Das macht das Projekt schweizweit einzigartig. Als Geschäftsführerin des «Vereins zur Schaffung von Wohnmöglichkeiten für körperlich Behinderte» ist Margrit Meyer heute nicht nur für das Mooshuus zuständig, sondern seit Anfang der neunziger Jahre auch für die WG Landoltstrasse in Bern und das Wohnhaus Holzgasse in Kerzers (FR).

Was Mitsprache und Selbstverantwortung im Alltag bedeutet, erläutert Daniela Moser: «Wir Bewohnerinnen und Bewohner sprechen untereinander ab, wer wann aufsteht. In anderen Institutionen wird das von den Betreuenden bestimmt…» – «…und auch, wer abends länger ausgehen darf», ergänzt Beatrice Tobler: «Ich habe im ‘Rossfeld’ erlebt, dass höchstens drei länger als 22 Uhr aufbleiben durften.» Und wieder Daniela Moser: «Hier können wir nach Hause kommen, wann wir wollen.»

Ganz freiwillig ist niemand hier

Im Vergleich mit anderen Behindertenwohnheimen ist das Verhältnis im Mooshuus vom Kopf auf die Füsse gestellt. Hier bestimmt nicht das Personal über die BewohnerInnen, indem es sie unselbständig macht, um sie effizient umsorgen zu können. «Wir bestimmen, wie die Angestellten uns helfen sollen, damit wir so leben können, wie wir wollen. Wir sind die Profis und haben Angestellte, die wir jeden Tag neu anleiten», sagt Daniela Moser.

Im Hintergrund der Wohnküche verschwindet der Gang, der zu den Privatzimmern führt. Ob der Eindruck trüge, oder ob sie hier tatsächlich als Wohngemeinschaft zusammenlebten? Margrit Meyer verneint: «Wir sind alle nicht freiwillig hier. Wenn wir nicht behindert wären, würden wir wahrscheinlich nicht zusammen wohnen.» Der Eindruck einer grossen Familie sei deshalb falsch. Zwar gebe es das schon, dass man ab und zu gemeinsam hier am Tisch ein Glas Wein trinke. Aber jede habe draussen ihre eigenen sozialen Netze.

«Das bedeutet», sagt Beatrice Tobler, «dass die Leute, die hier wohnen wollen, gewillt sein müssen, ihr Leben selbständig und eigenverantwortlich zu leben. Hier drin gibts keine Beschäftigungsprogramme. Ich muss selber sehen, wie ich meinen Tag gestalte.» Wer hierher komme, müsse fähig sein, ein eigenes Netz aufzubauen und zu erhalten. Auch wenn es, wie Margrit Meyer ergänzt, auch schon Zeiten gegeben habe, in denen drei, vier Leute im Haus enger zusammengelebt hätten.

Der Spardruck trifft die Lebensform

Heute ist das selbstbestimmte Leben der Mooshuus-BewohnerInnen bedroht. Im Sommer 2003 kündigte der Kanton Bern massive Subventionskürzungen an. Unterdessen kennt man die Zahlen: Statt wie bisher 110’000 Franken erhält das Mooshuus in diesem Jahr noch 50’000. Und nur, weil das Kantonsparlament letzthin eine Motion gutgeheissen hat, die ein vierjähriges Moratorium für weitere Sparmassnahmen im Behindertenbereich fordert, hat man hier eine gewisse Gewähr, dass diese 50’000 Franken nicht schon im nächsten Jahr weiter zusammengestrichen werden.

Gleichzeitig hat das Bundesamt für Sozialversicherung die Bundesbeiträge in diesem Jahr auf dem Stand des Jahres 2000 eingefroren, was eine Kürzung von rund 20’000 Franken bedeutet. Im laufenden Jahr fehlen deshalb zirka 80’000 Franken in einem Budget, dessen Aufwand zum grossen Teil Personalkosten beinhaltet. Beim bereits knappen Stellenplan ist kein Abbau mehr möglich, und Lohnkürzungen wären deshalb nicht zu verantworten, weil die Löhne seit mehreren Jahren nicht mehr erhöht worden sind. «Sparen können wir deshalb kaum mehr», sagt Margrit Meyer.

Was bleibt, ist, das Tarifsystem jenem anzupassen, das in anderen Behinderteninstitutionen angewandt wird. Dort werden die Tarife so angesetzt, dass die BewohnerInnen Ergänzungsleistungen (EL) beanspruchen müssen. Zwar ist dann alles inbegriffen, aber ihnen bleibt gerade noch ein Taschengeld von 200 bis 300 Franken monatlich für Kleider, Toilettenartikel und für die Freizeit. Im Mooshuus dagegen bestreiten die BewohnerInnen die Kosten so weit wie möglich aus ihrem Einkommen: Sie zahlen Steuern und Krankenkassenprämien, und das Essen und die Wäsche sind in der Pauschale nicht inbegriffen.

Durch die Subventionskürzungen werden die Lebenskosten für die BewohnerInnen im Mooshuus nun so hoch, dass auch sie EL beantragen müssen. Diese werden mit dem Lohn so verrechnet, dass schliesslich nur noch das Taschengeld von 200 bis 300 Franken bleiben wird. «Bei diesem System», schliesst Margrit Meyer, «ist man blöd, wenn man trotzdem noch Lohnarbeit macht». Besonders ärgerlich: Die EL wird zu 65 Prozent vom Kanton und zu 35 Prozent vom Bund bestritten, das heisst, die bisherigen Subventionsgeber belasten intern andere Kassen, ohne unter dem Strich viel sparen. Das einzige, was sie mit Sicherheit erreichen: Sie zerstören die bisherige finanzielle Autonomie der Mooshuus-BewohnerInnen. Meyer: «EL gilt ja nicht als Fürsorge, aber es ist klar: Für uns ist es das.» Daniela Moser: «Auf die Gemeinde gehen zu müssen gibt ein Gefühl von: Ich muss betteln gehen.» Und auch, wenn man es anders anzuschauen versuche, sagt wiederum Meyer: «Sich immer alles schenken zu lassen, ist nicht das, was wir wollen.»

Das kleine und das grosse Geld

Unterdessen haben die Bewohner und Bewohnerinnen im Mooshuus verschiedene Massnahmen eingeleitet, um die entstandenen finanziellen Löcher zu stopfen. Eine davon – die Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit – hat zu diesem Bericht geführt. Aber angesprochen werden sollen jetzt nicht nur die Medien: «Wir sind in all den siebzehn Jahren still gewesen, so still, dass uns nicht einmal die Leute im Dorf hier kennen.» Darum wird das Mooshuus Anfang Mai mit einem eigenen Stand am Moosseedorfer Geranienmarkt mitmachen.

Dort soll zum Beispiel auf den Förderverein Pro Mooshuus aufmerksam gemacht werden, den die HausbewohnerInnen gegründet haben. «Das Ziel ist», sagt Beatrice Tobler, die im Vereinsvorstand sitzt, «so viel Geld wie möglich hereinholen». Und zwar «grosses Geld» und «kleines Geld». Was das kleine betrifft, will der Verein in der Region, aber auch im persönlichen Umfeld der BewohnerInnen Vereinsmitglieder werben, die über die Mitgliederbeiträge jährlich wiederkehrende Einnahmen garantieren. Als Gegenleistung an sie studiert man im Mooshuus an «Events» herum – vom Jassturnier bis zum «Riesen-Fest». «Grosses Geld» erhofft man sich zudem von Stiftungen, Spenden und Sponsoring.

Irgendwie muss das Geld her. «Man hat uns aus der engen Behindertenkiste herausgelassen und in der Gesellschaft integriert», sagt Daniela Moser, «jetzt sind wird draussen. Wir werden nicht freiwillig in die Kiste zurückkehren.»

Der Mooshuus gehört neben der WG Landoltstrasse weiterhin zum Verein zur Schaffung von Wohnmöglichkeiten für körperlich Behinderte (VSWB), siehe hier.