Neues Dorf statt alte Kohlenhalle

Bis in die Stadtverwaltung hinein geniesst das Zaffaraya, das vor anderthalb Jahren spontan gewachsene Abfalldorf auf dem verwildernden, ursprünglich von verrottendem Zivilisationsschutt übersäten, heute von den Zaffarayas gesäuberten Gelände an der Aare, Sympathien und eine gewisse Protektion. Der Stadtschreiber-Stellvertreter Jürg Biancone hat in einem Brief vom 10. April an die Zaffarayas zwar festgehalten: «Gleichzeitig bestätigen wir Ihnen, dass der Gemeinderat an seinemGrundsatzentscheid vom 1. April festhält.» Er hat auch auch geschrieben: «Er [der Gemeinderat, fl.] hat jedoch beschlossen, vorläufig von der Räumung des von Ihnen besetzten Geländes abzusehen.» In der Tat hat die Berner Exekutive nicht wie gedroht am letzten Montag das gerichtliche Ausweisungsverfahren («Exmission») eingeleitet. Sie will vielmehr nach Ostern mit den «BesetzerInnen» Gespräche aufnehmen.

Unterdessen haben die Zaffarayas am Sonntag in der Pergola ihres Dorfes – einer zeltplanenbespannten Holzkonstruktion mit einer Öffnung im Dach für den Rauchabzug des Lagerfeuers – unter dem Titel «Projekt Freies Land Zaffaraya» ihre alternative Planung des Gaswerkareals vorgestellt. Die Grundidee: Die Stadt soll die alte Kohlenhalle, «momentan städtische Gerümpelkammer», die ganz in der Nähe des jetzigen Zaffarayas steht, abreissen: «Auf dem dort ohnehin verdichteten Boden soll der neue Dorfkern entstehen, das bedeutet Umsiedlung unserer Fahrnisbauten», schreiben die Zaffarayas in ihrem Projektpapier. Aus zwei Gründen wollen sie umziehen: «1. Ein Zusammenrücken der Tipis, Hütten und Busse ist für unser soziales und kulturelles Experiment nur wünschenswert. 2. Wir überlassen so einen grossen Teil des Geländes den Pflanzen und Tieren.»

Für die Gestaltung des neuen Dorfkerns sollen folgende Grundsätze leitend sein: «Alle Konstruktionen bleiben grundsätzlich veränderbar. Sie sollen einerseits individuelle Entfaltung ermöglichen und andererseits ein soziales Verhalten fördern. Die Grundsätze des ökologischen Bauens werden voll einbezogen. Die verwendeten Materialien werden nach folgenden Kriterien ausgewählt: Energieaufwand bei der Herstellung; gesundheitsgerechte Zusammensetzung; Wiederverwendbarkeit; unabhängige Energieversorgung wird gewährleistet durch Solarzellen; ein öffentliches Biogas-WC und die Konstruktion eines Zieh- oder Pumpbrunnens.»

Die Neukonzeption des Zaffarayas als «soziales und kulturelles Experiment in Einklang mit der Natur» stützt sich vor allem auf die Thesen des holländischen Gartenbauarchitekten Louis Le Roy. Statt eine öffentliche Anlage mit Parkplätzen, unbetretbarem Rasen, umzäunten Biotöpchen und hochgezüchteten, pflegeintensiven Blumenrabatten soll aus dem Gaswerkareal ein «wilder Garten» werden. Das Areal, das sich dank ökologischer Nutzung durch die Zaffarayas und ihre Haustiere langsam wieder regenerieren könnte, würde ungefähr dreissig Leuten Lebensraum geben.

Öffentlich soll das Areal aber bleiben: «Niemals bezwecken wir die Privatisierung des Geländes, Privatbesitz kann für uns kein Ziel sein. Trotzdem sind wir bereit, der Stadt für die Nutzung des Geländes einen angemessenen Mietzins zu bezahlen.» Finanzielle Unterstützung wollen die Zaffarayas für ihr Projekt von der Stadt keine; sie wollen einzig, dass sie die baufällige Kohlenhalle abreisst.