Mythos Mani Matter

Am 24. November 1992 sind es zwanzig Jahre gewesen, dass der Rechtskonsulent der Stadt Bern, Hans Peter Matter (* 1936), schon damals unter dem Namen Mani als Liedermacher populär, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Sein Leib ist fünf Tage später auf dem Bremgartenfriedhof kremiert worden; sein Bild des ewigjungen, skeptisch-gescheiten Berner James Dean, «wo so liedli macht», hat sich seither zum Mythos ver-dichtet.

Das Merkwürdige am Mythos Matter ist, dass er auf einem Paradox gründet. Seit seinem Tod wird im Matter-Bild nach Möglichkeit die Privatperson ausgespart, von seiner Familie aus verständlichen Gründen. Aber auch Freunde und Bekannte verschweigen das, was sie für privat halten, von Fall zu Fall öffentlich und demonstrativ. Matters Jugendfreund Adolf Burkhardt zum Beispiel hat, wie er sagt, seine Matter-Briefe verbrannt, um nicht in Versuchung zu geraten, sie eines Tages doch noch zu veröffentlichen. Der Journalist Christoph Kuhn, damals ein Bekannter der Familie Matter, hat letzthin im «Tages-Anzeiger» geschrieben: «Ich verspüre wenig Lust, in gemeinsamen Privaterinnerungen zu kramen, bin auch überzeugt, ihm und seiner Frau Joy diese Verweigerung schuldig zu sein.» (18.11.1992) Trotzdem ist einer ausgerechnet deshalb in die Rolle des Kronzeugen und Verwalters des publizistisch gültigen Matter-Bildes gerutscht, weil er ein Freund Matters war und seither seiner Familie verbunden geblieben ist. So formt bis heute einer massgeblich den Mythos Matter, für den die Grenzziehung zwischen öffentlich und privat von Erinnerung zu Erinnerung, von Foto zu Foto, von Dokument zu Dokument ein Herzensentscheid ist: Franz Hohler.

Hohler hat bereits 1977 einen Porträtband über Mani Matter veröffentlicht, der die Grenzlinien gezogen hat zwischen jenen Teilen der Matter-Biografie, die zum Matter-Mythos kanonisiert und jenen, die als «privat» der Vergessenheit anheimgegeben werden sollten. Auf den Herbst 1992 hat er nun dieses längst vergriffene Buch vollständig überarbeitet und zum zwanzigsten Todestag des Porträtierten neu herausgegeben: Es zeigt ein durch neues Material ergänztes, aber auch durch Weglassungen nachgedunkeltes Matter-Bild.

Eröffnet wird die Neuausgabe mit einem Mani-Matter-Interview, das Hohler Ende August 1971 geführt und zuerst in «Fragen an andere» (Zytglogge  Verlag, 1973) veröffentlicht hat. Danach skizziert er kapitelweise Aspekte aus Matters Biografie: Matters Kindheit und Jugend, Matter als Jurist, als Beamter, als Familienvater, als Politiker, als Liedermacher, als Lyriker, als Schriftsteller, als Musiker. Ergänzt wurde schon die erste Ausgabe mit Textbeiträgen von Zeugen, von Richard Bäumlin/Jörg P. Müller, Guido Schmezer, Kurt Marti, Fritz Widmer, Jakob Stickelberger. Diesmal kommt eine Gruppe von Kulturschaffenden hinzu. Alle haben sie einen Fragekatalog Hohlers über ihr Verhältnis zu Matter und seinem Werk beantwortet. Vervollständigt wird der Porträtband mit reichhaltigem Fotomaterial sowie Manuskript- und Notenfaksimiles.

Weil Hohler als Arrangeur des zunehmend endgültiger werdenden Matter-Bildes ein Gratwanderer zwischen Integrität und Befangenheit ist, sind die Retouchen, die er bei der Neufassung des Buches vorgenommen hat, aufschlussreich. Eine Linie, die seit 1977 noch dünner geworden ist, ist jene von Matter als Pfadfinder. Zwar vermeldet Hohler auf einer halben Druckseite (25 f.), Matter habe «mit grossem Eifer und einer anschliessenden lebenslänglichen Treue» bei der Pfadfinder-Abteilung «Patria» mitgemacht und nach der aktiven Zeit noch jahrelang Gedichte für das Mitteilungsblatt «hallo» und ganze Theaterstücke für die «Patria»-Unterhaltungsabende geschrieben.

Nicht im Buch steht aber zum Beispiel, dass Matters Engagement bei der «Patria» von 1944 bis 1965 (also länger als seine halbe Lebenszeit) gedauert hat. Oder dass Matter bis in den Stammesrat des Stamms «Grauholz» aufstieg und ihm sechs Jahre lang (bis 1961) angehörte. Oder dass im vierteljährlich erscheinenden Mitteilungsblatt der «Patria» der späteste Matter-Beitrag 1965 erschien, im gleichen Jahr wie seine Disseration. Drei Viertel der über zwanzig gedruckten Gedichte  erschienen nach 1959, zu einer Zeit also, als Matter seinen ersten Radio-Auftritt als Liedermacher bereits hinter sich hatte (1960), als Jurist das bernische Fürsprecherpatent erwarb (1961) und Assistent des Staatsrechtler Richard Bäumlin wurde (1963). Hohler schiebt seinen marginalen Abschnitt über Matters Pfadfinderei vor die Skizzierung von dessen Bildungsweg und suggeriert so den Charakter einer abgeschlossenen Episode, einer Jugendsünde. Ein kleiner, genau lokalisierbarer Tupfer aus Männerbündlerei und Paramilitarismus; ein Farbton, den man lieber ganz weggelassen hätte.

Dabei wäre ein anderes Matter-Bild denkbar, das über weite Teile mit diesem Farbton grundiert wäre und das gerade durch die Art Interesse erwecken würde, wie dieser Farbton nach und nach verschwindet und Neuem Platz macht: Mani (übrigens sein Pfadiname) war kein Mitläufer der Pfadfinderei. Er identifizierte sich mit dem «Allzeit bereit», und er glaubte lange Zeit an die Ideologie einer «ideologiefreien» politisch-pragmatischen Praxis. Deshalb ist für ihn die Pfadfinderei nicht erledigt gewesen, als sich 1958 seine Rovergruppe «Iong» aufgelöst hat. Er blieb noch für Jahre Pfadfinder im Geist; er war’s noch, als er 1964 das Parteipräsidium des «Jungen Bern» übernahm; einer politischen Gruppierung, die bis heute ein merkwürdige Mischung geblieben ist von politischer Partei und Pfadfindertrupp.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs entstanden, strebte das «Junge Bern» gegen die erstarrten Fronten, wie sie sich auch in der einheimischen Parteienlandschaft abbildeten, eine Entideologisierung des politischen Handels an, weil «so oder so oder anders die Ideologie den Weg nur verbaut zur glücklichen Lösung des Einzelfalls». Deshalb wollte Matter «aus dem Politisieren von Interessen herauszukommen». Gesucht war eine Politik über den fraktionellen Interessenlagen, getragen von einer unbefleckten Vernunft, vom moralischen Imperativ des guten Willens und umgesetzt durch «schöpferisches Handeln, dessen Grundlage heute zunächst nur eine offen eingestandene Ratlosigkeit sein» könne (Zitate aus Matter «Sudelheft», hier eine Notiz aus dem Jahr 1962).

Moralisieren war für Matter deshalb nicht Jugendsünde, sondern lange Zeit Voraussetzung für seine Konzeption des politischen Handelns. Sein Pfadi-Gedicht «Die Blasierten» zum Beispiel endet: «Wenn ihr glaubt, dass Gummikauen, / müd, mit hochgezognen Brauen, / schön und intressanter sei, / als im Wald herumzulaufen, / seid doch konsequent dabei: / Geht die Uniform verkaufen / und verlasst die Pfaderei! // Bis ihr dann erkennend sprecht: / Sie war doch nicht ganz so schlecht!» («Hallo», 3/1960) Der Schluss von «Moralin» lautet: «Nicht zu grossen, kühnen Taten / will ich raten, bhüetis, nein; / nur dazu, ein wenig kritisch / und nicht gar so faul zu sein» (4/1961). Matters Vorliebe für den mehr oder weniger ironisch erhobenen Zeigfinger findet sich auch in mehreren seiner frühen Lieder (die ebenfalls zum zwanzigsten Todestag – unter dem Titel «Einisch nach emne grosse Gwitter» – erstmals erschienen sind). Man lese daraufhin Chansons wie «novämbernacht», «ds trambiliee» oder «ds gschpänscht».

Ich meine, Mani Matters Biografie ist gerade deshalb spannend, weil er zwar Pfadfinder gewesen, es aber nicht geblieben ist. In der Zeit des nonkonformistischen Aufbruchs (ab 1965), hat er einen Weg zu machen begonnen, der seine Weltanschauung zu verändern begann. Weil  Matter fähig war, erreichte Positionen denkend zu überwinden – das zeigen seine späten Lieder oder sein Engagement bei der Gründung der Gruppe Olten – war er mehr als ein Liedermacher: Er war ein Intellektueller. Wer heute seine Herkunft unterschlägt, verwischt den Weg, den er gegangen ist. Nicht dass er der vermutlich Originellste der Berner Troubadours war, macht seine Bedeutung aus, sondern dass er die Worte seines Freundes Kurt Marti beherzigt hat: «wo chiemte mer hi / wenn alli seite / wo chiemti mehr hi / und niemer giengti / für einisch z’luege / wohi dass me chiem / we me gieng». Matter hat den geistigen Schrebergarten der Pfadfinderei verlassen und sich als Intellektueller auf den Weg gemacht.

Ich bin deshalb mit Hohlers freundlichem, freundschaftlichem Matter-Bild nicht zufrieden. Es ist mir zu statisch. Andererseits ist klar: es gibt heute nichts Besseres und vollständigeres zu lesen über Matter als Hohlers Buch. Ich empfehle einfach bei der Lektüre die Frage im Hinterkopf zu behalten: Wenn mit dem kalten, professionellen Interesse der Literaturkritik jemand über Matters gesamten schriftlichen Nachlass und die gleichen mündlichen und schriftlichen Quellen verfügen würde, wo würden dann die Grenzen zwischen privat und öffentlich verlaufen?

En passant erwähnt Hohler (S. 91), nach Matters Tod habe der Benziger Verlag «einen Teil» der Tagebuchnotizen («Sudelhefte», 1974, «Rumpelbuch», 1976) herausgegeben. Nach welchen Kriterien bleibt der andere Teil «privat»? Zu wünschen wäre, dass der Benziger Verlag, der bisher an Matters Werk kein verlegerisches Risiko zu tragen hatte, erstens eine nach wissenschaftlichen Kriterien edierte Gesamtausgabe von Matters Werken herausbrächte (auf Matters sechzigsten Geburtstag am 4. August 1996 oder seinen fünfundzwanzigsten Todestag am 24.11.1997). Und zweitens eine Biografie (dass sein Buch dies nicht sei, betont Hohler in der «Vorbemerkung» seiner Arbeit).

Franz Hohler: Mani Matter – ein Porträtband; Mani Matter: Einisch nach emne grosse Gwitter – berndeutsche Chansons, beide Zürich (Benziger Verlag), 1992.

Den Text habe ich im Auftrag der «ZeitSchrift für Kultur Politik Kirche (Reformatio)» geschrieben und am 13. Dezember 1992 abgeliefert. Mit Brief vom 7. März 1993 ist er mit einer ausführlichen Begründung abgelehnt worden. Der Texte insinuiere eine Geheimnistuerei von Freunden und Angehörigen und begründe diese einzig damit, Matters Pfadfinderbezug werde zu wenig gewürdigt. Darüber hinaus reduziere er die Pfadfinderei auf die Klischees von Paramilitarismus und Männerbündlerei.