Mit 50 flügge

«Die Probleme werden nicht dadurch kleiner, dass ich sie nicht angehe.» Diesen Satz nicht zu denken und nie aufzuschreiben hätte Gertrud Auf dem Garten allen Grund gehabt. Ihre Psychiatriekarriere dauerte, seit sie als kaum Zwanzigjährige 1960 in England, wo sie sich zur Heilpädagogin ausbilden lassen wollte, einen ersten psychischen Zusammenbuch erlitten hatte, der ihr die Diagnose «Schizophrenie» eintrug. Dagegen gab’s Elektroschocks, Neuroleptika und Klinikaufenthalte, zum Beispiel im Landeskrankenhaus Osnabrück: «Es gab keine Anzeichen dafür, dass jemals im Leben noch etwas anders würde. Wir waren Leichen in der Warteschleife.» Dann kam sie doch wieder heraus, einige Jahre als Haushaltshilfe und Kinderfrau in verschiedenen Familien. Dann neue «Anfälle», neue Klinikaufenthalte. Irgendeinmal auch eine neue Diagnose: «Epilepsie».

Schliesslich lebt sie in Bremen in einem Wohnheim, arbeitet in einer Werkstatt für Behinderte, trägt einen Sturzhelm und schluckt Tabletten: ein chronischer Fall. Als sie am 4. Juli 1989 trotzdem den Satz: «Die Probleme werden nicht dadurch kleiner, dass ich sie nicht angehe» in ihr Tagebuch schreibt, ist sie 48 Jahre alt und hat «die letzten sechs Jahre kaserniert» verbracht. Nach bald dreissig Jahren Drehtürenpsychiatrie will sie wissen, was eigentlich los ist mit ihr: Ich werde nicht wieder beten, dass ich etwas dümmer sein möchte, damit ich nicht merke, was mich kränkt und ärgert.» Davon, was sie schreibend herausfand, als sie nun ernsthaft und hartnäckig wissen wollte, was sie zuvor so lange gekränkt und krank gemacht hatte, handelt ihr Tagebuch.

In diesem Sommer 1989 trifft sie für sich Entscheide. Der erste: Weg von der Psychiatrie. «Ich will mein Leben nicht wieder in Richtung Psychiatrie treiben lassen. Ich habe Angst vor dem Anblick solcher Mitmenschen, die chemisch gefesselt sind, die ihre Beine nicht stillhalten können, ihre Halsmuskeln anspannen müssen, die trippeln oder ihre Arme am Oberkörper hochziehen, deren Sprache sich zu einem Lallen verändert hat.» Zuerst selbständig, später in Absprache mit ihrem Arzt beginnt sie, ihre Medikamente abzubauen und innert anderthalb Jahren vollständig auszuschleichen. Der zweite Entscheid: Sie will wieder allein wohnen. Sie sucht und findet den Anschluss an eine Wohngenossenschaft, kommt auf die Warteliste der InteressentInnen und kann im April 1991 ihre eigene Wohnung beziehen.

Der befreiende Weg nach draussen

Diese erste Phase der Emanzipation von der Nabelschnur der Psychiatrie ist für Gertrud Auf dem Garten eine Zeit der spektakulären Fortschritte: Wegen des Medikamentenabbaus ist ihr Gang «nicht mehr so ‘besoffen’»; sie erfährt, als «wirklich schönes Ereignis», wie es ist, wenn man gehen kann, «ohne zu schwanken»; sie beginnt wieder, selbständig die öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen; im Sommer 1990 wird der Helm überflüssig; das Kopfweh verliert sich; sie ist nun fast dauernd unterwegs, testet ihre «Grenzen», kauft sich ein Velo, lernt schliesslich sogar schwimmen und lässt sich auch nicht verunsichern, als sie im Winter 1990/91 kurz nacheinander zweimal «auf die Schnauze» fällt: «Wenn ich müde bin, stolpere ich sehr leicht» – von Epilepsie ist nicht mehr die Rede.

Dies sind die Monate, in denen sie ihr Bewusstsein nach und nach zurückerobert, das sich schon bald der Einsicht öffnet: «Epilepsie habe ich nicht – habe ich nie gehabt. War dies alles ein böser Traum? Leider nicht. Epilepsie war es nicht, was war es dann? Da war was! Aber was?» «Entwickeln» und «auseinanderfalten» werden in dieser Zeit wichtige Begriffe in ihrer Schreibarbeit, denn sie macht nun auch beängstigende Erfahrungen: «Wenn ich mich auseinanderfalte, dann falle ich womöglich auseinander.» Sie leidet zwischenhinein nach wie vor unter dem Gefühl, nicht zu wissen, wo sie aufhört, darunter, «mehrere Menschen» zu sein: «Ich glaube, meine Haut hat mich nicht zu allen Zeiten richtig abgegrenzt», schreibt sie und notiert als Zeichen des Wohlbefindens: «Ich spüre, wo ich aufhöre und wo die Umwelt anfängt», und: «Die Welt fällt nicht in mich hinein.» Am 8. November 1990 hält sie selbstironisch fest: «Mit 50 flügge werden! […] wirklich eine reife Leistung.»

Der beängstigende Weg nach innen

Die zweite Phase der Emanzipation von der Nabelschnur der Psychiatrie beginnt in den Monaten vor und nach dem Umzug in die eigene Wohnung. Jetzt wird Gertrud Auf dem Garten zur Aktivistin: Sie besucht Gottesdienste, Arbeitsgruppensitzungen, Informationsveranstaltungen, marschiert im Januar 1991 mit bei den Friedenskundgebungen gegen den Kuwait-Krieg, befasst sich leidenschaftlich mit NATO-Strategien und Gortbatschows Sturz in Russland. Sie wird angetrieben von einem riesigen Nachholbedürfnis und dem verständlichen Wunsch, vor der eigenen versauten Biographie davonzurennen. Sie rennt und rennt, bis sie im Herbst 1991 in eine Krise stürzt und alle ihre Energie aufwenden muss, um «nicht abzudriften». Sie empfindet sich «wie eine Wolke oder wie ein Sieb», «auf dem besten Weg, mich aufzulösen», kommt sich wieder vor, als «wäre ich drei oder fünf verschiedene Menschen gleichzeitig». In diesen Wochen ist sie hin- und hergerissen, fühlt sich manchmal in ihrer Haut nicht abgegrenzt, dann wieder leidet sie darunter, nicht aus ihrer Haut heraus zu können: «Ich fühle mich in Bezug auf meine Identität nicht sicher. Behindert oder nicht behindert?» Was sie aus dieser Krise lernt: «Ich dachte einmal: ‘Das war früher, jetzt kann mir so etwas nicht mehr passieren.’ Es kann!» Aber trotzdem ist diese Krise nicht mit ihren früheren vergleichbar: Diesmal kommt Auf dem Garten «ohne ‘unterstützende’ Chemie», die jeweils die Empfindungen verfälscht habe, aus: «Die Erfahrung, die ich dabei machte, war ermutigend – auch für die Zukunft.»

Aber sie hat aus dieser Krise mehr zu lernen. Erst nach und nach kann sie sich schreibend erklären, wieso es zu diesem neuerlichen Absturz gekommen ist: Sie habe zuvor versucht, «die letzten dreissig Jahre innerlich auszuradieren», «ein Mensch ohne Geschichte zu werden». So geht es nicht, so geht es nie, denn die entscheidende Frage ist: «Ich habe mich irgendwann verrückt, fürchte ich. Wie rücke ich mich wieder zurecht?» Dazu ist es nötig, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Gertrud Auf dem Garten wurde am 28. Mai 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, in Deutschland geboren, ihre Eltern kamen im Krieg um, ihre Grossmutter, bei der sie daraufhin lebte und die jeweils zu ihr sagte: «Du ärgerst mich noch zu Tode», fiel an ihrem achten Geburtstag nach einer Auseinandersetzung mit ihr «tot um», wie sie sich sarkastisch erinnert. Danach kam sie zu Verwandten «in die Fremde». Entwurzelt und vereinsamt erfand sich das Kind seine «feste Gemeinschaft», die sie verloren hatte. Sie erdachte sich eine menschenfreundliche Jugendbande aus lauter Gespenstern, die solidarisch war mit fahrendem Volk, mit Pennern und Obdachlosen. Und ihr bester und einziger Freund wurde in diesen Jahren das Gespenst Arne Petzold, der – wenn es mit den wirklichen Menschen nicht mehr ging – jeweils zu ihr gesagt hat: «Lass uns weggehen.» All die Jahre seither ist sie mit Petzold, ihrem Gespenst, immer wieder weggegangen, «weggetreten», wie sie nun analysiert, auf der «Flucht aus der Wirklichkeit». Nach und nach begreift sie, dass «diese verrückte Entwicklung, die mich im Laufe der Jahre immer mehr von einer normalen Wirklichkeit entfremdet hatte», der wirkliche Grund ihrer «sonderbare[n] ‘Krankheit’» war. Nach und nach durchschaut sie, dass der «Zauberkreis», mit dem sie sich umgab, und deren Betreten von aussen jeweils als «Anfall» wahrgenommen wurde, «eine rückwärtsgewandte Sehnsucht» war, «die einfach nicht mehr angemessen ist».

Erwachsene leben nie im Paradies

In dieser Krise nimmt Gertrud Auf dem Garten Abschied von ihren Gespenstern. «Der Zauberkreis zerbricht», «mein Gefährte ist weg», die Welt ist «entzaubert». Sie leidet unter dem Verlust: «Ich habe ein obdachloses Gefühl», hält sie fest, und: «Wenn ein wirklicher Mensch gestorben ist, dann können die Mitmenschen einem helfen. Sie können trösten, es jedenfalls versuchen. […] Wie mache ich so etwas ‘intern’? Wenn ich dies jemandem erzähle, wird man mich als verrückt erklären.» Sich selbst zu «entrümpeln», so lernt sie, ist etwas, was nur sie selber tun kann, und den Verlustschmerz, dass dieses Aufbäumen die Beerdigung ihrer Gespenster bedeutet, muss sie selber durchleben. «Es ist ein bisschen einsam da drin, in meiner Haut», schreibt sie in dieser Zeit.

Nach einer fast dreissigjährigen Erstarrung in ihrer «sonderbaren Krankheit», ist Gertrud Auf dem Garten plötzlich aufgebrochen, hat die engen Grenzen, die ihr Wohnheim, Medikamente und die «Epilepsie» gezogen haben, durchbrochen, ist in die plötzlich grenzenlos gewordene Welt hinausgezogen, bis sie an ihre eigenen Grenzen stiess. Sie geriet in eine Krise, jedoch nicht mehr in den Sog der Psychiatrie. Von ihrem «Traummeister» wurde sie – nicht behindert von dämpfenden Medikamenten – «bis zum Äussersten – nach innen – geführt». So gelang ihr der zweite Ausbruch: jener aus den Grenzen der falsch gewordenen Sicherheiten in ihrem Innern. Auf dem Garten, die sich in ihren Notizen immer wieder auf undogmatische, suchende Weise mit dem christlichen Gott auseinandersetzt, vergleicht ihren Weg mit jenem aus dem «Paradies», das «eines Tages nicht mehr» trage: «Es hängt mit dem Erwachsenwerden zusammen.»

Den Weg aus der Psychiatrie hat Auf dem Garten zweimal gemacht, zuerst nach aussen, dann nach innen. Darum genügte es ihr immer weniger, sich «als Opfer der Umstände zu begreifen» (obschon sie das als Kriegswaise zweifellos auch ist); ein Zweites, Entscheidendes musste dazukommen: der Wille, «die Initiative zu ergreifen». So gelang es ihr im Laufe der viereinhalb Jahre, die das Tagebuch umspannt, den «Kitt» zu finden, den sie «jahrelang» gesucht hatte, der nach und nach ihre Person abdichtete gegen allzu grosse Durchlässigkeit und ihr schliesslich eine stabile Identität verlieh, für die sie eine schöne Umschreibung gefunden hat: «Mir ist, als hole ich MICH endlich ein.» Eine Garantie dafür, nicht durch weitere Krisen gehen zu müssen, gibt es allerdings nicht, weder für die Autorin, noch für irgendjemanden.

Bereits 1990 hat Gertrud Auf dem Garten ihre Notizen erstmals einem Verlag angeboten: «Viele, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben, können ihre Empfindungen ja nicht so in Worte fassen. Ich hatte gedacht, ich spreche für viele.» Ihr Text wurde von verschiedenen Verlagen zwar dankend abgelehnt, weil alles bereits bekannt sei, trotzdem hat sie recht: Für sie ist das Schreiben zum Ariadnefaden geworden, dem entlang sie aus dem Labyrinth ihrer chronifizierten psychischen Krise herausgefunden hat. Und weil sie eine Sprache schreibt, die mit klaren Gedanken und sprechenden Bildern die Erfahrung ihres Wegs aus der Psychiatrie nachzuzeichnen vermag, sind ihre Tagebuchaufzeichnungen lesenswert. Sie sind eine Ermutigung, den Weg zur eigenen Identität gegen alle äusseren und inneren Grenzen und trotz der «Befürchtungen, in der einen oder anderen Richtung verloren zu gehen», unter die Füsse zu nehmen.

Gertrud Auf dem Garten: Schattenbilder. Tagebuch eines Weges aus der Psychiatrie, Neumünster (Paranus Verlag) 1995.

 

[Kuckucksnest Nr. 5, Weihnachtsausgabe 1995]

«Es war jemand da, der meine Versuche ernst nahm. Ich glaube, das ist der springende Punkt.»

 

 

Welche Bedeutung hat die kreative Arbeit bei der Auseinandersetzung mit einer grossen persönlichen Krise? Diese Frage haben wir der in Bremen lebenden Gertrud Auf dem Garten gestellt. Sie ist die Verfasserin des Buchs «Schattenbilder», in dem sie ihren Weg aus der Psychiatrie in Tagebuchform nachgezeichnet hat (siehe «Kuckucksnest» Nr. 3).

Ich möchte ein wenig über die Anfänge dieses Buches berichten, wie es dazu kam. Tatsächlich ist es erst sechs Jahre her, aber die Zeit vor dem Schreiben kommt mir im Augenblick wie eine sehr lange zurückliegende Vergangenheit vor.

Dass es mir damals gar nicht gut ging, muss ich eigentlich nicht noch einmal betonen. Das hat Fredi Lerch in seiner Rezension schon genug beschrieben.

Ich fühlte mich «verkehrt» in jeder Beziehung. Am falschen Ort, in einem falschen Leben, nicht «bei mir» – aber wo sonst? Auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten, gewissermassen nach Vokabeln, um mein Befinden zu beschreiben, kamen mir zuerst Musikstücke in den Sinn.

In aggressiven Momenten spielte mein Inneres gewisse Passagen aus «Annie get your gun» oder «Carmen». Am inneren Melodienwechsel merkte ich den Absturz in ein «Loch» meist zuerst. Dann waren die Tage innerlich mit bestimmten jiddischen Liedern untermalt. Allerdings eignet sich so etwas nicht gut für Mitteilungen. Etwa: «Ich fühle ich wie ‘Oj, dortn dortn…’».

Das nächste waren dann, wenn ich es richtig erinnere, Bilder von Strichmännchen, die mich darstellten: gefangen in allen möglichen Stellungen, bei Ausbruchsversuchen hilflos zerschmettert. Ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit schon eine verständnisvolle Bezugsperson gefunden hatte, die bereit war, sich diese Kritzeleien zu betrachten.

Ja, so fing es an. Es war jemand da, der diese Versuche, mein Innenleben vor mich hinzustellen, ernst nahm. Ich glaube, das ist der springende Punkt.

Nach dem Bildchen folgten Briefe. Zuerst «an den lieben Gott» – nächtelang. Zu der Zeit wohnte ich ja in einem Wohnheim, und die Mitarbeitersituation ist nicht so, dass jemand die Zeit hat, sich acht Stunden hintereinander die Ausführungen einer Bewohnerin anzuhören. Die Instanz, die ich Gott nenne, für die andere vielleicht einen anderen Namen haben, hat diese Zeit.

Zu Anfang hatten die Briefe, glaub ich, hauptsächlich zum Inhalt, wie «hässlich man zu mir ist», wie ich mich ungerecht beurteilt, unverstanden fühlte. Nun ja, ohne Kommunikation kein Verstehen! Die eine verständnisvolle Bezugsperson habe ich schon erwähnt. Es war eine unserer Betreuerinnen im Heim. Auch in der Werkstatt gab es jemanden. Keine Zeit für stundenlange Gespräche. Aber die Bereitschaft, die Kommunikation über das Medium «Brief» aufzunehmen. Ich glaube, der Briefwechsel nur mit Gott hätte auf die Dauer keine tiefgreifende Wirkung gehabt, wenn da nicht diese ganz realen, irdischen, menschlichen Leserinnen gewesen wären.

Aus den Briefen wurde mit der Zeit ein Tagebuch.

Teile daraus veröffentlichte der Paranusverlag in seiner jährlich erscheinenden «Brücken-Schlag»-Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur und Kunst, in der viele psychiatrieerfahrene Menschen ihre Gedanken veröffentlichen – und zwar Seite an Seite mit «normalen» Dichtern und Denkern und anderen Leuten.

Als vom Verlag geplant wurde, mein gesamtes Tagebuch als Buch herauszugeben, war das für mich ziemlich aufregend. Jetzt, nachdem es fertig ist, jetzt, wo ich Leser finde, jetzt freue ich mich.

Übrigens findet meine Kommunikation mit den Mitmenschen jetzt fast immer mündlich und direkt statt. Nicht mehr über ein zwischengeschaltetes Medium.

Gertrud Auf dem Garten