Lohn muss gerecht sein

Wie geht das, wenn man abends zur Arbeit kommt und rund 250 000 «Tages-Anzeiger» zu drucken hat? «Zuerst müssen wir unsere Maschinen vorbereiten», erzählt Hansruedi Looser. Der Druckauftrag – zum Beispiel der genaue Farbaufbau der Bilder – wird als elektronische Datei auf die Computer der drei riesigen Rotationsmaschinen geladen. Dann werden anhand des «Ausschiessplans» die Druckplatten auf die Werke verteilt und montiert, wobei vierfarbige Seiten vier Platten benötigen – je eine für das Gelb, das Rot, das Blau und das Schwarz. Um in den einzelnen Zeitungsbünden die gewünschte Seitenzahl zu erhalten, werden einzelne Papierstränge über mehr oder weniger Wendestangen geführt. Schliesslich muss die Maschine «eingefärbt» und das Papier «eingezogen» werden.

Beim Anfahren wird’s hektisch, auch wenn die Maschinen zuerst nicht mehr als 6000 Exemplare pro Stunde ausspucken. So flink wie möglich blättert der Drucker erste Exemplare durch: Stimmt alles? Im Idealfall laufen nur 300 bis 500 Zeitungen als Makulatur im Altpapier, bis am Fliessband die «Netto»-Weiche gestellt wird. Was nachkommt, gilt. Jetzt wird die Maschine bis auf rund 42000 Zeitungen pro Stunde beschleunigt.

Nun beginnt die Überwachung des Druckvorgangs. Mit der Lupe wird kontrolliert, ob die nacheinander druckenden Farbplatten exakt übereinander zu liegen kommen. «Blinzelt» eine Farbe, wird korrigiert. Stets im Augen behalten muss man Wasser- und Farbanteil der Druckflüssigkeit: Ist der Wasseranteil zu hoch, fängt die Farbe an zu emulgieren, ist er zu niedrig, verschmiert das Gedruckte. Läuft’s gut, liegt die gesamte Auflage nach rund zwei Stunden vor. Noch vor dem Schichtwechsel müssen die Maschinen geputzt und für den Druck eines nächsten Produkts eingerichtet werden.

Schichtarbeit ist Raubbau

Hansruedi Looser arbeitet je eine Woche Frühschicht (6 bis 14 Uhr), Spätschicht (14 bis 23 Uhr) und Nachtschicht (23 bis 6 Uhr), danach bezieht er eine Freiwoche. Zwar habe er einen rechten Lohn, «aber Schichtarbeiten schafft schon Probleme», sagt er. Man müsse tagsüber schlafen, manchmal auch an den Wochenenden. Vor allem wenn beide Ehepartner berufstätig seien, werde das zur Belastung. Mit zunehmendem Alter härter werde der Kräfteverschleiss: Letzthin ist er nach der Nachtschicht an eine Delegiertenversammlung der Gewerkschaft Comedia gefahren und ohne zu schlafen abends wieder zur Arbeit. «Das ist Raubbau an der Gesundheit.»

Trotzdem liebt er seine Arbeit nach wie vor, «auch wenn ich als Buchdruckerstift seinerzeit am Produkt noch mehr gestalten konnte». Heute sei es so: «Je mehr man eingreift, desto schlechter kann es herauskommen.»

Was die Zukunft bringt, ist ungewiss: Sie gehört den voll digitalisierten Druckmaschinen, die Zahl der benötigten Drucker und Druckerinnen wird zurückgehen. Auf Ende 2005 baut der «Tages-Anzeiger» im Druckbereich 49 Vollstellen ab. Diesmal trifft es noch vor allem Leute, die überflüssig werdende Hilfsarbeiten ausführen. Aber: «So faszinierend die neue Drucktechnik ist, sie könnte auch mich eines Tages überflüssig machen.»

Wirkt das Warnsignal?

Berufspolitisch ist das Klima rauh geworden. Seit dem 1. Mai herrscht in der Branche ein vertragsloser Zustand. Der «Schweizerische Verband für visuelle Kommunikation» der Arbeitgeber (Viscom) hat erneut einen schlechteren Gesamtarbeitsvertrag angeboten. Die Comedia hat Nein gesagt. Die Verhandlungen wurden ergebnislos abgebrochen. In einer Urabstimmung haben die Comedia-Mitglieder Ende Mai Kampfmassnahmen beschlossen.

«Wir Drucker haben in den letzten zehn Jahren bei den GAV-Verhandlungen nur Abbau eingefahren», sagt Looser. Und nun drohe eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Kürzungen bei den Schichtlöhnen. Und statt der Allgemeinverbindlicherklärung des GAV sollen Verhandlungen nur noch auf Betriebsebene geführt werden: «Damit würden wir jedes Druckmittel aus der Hand geben.» Zwar habe er nichts dagegen, flexibel zu sein, «wenn wirklich Not am Mann ist»: «Aber dafür will ich einen gerechten Lohn und gute Arbeitsbedingungen.»

Wenn die Comedia anlässlich der Delegiertenversammlung des Viscom in Solothurn am 17. Juni einen Warnstreik durchführt, ist Looser dabei – mit rund zwanzig seiner Kollegen und Kolleginnen vom «Tagi». «Es ist nicht so, dass wir gerne streiken», sagt er. Deshalb hoffe er, dass der Viscom nach diesem Warnsignal an den Verhandlungstisch zurückkehre. «Wenn nicht, dann wird’s ein grösserer Streik.»

 

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Geprägt vom Barackenleben

Weil seine Eltern wenig Geld hatten, ist der heute 50-jährige Hansruedi Looser in Notwohnungen der Stadt Zürich aufgewachsen: «Wir zogen von Abbruchobjekt zu Abbruchobjekt.» Eine Zeitlang wohnte er in Altstetten in einer Baubarackensiedlung. Die Kinder aus den Hochhäusern nebenan hatten einen Spielplatz, die Barackenkinder nicht. «Ich wusste: Das kann nicht gerecht sein.» Die Auseinandersetzungen zwischen den «Hochhäuslern» und den «Baräcklern» hat ihn geprägt.

Bei der Plüss Druck AG lernt er Buchdrucker und tritt schon als Stift in die damalige Gewerkschaft Typographia ein. Als seine Kollegen Probleme mit dem Teuerungsausgleich bekommen, fordert er sie zum Gewerkschaftseintritt auf. Wegen dieser «Agitation» muss er nach dem Lehrabschluss bei Plüss gehen. Er wird arbeitslos, schlägt sich als Aushilfsdrucker durch und findet schliesslich Unterschlupf bei der Genossenschaftsdruckerei Zürich. Als Rotationsdrucker bleibt er 23 Jahre, 15 Jahre lang präsidiert er die Personalkommission. Vor zwei Jahren hat er in die Druckerei des «Tages-Anzeigers» gewechselt.

Hansruedi Looser ist verheiratet und hat zwei halbwüchsige Söhne (und einen dritten, erwachsenen Sohn aus erster Ehe). Seine Hobbys sind – neben dem Engagement in der Gewerkschaft Comedia» – Fischen und Joggen. Er verdient netto 6500 Franken.

Die Redaktion setzte den Titel: «Gegendruck muss sein».