Linke Aussenverteidigerin

Roller sind billig, lässig und leicht zu frisieren. «Sie werden deshalb besonders bei Jugendlichen in den Städten immer populärer», sagt Loretta Müller. Das Problem: Die Abgase von deren billigen Zweitaktmotoren enthalten bis zu hundertmal höhere Feinstaubkonzentrationen als Autoabgase. «Mein Dissertationsthema ist es zu untersuchen, was die Abgase dieser Scooter in Lungenzellen bewirken.» Die Frage interessiert auch das Bundesamt für Umwelt: Es finanziert die Forschungsarbeit.

Eben letzte Woche war Loretta Müller wieder in der Abgasprüfstelle in Nidau bei Biel (BE), um Kulturen von Lungenzellen dem Scooter-Abgas auszusetzen. Hier am Institut für Anatomie bestimmt sie nun die Wirkungen auf diese Zellen. Dafür untersucht sie das Nährmedium der Zellkulturen: Absterbende Zellen geben ganz bestimmte, messbare Substanzen an dieses Nährmedium ab. «Ich stelle die Zahl der toten Zellen fest und vergleiche sie mit der Zahl der toten Zellen in einer Vergleichsanordnung, bei der eine Zellkultur normaler Luft ausgesetzt worden ist. Das Verhältnis der beiden Zahlen ergibt das Mass der Giftigkeit einzelner Abgase.»

Captain von Concordia Basel

Weil Loretta Müller immer gern Fussball spielte, hat sie als kaum Zehnjährige mit ihrem Bruder ein Training beim FC Basel besucht: «Dort war die Mädchenfreundlichkeit zu jener Zeit aber nicht eben gross.» Darum spielt sie seit dem Herbst 1993 bei Concordia Basel – einem Club, der Frauenfussball fördert – zuerst als Goalie, später als Feldspielerin. Mit 15 schafft sie es in die erste Mannschaft, die damals in der 2. Liga spielt. Seither ist sie mit Concordia in die 1. Liga, dann in die Nationalliga B und auf diese Saison nun in die Nationalliga A aufgestiegen.

Die oberste Spielklasse der Frauen hat freilich mit dem geldintensiven Profizirkus des Männerfussballs nichts gemein: «Damit wir spielen dürfen, bezahlen wir einen Mitgliederbeitrag, zudem bezahlen wir auch den grössten Teil des Materials und die Trainingslager selber.» Obschon pro Saison mit Meisterschaft, Cup und Freundschaftsspielen bis zu dreissig Partien in der ganzen Schweiz auf dem Programm stehen, sind Spesenentschädigungen nicht vorgesehen – auch dafür nicht, dass Müller pro Woche dreimal von Bern nach Basel zum Training fährt.

Seit letzter Saison ist sie Captain des Teams. In der laufenden Meisterschaft belegt Concordia unter zehn Mannschaften den siebten Rang. Loretta Müller spielt auf der Position der linken Aussenverteidigerin. «Das passt auch politisch», lacht sie.

Grossrätin des Grünen Bündnisses

Politik heisst bei ihr in erster Linie Basler Kantonspolitik, und diese bedeutet auch ein bisschen Müllersche Familienpolitik. Denn bei den Parlamentswahlen vom 14. September hat Loretta Müller ihren Vater um exakt 9 Stimmen geschlagen. Im Rathaus sitzen sie nun in der «Fraktion Grünes Bündnis» direkt nebeneinander. Sie als Vertreterin von  «Basels starker Alternative» BastA! und des «jungen grünen bündnisses nordwest», das sie 2007 mitbegründet hat und seither als Co-Präsidentin leitet. Er, der Basler VPOD-Präsident Urs Müller, ebenfalls für die linksgrüne BastA!

Einige Bekanntheit erlangt hat Loretta Müller als Politikerin mit der Motion für das Stimm- und Wahlrecht 16 in Basel-Stadt. Die Motion ist überwiesen worden und Müller hofft, dass die nötige Gesetzesänderung im Frühling 2009 dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird.[1]

Ihr neuester Vorstoss als Grossrätin ist der «Anzug ‹Für eine nachhaltige öffentliche Beschaffung von Computern›». Sie fordert darin für Arbeiter und Arbeiterinnen in China, Thailand und Mexiko gewerkschaftliche Versammlungs- und Verhandlungsfreiheit, Nichtdiskriminierung, Verbote von Zwangs- und Kinderarbeit und die Gleichbehandlung von Mann und Frau. Mit einer Kriterienliste soll die Kantonsverwaltung die PC-Lieferfirmen auf ihre soziale Verantwortung hin überprüfen.

Am Laser Scanning Mikroskop

Politikerin, Fussballerin, Naturwissenschafterin: Wohin zieht es sie am meisten? Fussball habe zurzeit hohe Priorität, weil sie dafür jetzt im richtigen Alter sei, sagt sie. «Aber sonst? Ich weiss es wirklich nicht. Im Moment finde ich alles spannend und möchte nichts ganz aufgeben.» 

Heute Nachmittag arbeitet Loretta Müller übrigens am LSM, am Laser Scanning Mikroskop: Sie untersucht Zellproben, die mit einem fluoreszierenden Farbstoff so bearbeitet worden sind, dass «oxidative Schäden innerhalb der einzelnen Zellen» erkennbar werden: «Diese Schäden im Erbgut der Zellen können in Verbindung mit anderen Faktoren zu Krebs führen», sagt die Doktorandin bereits draussen vor der Mensa. Dann eilt sie durch den Nieselregen zurück ins Institut für Anatomie.

[1] der Kanton Basel Stadt hat das Stimmrechtsalter 16 am 8. Februar 2009 mit eine Nein-Stimmen-Mehrheit von 72 Prozent abgelehnt.

 

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Loretta Müller

Anerkannte Forscherin

Loretta Müller (26) ist in Basel aufgewachsen und hat die Matur am Gymnasium Bäumlihof gemacht. Mit ihrer Abschlussarbeit in Biologie über Belastung durch Kohlenmonoxid gewinnt sie 2001 beim Wettbewerb von «Schweizer Jugend forscht» einen einmonatigen Studienaufenthalt am Weizmann-Institut in Rehovot (Israel). Danach Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich, Spezialisierung auf Umwelthygiene. Für ihre Diplomarbeit über Lungenschädigungen durch Nanopartikel erhält sie den Anerkennungspreis des Berner Umwelt-Forschungspreises.

Zurzeit lebt sie als Wochenaufenthalterin in einer Wohngemeinschaft in Bern, reist aber wegen Fussball und Politik im Schnitt vier- bis fünfmal pro Woche nach Basel. Ihre Dissertation soll im Juni 2010 abgeschlossen sein. Für ihre 100-Prozent-Stelle verdient sie den üblichen Ansatz des Nationalfonds für DoktorandInnen: netto 2600 Franken im Monat. Sie ist Mitglied des VPOD.