Laudatio auf Guy Krnetas «Zmittst im Gjätt uss»

Lieber Guy Krneta

Es kommt vor, dass man noch vor dem Start im Flughafen «zmittst im Gjätt uss» landet, die Mitreisenden anschaut und sich fragt: «Wääre das itz die, won i mit ne wett abschtürze?» Das hat ein Reiseleiter einem Bekannten erzählt, der es nun – in Guy Krnetas Buch «Zmittst im Gjätt uss» – weitererzählt: Wie er einer Reisegruppe im Flughafen habe erklären müssen, dass das Flugzeug vor einer halben Stunde abgeflogen sei, das nächste erst am nächsten Morgen um vier fliege und dass man deshalb jetzt die Nacht hier auf dem Flughafen verbringe; dass er sich hingelegt habe, «dert uf dä blutt Schteibode. Ds Gepäck aus Chüssi ungerem Chopf. Mit guetem Byschpiu voraa.»

Es wird eine lange Nacht. Denn plötzlich beginnt Christoph, der Lehrer aus Herzogenbuchsee, von einer Pension im Schwarzwald zu erzählen, wo er im Frühjahr hingefahren sei, um Proben zu korrigieren. Dann erzählt Iris, weshalb sie aufgehört hat in einer Menschenrechtsgruppe gegen die Todesstrafe mitzuarbeiten und stattdessen zum Geburtstag diese Reise macht, obschon sie gar nicht Geburtstag hat. Dann redet eine ältere Frau von ihrem unheilbaren Augenleiden, das weder schmerzt noch beim Sehen stört, aber unweigerlich zum Tod führen wird. Und dann fängt Marcel von seiner Grossmutter an.

Zwischen diese Episoden schiebt Krneta Erfahrungen und Lebensweisheiten, die der Erzähler vom Reiseleiter erfahren hat. Leitmotivisch variiert er dabei die Floskel «Das het mr dä Reiseleiter beschtäätiget», womit immer wieder signalisiert wird, weshalb all diese Geschichten in der berndeutsch besonders farbigen indirekten Rede vorgetragen werden – Geschichten, in denen Krnetas menschenfreundliche Ironie überraschende Wendungen voller tragikomischer Poesie hervorbringen.

Dass Guy Krneta seinen Text berndeutsch verfasst hat, verdient besondere Erwähnung. 1964 hat Kurt Marti postuliert: «Der Mut zur heute gesprochenen Mundart müsste sich zuerst darin zeigen, dass wir sie literarisch aus dem Heimatschutzreservat befreien. Wir sollten nicht davor zurückschrecken, das ‘unreine’ Berndeutsch zu schreiben, das heute tatsächlich gesprochen wird.» Genau das tut Krneta und stellt sich damit in die Tradition der umgangssprachlichen berndeutschen Texte von Carl Albert Loosli über Kurt Marti und Ernst Eggimann bis zu Martin Frank und Beat Sterchi. Nicht dass es heute noch – wie in den sechziger und siebziger Jahren – um den Kampf gegen jene ginge, die aus dem «bluemeten Trögli» heraus geistige Landesverteidigung betrieben. Aber so gut wie damals gilt auch heute: Emanzipation ist auf die Kraft der Unmittelbarkeit und Direktheit angewiesen, die in der aktuellen Umgangssprache lebt. Darum – und nicht als sprachlicher Heimatschutz, wie er einem Otto von Greyerz vorschwebte – muss der Steinbruch des Dialekts immer wieder literarisch bearbeitet werden, denn «mänge, we d’Schpraach ihm ids Oug schticht, bsinnt sech drdür wider dra».

Hervorgehoben werden muss schliesslich, dass Guy Krnetas Buch im Berliner Aufbau-Taschenbuch-Verlag zweisprachig erschienen ist: berndeutsch mit einer hochdeutschen Übersetzung. Wer sich die Mühe macht und die beiden Versionen vergleichend liest, wird bald feststellen: Zwar hat das Berndeutsche kein Imperfekt und keinen Akkusativ, aber dafür eine Bildhaftigkeit, die im Hochdeutschen zwar wohltemperiert, aber häufig spannungslos und klischiert klingt. Symptomatisch dafür ist die Übertragung des Titels: «Mitten im Nirgendwo». Nun ja. Aber wie würden Sie zum Beispiel den Buchtitel «Zmittst im Gjätt uss» übersetzen? Draussen inmitten des Unkrauts? Oder: Zwischen Blacke und Brennnessel?

Zusammenfassend: Guy Krnetas Buch «Zmittst im Gjätt uss»/«Mitten im Nirgendwo» hat drei Vorzüge. Erstens ist die Erzählung eine ausgezeichnet gebaute und im besten Sinn unterhaltende Lektüre. Zweitens ist der Text eine notwendige Fortschreibung der aktuellen berndeutschen Umgangssprache. Und drittens ist das Buch in der zweisprachigen Darstellung eine sprachpolitische Eulenspiegelei, die darauf verweist, dass auch Leute aus der Sprachprovinz ernst genommen werden, wenn sie ihre Sprache sprechen – vorausgesetzt sie reden selbstbewusst und haben etwas zu sagen.

Als Medienmitteilung wurde die Laudatio unter dem Obertitel «Der Gemeinderat der Stadt Bern / verleiht auf Antrag der Literarischen Kommission der Stadt Bern / einen Buchpreis an / Herrn Guy Krneta / für sein Buch ‘Zmittst im Gjätt uss’/‘Mitten im Nirgendwo’». Unterzeichnet wurde sie vom Stadtpräsidenten Klaus Baumgartner und von der Stadtschreiberin Irène Maeder van Stuijvenberg.