Keiner soll unterschreiben!

Über die letzte Lohnabrechnung hat Hans Oberli gestaunt. Im Couvert steckte auch ein Brief von Hans Rupli, dem Zentralpräsidenten der «Holzbau Schweiz». Der Chef der Arbeitgeberorganisation seiner Branche wandte sich direkt an ihn, den Zimmermann bei der Zürcher Holzbau Bern AG, und bat ihn um die Unterschrift unter den Satz: «Ich bekenne mich unabhängig von einer Mitgliedschaft in einer Arbeitsnehmer- oder Arbeitgeberorganisation zum Gesamtarbeitsvertrag Holzbau.»

Was sollte das? Seit die Holzbau-Patrons sich vor drei Jahren aus dem Baumeisterverband verabschiedet hatten, weil sie im neuen Vertrag die frühzeitige Pensionierung ablehnten, war umstritten, ob bei den Zimmerleuten der alte Landesmantelvertrag (LMV) noch galt. Ruplis Brief entnahm Oberli nun, dass «Holzbau Schweiz» unterdessen mit der christlichen Gewerkschaft Syna, den «Baukadern Schweiz» und dem Kaufmännischen Verband einen neuen GAV ausgehandelt habe. Unter der sinnigen Überschrift: «Ich will den gemeinsamen Weg mitgestalten» sollte er Ja sagen zu einem GAV, den er nicht nur nicht mitgestaltet, sondern noch gar nie gesehen hatte.

Neue Chefs und neue Zeiten

«1999 hat der alte Zürcher aufgehört», erzählt Oberli aus der Geschichte der Firma, für die er seit 21 Jahren arbeitet. «Unter ihm war der Betrieb familiär, und wir Zimmerleute haben die Probleme auf der Baustelle häufig direkt mit der Bauleitung diskutiert.»

Als zwei junge Zimmermeister die Firma übernahmen, änderte sich das: «Nun wurden wir zurechtgewiesen, wir hätten mit der Bauleitung nichts zu besprechen, dafür seien sie zuständig.» Gleichzeitig nahm der Zeitdruck zu. Der 61jährige Polier, von dem er das Handwerk gelernt hat, habe den neuen Rhythmus nicht ertragen. So hat er um die Kündigung gebeten und sich danach bis zur Pensionierung als Selbständiger mit kleinen Aufträgen über Wasser gehalten. Auch Oberli brauchte drei Jahre, bis die Chefs verstanden hatten, dass man ihn nicht dauernd kontrollieren muss: «Ich lasse mich nicht gern anschnauzen von einem, der möglicherweise weniger kann als ich. Auch wenn er weiss ich was studiert hat.»

Unterdessen habe sich zum Glück das Vertrauen wieder entwickelt, das er vom alten Zürcher her kannte: «Die jungen Chefs informieren heute offen, auch darüber, wie hart es manchmal ist, zu Aufträgen zu kommen.» In der Firma, die vom Hausbau im Elementverfahren über Minergiehäuser bis zu Umbauten, Renovationen und Dachstockausbauten alles macht, ist Oberli heute der Mann fürs Feine, quasi der Schreiner unter den Zimmerleuten. «Vermutlich habe ich am meisten Nerven und vom Grafischen her am meisten Flair dafür, wenn etwas besonders exakt oder schön werden muss.»

Sonntagspredigt mit dem Holzhammer

In seiner Firma ist Oberli aber auch der erste, der sich wehrt: «Ich finde es absolut unkorrekt, was die Arbeitgeber mit diesem GAV probieren. Das wird noch zu reden geben.» Besonders stossend ist für ihn die Tatsache, dass es in der Deutschschweiz nun zwei Kategorien von Zimmerleuten geben soll: Zimmereien, die auch Maurerarbeiten anbieten, werden weiterhin dem LMV des Baugewerbes unterstellt sein; reine Zimmereien sollen dagegen unter den GAV von «Holzbau Schweiz» kommen.

Seit dieser GAV auf der Website von «Holzbau Schweiz» einsehbar ist, weiss auch Hans Oberli, wovon die Rede ist. Der Text schwadroniert wie eine Sonntagspredigt von «gegenseitigem Vertrauen», das «das Verbindende ins Zentrum unseres Handelns» stellen soll, bringt aber in der Sache lauter Verschlechterungen: Längere Arbeitszeiten, mehr «Gleitstunden» (Überstunden ohne Zuschlag), Samstagsarbeit, eingeschränkten Kündigungsschutz bei Krankheit und Unfall. Und natürlich wird die Frühpensionierung nicht mehr erwähnt.

Mit den Unterschriften, die «Holzbau Schweiz» jetzt sammelt, soll später der Bundesrat dazu gebracht werden, den Vertrag für die Branche für allgemeinverbindlich zu erklären. «Das ist wirklich eine fiese Tour, uns auf diese Art auszubremsen», sagt Oberli: «Kein einziger Zimmermann sollte den Rupli-Brief unterschreiben.»

 

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Wie aus Hans Giovanni wurde

Vermutlivh ist der bald 49jährige Hans Oberli der einzige Zimmermann der Schweiz, der die vierjährige Lehre als Kartograph abgeschlossen hat. Das war 1976 und weil im graphischen Gewerbe Krise herrschte, wollte sein damaliger Arbeitgeber, Kümmerly + Frey, von den drei abschliessenden Stiften nur jenen weiter beschäftigen, der, wie Oberli sagt, «zuvor am wenigsten gemotzt hatte».

So wurde er arbeitslos, fand ohne Berufserfahrung keine Stelle, konnte an der Kunstgewerbeschule Bern die geplante Ausbildung zum Restaurator nicht machen, weil sie Jahr um Jahr verschoben wurde und ging schliesslich auf Reisen. Aus Italien brachte er damals den Übernamen «Giovanni» mit, der ihm bis heute geblieben ist.

Nach seiner Rückkehr begann er zu jobben, arbeitete als Schreiner beim Stadttheater und landete schliesslich bei der «Zürcher Holzbau Bern AG». Er begann als Hilfskraft, als «Zimmermann B», lernte das Praktische vom Polier und das Theoretische aus den Berufsordnern, die die Stifte der Firma aus der Berufsschule mitbrachten. Die Prüfung zum «Zimmermann A» hat er allerdings nie gemacht: «Es hat mich gedünkt, ich brauche das nicht.»

Hans Oberli bewohnt in der Genossenschaftssiedlung Quartierhof im Berner Lorrainequartier eine einfache Einzimmerwohnung. In seiner Freizeit zeichnet er mit dem klaren Strich und der exakten Beobachtungsgabe des Kartographen Akte und Porträts, die er in einer Quartierbeiz auch schon ausgestellt hat.

Oberli hat eine 21jährige Tochter und einen 10jährigen Sohn. Er verdient rund 5200 Franken brutto. Er war nacheinander bei den Gewerkschaften Lithographia, VHTL und GBI. Heute ist er Unia-Mitglied.

Die Redaktion setzte den Titel: «Da ist der Wurm drin».