Kann sie’s? Sie kann’s!

Andrea Lauffers Blick unter dem orangen Helm ist konzentriert, die rechte Hand wirbelt an der Steuerkurbel. Flink kurvt sie den Dumper an den kleinen Bagger heran. Schon hebt die Baggerschaufel die nächsten Teerbrocken aus dem aufgerissenen Strassenstück, schwenkt und lässt sie in die Ladewanne des Dumpers poltern. Lauffer steigt ab, schiebt mit der Schaufel Teerreste, die am Strassenrand liegengeblieben sind, vor die Baggerschaufel. Vom Pfäffikersee herüber ziehen dunkle Wolken über das weitläufige Bauareal in Wetzikon-Robenhausen (ZH).

Die Kraft und Stärke des Chefs

Als Andrea Lauffer zu erzählen beginnt, trommelt eben ein heftiger Rieselschauer aufs Blechdach der Baracke: «Mein letzter Arbeitergeber war eine Baufirma, die mich wegen mangelhafter Berufserfahrung bloss als Praktikantin eingestellt hat.» Weil sie zuvor tatsächlich beim Tiefbauamt der Stadt Zürich und nicht auf Baustellen gearbeitet hatte, war sie mit dem Lohn von brutto 4000 Franken zufrieden.

Schon bald war sie für die Firma als Kundenmaurerin unterwegs und hatte im Auftrag der jeweiligen Bauleitungen selbständig Maurereiarbeiten auszuführen. Dann setzte sie der Chef zum ersten Mal als Polierin ein. Nun hatte sie mehr Verantwortung als ihre Kollegen, aber diese hatten mehr Lohn als sie. «Da bin ich zum Chef gegangen und habe gesagt: ‘Vor kaum anderthalb Jahren hast du mich als Praktikantin angestellt, weil ich offenbar noch fast nichts konnte. Jetzt arbeite ich für dich als Polier. Es wäre Zeit für eine Lohnerhöhung.’»

Die Antwort, die sie erhalten hat, wird sie nicht vergessen: «‘Andrea, du bist eine Frau. Und als Frau hast du nicht die Kraft und die Stärke eines Mannes. Darum kann ich dir nicht den Lohn eines Mannes bezahlen.’» Nie zuvor habe er an der Qualität ihrer Arbeit etwas auszusetzen gehabt, sagt sie: «Mir war sofort klar: Unter so einem Chef will ich nicht weiterarbeiten.» Sie schaute sich um und liess sich auch vom kaufmännischen Co-Chef der Firma nicht mehr umstimmen, der ihr anbot, in der Firma die Ausbildung zum Polier machen zu können. Sie erkundigte sich bei der Gewerkschaft nach ihren Rechten, stellte eine Forderung auf Lohnnachzahlung und ging.

Am 7. August hat sie nun bei der Egli Tiefbau AG mit der zweijährigen Zusatzausbildung als Strassenbauerin begonnen. «Ich muss immer wieder etwas Neues lernen, nur zu arbeiten, ist mir zu langweilig», sagt sie. Den schulischen Teil der neuen Ausbildung wird sie ab November in Sursee (LU) in Blockkursen absolvieren. Nach dieser Lehre will sie an die Berufsmittelschule. Und manchmal träumt sie davon, Baumeisterin zu sein mit eigenem Geschäft. Oder: bei der Arbeit noch einen anderen Teil des Landes kennen zu lernen – das Berner Seeland zum Beispiel oder Yverdon.

Die Prüfung der Männer

Mit den Kollegen auf den Baustellen habe sie kaum je Schwierigkeiten gehabt – ausser einmal mit einem Polier: «Der hatte wirklich ein Problem mit mir und wurde unangenehm. Bis ich ihn einmal richtig zusammengeschissen habe. Darauf hat er einen halben Tag lang nichts mehr gesagt, weder zu mir noch zu den anderen. Danach gab es nie wieder Schwierigkeiten.» In einem Punkt gäben ihr die Kollegen allerdings schon zu merken, dass sie eine Frau sei: «Zu Beginn prüfen sie mich jeweils. Da muss ich erst einmal doppelt so viel arbeiten wie sie. Sie wollen sehen: Kann sie’s? Schafft sie’s? Wenn sie das aber einmal gesehen haben, gibt’s keine Probleme mehr. Eher im Gegenteil: Nicht selten sind sie dann fast zu begeistert von mir.»

In Pfäffikon (ZH) musste sie einmal zusammen mit zwei Kollegen drei Wochen lang in einem fünfzigjährigen Abwasserkanal mit einem Durchmesser von achtzig Zentimeter die ausgewaschenen Fugen zwischen den Betonrohren neu verputzen: Immer zwei, drei Stunden am Stück unten in Gestank und Nässe mit einem Scheinwerfer und einem Kübel voll schnell ziehender Verputzmasse; fünfzig Meter weiter hinten ein Lichtschimmer und fünfzig Meter weiter vorn einer. «Für so etwas muss man schon ein bisschen Galgenhumor haben.» Der Kollege, der in der Fliessrichtung weiter oben gearbeitet habe, habe sie jeweils darüber informiert, was als nächstes auf sie zu schwimme. Und sie habe dann kurz darauf den Empfang bestätigt. Eine Pumpe hat zwar das Schmutzwasser angesogen, aber aus den Seiteneinläufen ist immer wieder Abwasser aus Waschmaschinen und Toiletten gekommen. Und einmal gab es ein Gewitter. Der Kollege oben an der Pumpe habe Alarm geschlagen: «Fünf Minuten später war das Rohr mit Regenwasser gefüllt.»

 

[Kasten]

Immer weiter lernen

Aufgewachsen ist Andrea Lauffer (33) auf einem Bauernhof in Hüntwangen (ZH). Sie machte die vierjährige Lehre zur Tiefbauzeichnerin und eine zweijährige Zusatzlehre als Maurerin. Danach ging sie ins Bündnerland, um Kinderskilehrerin zu werden. Nach einem schweren Sturz kehrte sie 1998 ins Unterland zurück, lag ein halbes Jahr lang flach, begann an einer Tankstelle, später wieder als Bauzeichnerin zu arbeiten. Berufsbegleitend wurde sie Tiefbau-Bauleiterin. Ab 2000 arbeitete sie für das Tiefbauamt der Stadt Zürich, die letzten zwei Jahre bei einer Hoch- und Tiefbaufirma. Nun hat sie die zweijährige Zusatzlehre als Strassenbauerin begonnen (Monatslohn: rund 3000 Franken brutto).

Sie lebt in Wetzikon und ist Mitglied der Gewerkschaft Syna – «Zufall», sagt sie, «wäre die Unia zuerst auf die Baustelle gekommen, wäre ich dort Mitglied geworden». Ihre Hobbys: Ski und Snowboard, Bücher, Kino und Seilziehen in einer Frauenmannschaft. Je einmal pro Woche besucht sie einen Französischkurs und eine englischsprechende Konversationsgruppe.