«Jetzt spüre ich Kollegialität»

Der Streik am Flughafen Zürich hat den Taxifahrern den 13. Monatslohn, eine Verbesserung bei der Krankentaggeldversicherung und die Verpflichtung der Arbeitgeber gebracht, mit der Unia Verhandlungen über einen Gesamtarbeitsvertrag aufzunehmen. Aber für Senad Lubenovic ist das nicht das Wichtigste: «Vor dem Streik ist es vorgekommen, dass Kollegen Fahrten verweigert haben, wenn sie ihnen zu kurz vorkamen. Andere mussten sie übernehmen. Das gab Streit, sogar Schlägereien. Es gab einen Jugo-Block, es gab die Gruppe der Schweizer, es gab Ungarn und Türken, alle für sich. Seit dem Streik ist das anders: Jetzt sprechen wir miteinander, zum ersten Mal spüre ich Kollegialität.»

Irgendwann war das Fass voll

Die Taxifahrer haben nicht leichtfertig zu streiken begonnen. Hatte Senad Lubenovic vor dem 11. September 2001 bei einem 12-Stunden-Tag noch fast jeden Monat 6000 Franken netto plus Trinkgeld verdient, sind es heute bei einem 13- oder 14-Stunden-Tag noch 4000 Franken. Die Zahl der Flugpassagiere ging in den letzten Jahren zurück. Trotzdem hat die Flughafenbetreiberin Unique die Taxikonzessionen auf Anfang 2004 von 110 auf 130 und die Kosten pro Konzession auf 10000 Franken pro Jahr massiv erhöht.

Diese Entwicklung verstärkte den Konkurrenzdruck bei den Fahrern, die laufend weniger verdienten. Um den Beruf nicht aufgeben zu müssen, begannen die meisten ihre finanziellen Reserven anzubrauchen. Verhandlungsversuche mit ihrer Arbeitgeberin, der IG Airport Taxi und mit der Unique brachten nichts. Lubenovic: «Wir haben geschluckt und geschluckt. Schliesslich waren wir gezwungen, etwas zu unternehmen.» Am 8. Juli stimmten in einer Urabstimmung fast 90 Prozent der Flughafen-Taxifahrer für einen Streik.

Der erste Streiktag war der 11. Juli, ein Montag. Gefordert hat man einen Mindestlohn von 4000 Franken bei 53 Stunden Wochenarbeitszeit, dazu eine «anständige» Krankentaggeldversicherung. Die Stimmung sei zuerst nervös gewesen, erzählt Lubenovic: «Wir fragten uns, ob uns die Polizei gleich rausschmeissen würde.» Unia-Sekretär Roman Burger habe beruhigt, niemand müsse Angst haben, der Streik sei legal. Dann sei auch klar geworden, dass sich nicht nur die meisten bei der IG angestellten Kollegen dem Streik anschlossen, sondern sich auch selbständig arbeitende und Kollegen aus der Stadt Zürich solidarisierten. Das habe Mut gemacht. Drohbriefe, mit denen die Arbeitgeber in letzter Minute all jenen mit der fristlosen Entlassung gedroht hatten, die streiken würden, hätten kaum Wirkung gehabt – vor allem, nachdem Burger erzählt habe, dass solche Einschüchterungsversuche eine übliche Reaktion der Arbeitgeber sei, um Streikende zu verunsichern.

Ab dem zweiten Streiktag sei die Stimmung gut gewesen. Schon am dritten Tag sei man zum Streik gegangen wie zur Arbeit: «Um ehrlich zu sein, ich selber habe noch nie solange gearbeitet am Flughafen wie in diesem Tagen: Ich kam morgens um sechs und am Abend blieb ich bis elf oder zwölf. Mir war wichtig, mit den anderen Leuten dort zu sein.»

Das Fest vor der Einigung

Am vierten Tag kam Bewegung in den Arbeitskonflikt. Unique kündigte ihren Vertrag mit der IG Airport Taxi, weil diese ihre Dienstleistung – einen funktionierenden Taxidienst – nicht mehr erbrachte. Damit drohte Unique, den Taximarkt am Flughafen vollständig zu öffnen. «Ein Trick, um uns zur Wiederaufnahme der Arbeit zu zwingen», sagt Lubenovic. Der Schritt habe seine Kollegen und ihn nicht beunruhigt, sie hätten ja gewusst, dass dieser Vertrag sowieso befristet ist und immer wieder neu ausgeschrieben wird. «Wir haben an diesem Tag mit doppelter Energie für den Abend ein Fest organisiert.» Für die Streikenden wichtig war, dass an diesem Tag Unia-Co-Präsident Vasco Pedrina zu Besuch kam. Lubenovic ist «ein bisschen stolz», ihn kennengelernt zu haben.

Auch dank Pedrina kommen nun zwischen Unique, der IG und der Unia als Vertretung der Taxifahrer Verhandlungen in Gang. Lubenovic betätigt sich mittlerweile zusammen mit einem Kollegen als Sprecher der Streikenden für die Zürcher Medien – andere Kollegen betreuen die angereisten ausländischen Medienleute. Während weiter verhandelt wird, steigt abends das Fest mit Speis und Trank, Musik und Bauchtanz.

Tags darauf haben die Verhandlungen zu einer Einigung und damit dem Streikabbruch geführt. «Die Unia-Leute haben uns wirklich clever unterstützt, und wir sind mit dem Ergebnis zufrieden», sagt Lubenovic, «aber mehr als einer hat an diesem Freitag gesagt: Eigentlich schade, dass die schönen Tage des Streiks schon vorbei sind.»

 

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Fotografieren als Revolte

Geboren ist Senad Lubenovic 1968 in einem Dorf in der Nähe der bosnischen Stadt Banja Luka. Die Lehre als Elektriker brach er 1986 ab, um mit seiner Mutter und den drei Geschwistern in die Schweiz zu ziehen, wo sein Vater seit Jahren arbeitete.

In Zürich lernte er Deutsch und begann als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Später wurde er für sieben Jahre Berater in der Lampenabteilung eines Möbelgeschäfts. Seit acht Jahren ist er nun Fahrer der Dübendorfer Graf Taxi AG, die zur IG Airport Taxi gehört. Werktags arbeitet er täglich 13 bis 14 Stunden, am Sonntag zusätzlich ab 17 Uhr bis gegen Mitternacht.

Senad Lubenovic ist Unia-Mitglied und lebt seit bald zwanzig Jahren in Niederhasli (ZH), heute mit seiner Frau und einer zweieinhalb Jahre alten Tochter. In der Freizeit fotografiert er – gerade auch weil ihm während des Kriegs in Bosnien sein eigenes Haus mit dem Fotoarchiv niedergebrannt worden ist. Fotografieren sei für ihn auch eine «Revolte gegen die Sinnlosigkeit des Kriegs», sagt er. Im April hat er in Niederhasli den Antrag für die Einbürgerung seiner Familie gestellt.

Für die Sondernummer zum fünfjährigen Bestehen der Zeitung Work erhielt ich im Herbst 2006 den Auftrag, nach einem Jahr bei Senad Lubenovic nachzufragen, wie sich die Arbeitsbedingungen nach dem Zürcher Taxistreik entwickelt haben.

 

[Work, 20. 10. 2006]

«Man nimmt uns jetzt ernst»

Ein 13. Monatslohn, eine Arbeitsgruppe zur Problemlösung, ein Aufenthaltsraum mit Kaffeemaschine: Das Resultat des Klotener Taxistreiks kann sich sehen lassen, findet Senad Lubenovic.

Nun nimmt er sich während der Mittagspause Zeit zu erzählen, wie es seither läuft: Das Verhandlungsergebnis, das den Streik beendet hat, wurde umgesetzt. Nun haben die Taxifahrer und -fahrerinnen einen normalen 13. Monatslohn (8,3 Prozent des Bruttojahreslohns) und eine richtige Krankentaggeld-Versicherung (80 Prozent des Durchschnittslohns während 720 Tagen). Zudem sind die Flughafen-Taxis seither – befristet bis Ende 2007 – dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt, der für die Stadt Zürich gilt. Danach wird, so der zuständige Unia-Mann Roman Burger, neu verhandelt.

«Der Streik hat aber überall Verbesserungen gebracht», sagt Lubenovic. Unterdessen gibt es die «Arbeitsgruppe am Flughafen». Darin diskutieren die Firmeninhaber der sieben Taxibetriebe, die am Flughafen tätig sind, mit fünf Delegierten der Taxifahrer – unter ihnen Lubenovic – die aktuellen Probleme. «Es gibt Sitzungen, es gibt Protokolle, und ich muss sagen: Unsere Probleme werden ernst genommen.»

Heute ist Kritik möglich an den Arbeitgebern und unter den Fahrern und Fahrerinnen: «So können wir die Qualität unserer Dienstleistung weiter verbessern.» Zum Beispiel: Weil es vor dem Streik bei kleinen Aufträgen immer wieder zu Fahrtenverweigerungen gekommen ist, habe man der Flughafenbetreiberin Unique Gutscheine geschenkt, mit denen sie Kurzfahrten-Kontrollen durchführen könne. Die Rückmeldungen sind positiv.

Dass Lubenovic mit der Entwicklung im letzten Jahr «sehr zufrieden» ist, hat aber noch zwei weitere Gründe. Zum einen gibt es für die Taxileute nun einen Aufenthaltsraum mit Kaffeemaschine und Schachspiel. «Das ist gut für die Kollegialität.» Zum anderen zieht das Geschäft an: Die Zahl der Fahrten habe im laufenden Jahr um rund 20 Prozent zugenommen. Das tut gut, nachdem man während des letzten Jahres mit 14-Stunden-Tagen häufig nur noch 4000 Franken verdient hat.