Irrsinn Psychiatrie

Marc Rufer (* 1942), der nach seiner Ausbildung zum Psychiater seit 1975 in Zürich psychotherapeutisch arbeitet, schreibt in der Einleitung zu seinem Buch «Irrsinn Psychiatrie»: «Psychiatriekritik ist in der Schweiz praktisch inexistent. Die Psychiatrie ist in unser Leben, in die Gesellschaft integriert. Es ist schon gar nicht mehr möglich, sich eine Welt ohne sie vorzustellen.» Genau das jedoch tut Rufer: Indem er die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens durch die Psychiatrie kritisiert, wird eine Welt ohne Psychiatrie wieder vorstellbar. Zwar bestreitet Rufer nicht, dass es «psychische Störungen» gibt, «die auf organische Veränderungen zurückzuführen sind» (Unfallfolgen, Tumore etc.). Fatal sei aber, «dass die unbestrittene Existenz dieser organisch bedingten psychischen Anfälligkeiten als Modell genommen werden für alle übrigen psychischen Normabweichungen». Für Rufer ist psychisches Leiden keine Krankheit.

«Je unangepasster, je ungewohnter sich ein Mensch verhält, je fremder und bedrohlicher seine Erscheinung wirkt, desto beruhigender ist es, ihn – offen oder insgeheim – als organisch oder biologisch ‘krank’ zu bezeichnen.» Darum unterzieht Rufer zuerst die psychiatrische Diagnostik, die er als fragwürdig und subjektiv einschätzt, einer ausführlichen Kritik. Ein weiteres Interesse gilt der Geschichte der schweizerischen Psychiatrie seit August Forel – der 1880 gesagt hat: «Es gibt keine einzige Krankheit, die in so hohem Masse erblich ist wie der Irrsinn» – bis zu C. G. Jung, den Rufer als «konservative[n] Verkünder psychiatrischer Grundannahmen» bezeichnet.

Der dritte Schwerpunkt des Buchs ist dem Einsatz von Psychopharmaka gewidmet. Neben den Neuroleptika werden hier Antidepressiva, Tranquilizer und Schlafmittel kritisiert. In einem letzten Kapitel skizziert Rufer das «Drogen-‘Problem’»: «Die Feststellung, welche Substanzen als legal, welche als illegal gelten sollen, ist völlig willkürlich. Wer dabei mitbestimmen kann, ist im Besitz von gesellschaftlicher Macht.» Darum fordert Rufer «die bedingungslose Legalisierung aller Drogen, der harten wie der weichen».

Da die offizielle Psychiatrie davon ausgeht, dass «psychische Störungen» «Krankheiten» im medizinischen Sinn ohne Bezug zu den gesellschaftlichen Verhältnissen sind, kommt in der psychiatrischen Diagnostik auch heute noch der «unseligen Annahme der Vererbung» eine grosse Bedeutung zu (zur Geschichte der schweizerischen Psychiatrie hat Rufer unter dem Titel «Der Balken im Auge: Rassismus und Psychiatrie» in «Widerspruch» 14/1987, 53 ff. einen faktenreichen Aufsatz publiziert).

Schnell wird hierzulande als «schizophren» erklärt, wem der Psychiater «ungünstige, vererbte Entwicklungstendenzen» oder «Disharmonie von vererbten Entwicklungsbereitschaften» nachsagt. Das andere, das Angstmachende, das, was die eigenen Werte und Normen in Frage stellt, wird mittels «Diagnose» pathologisiert und dadurch unschädlich gemacht: «So ist denn für ’Exploranden’, deren Lebenshaltung derjenigen der Psychiater entspricht, die Gefahr eindeutig am geringsten, als ‘geisteskrank’, ‘psychotisch’, ‘psychopatisch’ oder ’unzurechnungsfähig’ bezeichnet zu werden. Die Angehörigen der unteren sozialen Schichten drücken sich anders aus als ihre Ärzte, leben anders. Verständlich, dass sie häufiger psychiatrisch hospitalisiert und medikamentös ‘behandelt’ werden.» Damit ist Rufers Perspektive umrissen, aus der er fakten- und kenntnisreich, parteiisch auf Seiten der Opfer seine Kritik führt gegen die Machtinstrumente der herrschenden Psychiatrie. Zu wünschen bleibt, dass Rufers Materialsammlung für weitere, vertiefte Analysen der schweizerischen Psychiatrie genutzt wird.

Marc Rufer: Irrsinn Psychiatrie, Bern (Zytglogge) 1988.