In der Nische durch die Krise

In der Berner Altstadt gibt es an der Marktgasse 27 gleich links beim Eingang einen Paternoster, einen Personenlift mit offenen Kabinen, der nie stillsteht. Lässt man sich in die Höhe ziehen, blickt man zuerst kurz ins Café Cis und danach in zwei verschiedene Abteilungen des Sportgeschäfts Vaucher, bevor man im vierten Stock in einen langen Raum mit Fenstern in den Dachschrägen tritt: Die Gestelle an den Wänden sind voller Reiseprospekte, davor ein halbes Dutzend PC-bestückte Arbeitsplätze. Das ist das Reisebüro Ferex mit zwei ganztags und zwei teilzeitlich Angestellten sowie zwei Lehrtöchtern. Eine Kollegin, die auf vorletzten Herbst gekündigt hat, wurde nicht ersetzt.

«Ich bin zuversichtlich», sagt Geschäftsführerin Cristina Sackmann. Es stimme zwar, dass es für die Reisebranche zurzeit eng sei; nach dem Massaker von Luxor, dem Absturz vor Halifax, dem 11. September und dem Swissair-Grounding seien die Reserven aufgebraucht. Und jetzt noch die wirtschaftliche Krise und der drohende Krieg: «Es gibt wohl schon Reisebüros, denen in nächster Zeit der Schnauf ausgeht – vor allem solchen, die sich auf ein Segment der Kundschaft, ein Produkt oder ein Land spezialisiert haben.» Aber reisen, andere Menschen und Kulturen kennen lernen, wollten die Leute immer. Die Erfahrungen, die man dabei mache, könne einem niemand wegnehmen: «Das ist das Einzige, was wir ins Grab mitnehmen können.»

Puzzle spielen und flexibel sein

Die Arbeitsatmosphäre ist locker. «E Guete!» ruft sie den Kolleginnen nach, die jetzt in den Mittag gehen, sagt: «Reisebüros, das ist eine Niedriglohnbranche, ein Beruf für Frauen, weil wir belastbarer sind», fügt bei: «Wir sind hier wirklich ein Team» und beginnt zu erklären: «Ferex» heisst «Ferien, Reisen, Expedition». Das Sportgeschäft Vaucher hat dieses Reisebüro vor 29 Jahren gegründet, um der Kundschaft neben Eispickel und Taucherbrille auch gleich Berge und Meere anbieten zu können. Heute verkauft Ferex von den Grossen der Branche unabhängig pauschal oder auf Wunsch massgeschneidert alles von Bade-nund Wanderferien, über Businessreisen bis zu Hausbootfahrten und Last-minute-Angeboten.

«Bedienen und verkaufen hat erste Priorität», sagt Cristina Sackmann, «hier arbeiten alle an der Verkaufsfront.» Die Zeiten seien vorbei, in denen eine Chefin nur für das Wichtigste da gewesen sei. Tagespläne gebe es keine, Telefon abnehmen und eine Beratung durchführen komme immer zuerst, aber im Notfall müsse man halt zehn Dinge gleichzeitig machen können – zum Beispiel auch recherchieren: Um ein Angebot nach Mass machen zu können, muss man die Elemente aus Angeboten von der Stange herauslösen und puzzleartig neu zusammensetzen.

Nicht nur solche Recherchen macht Cristina Sackmann zwischendurch, sondern auch die Zusatzarbeiten als Geschäftsleiterin: vom Schreiben der Arbeitseinsatzlisten über die Budget- und Umsatzkontrolle bis zum Verfassen von Offerten und der Durchführung von Mitarbeiterinnenschulungen.

«Hier schaut man nicht auf die Uhr», sagt sie. Der Tag sei zu Ende, wenn die dringende Arbeit gemacht sei. «Das ist kein Beamtenjob, bei der man minütelet» – umso weniger, als das Reisebüro zu den gleichen Zeiten geöffnet hat wie das Sportgeschäft. «Heutzutage müssen die Reisebüros flexibel sein. Die Kundschaft bucht häufig über Mittag oder auf dem Nachhauseweg am Feierabend.»

Arbeitgeber der alten Schule

Gleich zu Beginn des Gesprächs hat Cristina Sackmann gesagt, wenn ich einen Skandal suche, sei ich bei Ferex an der falschen Adresse. Später hat sie erklärt, was sie damit meint. Ferex gehöre als Teil der Vaucher AG zu einem «gesunden Familienbetrieb», der in Bern, Biel (mit Ferex-Filiale), Niederwangen und Schönbühl insgesamt etwa 130 Leute beschäftige. Herr und Frau Vaucher seien Vorgesetzte, die man täglich im Betrieb mitarbeiten sehe. Wegrationalisieren und Entlassen, das gebe es hier nicht: «Hier gilt noch die alte Schule: Man kann sich vertrauen. Vaucher schaut zu seinen Leuten.»

Einen solchen Arbeitgeber im Rücken zu haben, ist in diesen Zeiten in der Reisebranche ein Vorteil. Auch wenn es trotz allen Krisenmeldungen auch heute Kundschaft gebe, die sagt: «Mich kann nichts mehr erschüttern. Wenn ich im falschen Moment am falschen Ort bin, betrachte ich das als Schicksal. Ich will jetzt buchen.»

 

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Rückkehr nach den Wanderjahren

Geboren wurde Christina Sackmann 1962 in Argentinien. Zwei Jahre später kehrte sie mit ihren Eltern als argentinisch-schweizerische Doppelbürgerin in die Schweiz zurück. Sie machte ihre dreijährige kaufmännische Ausbildung in jenem Betrieb, den sie heute leitet: im Reisebüro Ferex, einer Abteilung des Sportgeschäfts Vaucher AG in Bern. Danach begannen ihre Wanderjahre: an den Schaltern von Reisebüros in Solothurn und Bern; als Reiseleiterin für eine deutsche Firma; schliesslich acht Jahre für ein grosses Schweizer Reiseunternehmen, das nicht nur Produkte weiterverkauft (Retailer), sondern eigene Produkte zusammenstellt (Tour-Operater).

Seit fünf Jahren ist sie Ferex-Geschäftsleiterin; sie ist Mitglied der Sektion Bern von «Verkauf Schweiz», dem Verband verkaufsorientierter Fachleute und Firmen. Nach den Richtlinien des Schweizerischen Reisebüroverbands beträgt der Einstiegsbruttolohn in der Branche 3300 bis 3600 Franken (13mal pro Jahr). Routinierte Angestellte verdienen ab 4500, untere Kader ab 5000 und obere Kader ab 6000 Franken pro Monat.

Für Mauro Moretto, Zentralsekretär der Dienstleistungsgewerkschaft Unia, ist die Reisebranche immer noch weitgehend «eine gewerkschaftliche Wüste»: «Häufig wird deshalb de facto auf Abruf gearbeitet. Läuft das Geschäft nicht, müssen die Angestellten zu Hause bleiben, läuft es, gibt es lange Arbeitszeiten und unbezahlte Überstunden.»

Im Herbst 2013 hat die Vaucher AG ihr Reisebüro Ferex verkauft. Kurz darauf hat sie die Standorte Bern, Biel und Schönbühl geschlossen und 41 von 97 Mitarbeitende entlassen