Im Schatten der Windmühlen des Paradieses

Ende März 1843, Märittag in Burgdorf. Peterli Käser kriegt vom Vater, der sein Bälli Anken verkaufen will, einen Batzen, er solle sich ein wenig umsehen. Peterli geht von Stand zu Stand und versinkt in immer tiefere Bewunderung. Er sieht «ganze Haufen von Büchern und Helgen […], ach, so schön, so schön, wie ich mein Lebtag nicht gesehen, und nebendabei Lebkuchen ganze Bygete und gross wie Ofenbretter.»[1] Der Peterli Käser, der nach dem Willen seines Erfinders später die «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» durchzustehen haben wird, staunt und staunt. Hätte er jedoch von dieser paradiesischen Warenwelt einen Augenblick aufgeschaut, so hätte er mitten in den vorbeiströmenden Leuten den Zusammenputsch zweier Bibelfester beobachten können. Der Pfarrer von Lützelflüh, für den die Evangelien alle Prinzipien enthielten, mit denen sich die «tierische Selbstsucht» der «Kommunisten, Sozialisten, Fourieristen und anderer Unchristen»[2] in die Flucht schlagen liess, stiess versehentlich einen blondbärtigen deutschen Handwerksgesellen an, der aus den Evangelien den «allervollkommensten Zustand von Kommunismus»[3] herauszulesen vermochte. Der Pfarrer entschuldigt sich flüchtig; der Handwerksgeselle lächelt, deutet eine Verbeugung an und verschwindet im Gedränge.

Auf dem Kreuzweg nach Zürich

Wilhelm Weitling war im Mai 1841 im Auftrag des «Bunds der Gerechten» aus Paris nach Genf gekommen und hatte in den Handwerkervereinen sofort mit der kommunistischen Agitation begonnen. Man kannte den Schneidergesellen aus Magdeburg bereits. Er war der Verfasser der Schrift «Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte», in der er «die Vereinigung der ganzen Menschheit in einem grossen Familienbunde» und die «Abschaffung des Erbrechtes und Besitzthums des Einzelnen» als Grundsätze für das «wahre Glück für die Menschheit» postuliert hatte.[4] Seit September 1841 gab er eine Zeitschrift heraus, die zuerst «Hülferuf der deutschen Jugend», später «Die junge Generation» hiess. 1842 liess er in Vevey sein theoretisches Hauptwerk «Garantien der Harmonie und Freiheit»drucken.[5] Damit war er für seine «Brüder» zwar einige Jahre lang der wichtigste Theoretiker des Kommunismus, aber doch nicht erhaben über jede Kritik. Während er sich kurz vor der Revolution wähnte und öffentlich über die freie Liebe und den Diebstahl als legitime Massnahme zur Herstellung von gesellschaftlicher Gerechtigkeit zu reden begann, trafen aus Paris warnende Briefe ein: «O Freund! In welchen Irrtum bist du geraten, willst mit den Furien der Hölle das Himmelreich gründen, gehe und schäme Dich solch eines Gedankens.»[6] Weitling ertrug Kritik schlecht und entwickelte gegen seine Freunde ein zunehmendes Misstrauen.

Wo er sich aufhielt, als am Montag, den 13. Februar 1843, die Führer der Handwerkervereine im Genfer Arbeiterquartier Saint-Gervais zum Aufstand gegen die aristokratisch dominierte Regierung aufriefen[7], ist unbekannt. Sicher ist, dass er um den 20. März in Lausanne Richtung Deutschschweiz abreist. Mit messianischem Pathos wird er später kommentieren: «Ich will der Verfolgte werden und mein Kreuz nach Zürich tragen.»[8] Vorerst ist sein Ziel jedoch Langenthal. Seit Januar lässt er dort bei der Offizin Irmel und Comp. «Die junge Generation» drucken, und Irmel hat ihm angeboten, die Redaktion seines «Schweizerischen Volksboten» zu übernehmen.[9]

Auf seiner Reise besucht Weitling in Murten seinen Mitkämpfer Sebastian Seiler, und man diskutiert darüber, «welches wohl das grösste Hindernis für den Fortschritt und die endliche Herstellung der Freiheit und Gleichheit Aller sei» Man sei übereingekommen, berichtet Seiler, dass es «der von den Pfaffen eingebläute blinde Offenbarungs- und Bibelglaube sei», der die demokratische Gleichheitslehre der ältesten und grössten Denker «absichtlich verstümmelt und somit den einfältigsten Aberglauben mit allen seinen nachtheiligen Folgen auf der Entwicklung aller Lebensbereichte, Industrie etc. etc. erzeugt habe». Not tue deshalb, den verordneten Schulkatechismen einen Vernunftkatechismus entgegenzustellen, der dem Volk begreiflich mache, «dass, so lange es sich noch mit Milch, Schnaps, Kartoffeln und der erlogenen Aussicht auf eine Art Muhamedanisches Paradies begnüge, der Mensch eigentlich ein Thier in menschlicher Gestalt sei.» Nach diesem Gespräch fühlt sich Weitling darin bestärkt, sein angefangenes Manuskript mit dem Titel «Evangelium des armen Sünders», das er bei sich trägt, so bald als möglich fertigzustellen.[10] Am Sonntag, den 26. März, ist Weitling in Bern, muss aber sofort weiter, weil ihn schon am Montag morgen die Gendarmen suchen.[11] Nach Langenthal wird er via Burgdorf gereist sein.

Der teuflische Trieb nach oben

Dass Albert Bitzius Ende März 1843 nach Burgdorf kam, war nötig für den Zusammenputsch, den allerdings nicht einmal Peterli Käser beobachtet hat und der nirgends belegt ist. Belegt ist hingegen, dass Bitzius das Zeitgeschehen genau verfolgte, weil er für den «Neuen Berner Kalender» unter anderem die «Kuriositäten vom Jahre 1843» zu sammeln hatte. Im Februar-Abschnitt ergoss er seinen Spott zum Beispiel über den Obersten Frédéric Jacques Louis Rilliet-Constant. Dieser hatte während de Revolte in Genf eine zurückhaltende Rolle gespielt, obschon es dort nach Bitzius’ Meinung darum ging, «dass Lumpenpack und Lumpenbuben einen Aufstand machten gegen die hablichen und braven Leute und wirklich auf sie schossen.»[12] Die braven Leute sind allerdings glimpflich davongekommen, dagegen wurden drei Aufständische getötet und elf verletzt.[13]

Daneben produziert Bitzius Gotthelf-Romane am Laufmeter. Parallel schreibt er an «Geld und Geist» und am zweiten Teil von «Anne Bäbi Jowäger» und eben in jenen Wochen sucht er einen retardierenden Exkurs, den er vor dem dramatischen Höhepunkt – dem Tod des Doktors Rudi – einfügen will. Er entscheidet sich für eine Attacke gegen den neuerdings öffentlich diskutierten Handwerkerkommunismus: Nachdem die Glückseligkeitslehren «allmälig das Jenseits wegstibitzt, die Fortdauer nach dem Tode wegdisputiert» hätten, sei nichts geblieben als dies: «Erstens die menschliche Natur, welche was haben will, deren Gott die Materie ist, und zweitens die Lehre, dass Bildung, Geist, Kultur, Aufklärung, geistige Emanzipation, und wie das Zeug mehr heisst, erst den Menschen zum Menschen mache und so ein Gebildeter, Gegeisteter, Kultureter, Aufgeklärter, Emanzipierter unendlich mehr sei als so ein dummes Menschenkind, das [nicht einmal] in einer Sekundarschule gewesen sei.» In Schrift und Wort predigten die Apostel dieses Kommunismus allen, «dass Pfaffen und Aristokraten fortmüssten, […] und das sei die höchste Kultur und Aufklärung». Es sei eine «alte Schwachheit der Menschheit», dass sie sich immer die Moden und Meinungen der «Höhern» aneignen wolle – das sei eben der «vom Teufel zur Schwachheit verdrehte Trieb im Menschen, der Trieb nach oben»: «Aber dieses Oben ist eben weit oben über den Sternen und nicht in einem irdisch hochgestellten Haupte, und wäre es auch ein gekröntes, zu suchen.» Kommunismus sei «die Lehre, dass, wen es gelüste, eine Sau sein zu wollen, nur eine sein solle.» Ein Seitenhieb der Polemik gilt wahrscheinlich Weitling. Es gebe «Kulturete», schreibt Bitzius, die würden «Bücher schreiben und sollten eigentlich schneidern».[14]

Weitlings reine Lehre Jesu

Dass Bitzius im Frühsommer 1843 Wilhelm Weitling im Auge hatte, beweisen die «Kuriositäten vom Jahre 1843». In Zürich rumore der Schneider Weitling, schreibt er da, und tue nichts anderes, «als was auch in der französischen Revolution teilweise geschehen war, er wollte der Masse zu dem Recht des Stärkern verhelfen, er sagte nichts weiter, als dass, zum Heil dieser Masse zu kommen, jedes Mittel erlaubt sei.» Nachdem er den Zeitungen der damaligen Radikalen widersprochen hat, die Weitlings Lehre als «leerer Wind von Züri her» abgetan hätten, fragt er: «Hat der Kommunismus nichts zu bedeuten? Wer dies behauptet, ist entweder blind, oder er gleicht dem, der Feuer eingelegt hat in ein Haus und denen, die Rauch riechen, es ausredet, sie hinhält, bis das Haus unlöschbar in Flammen steht.»[15]

Diese Sätze fügt Bitzius in den «Kuriositäten» fälschlicherweise im Abschnitt «August» ein. Damals sass Weitling längst im Gefängnis. Kaum war er Ende März in Langenthal eingetroffen, hatte die dortige Presse Lärm geschlagen gegen «die Kommunisten als Mörder, Räuber und Plünderer». Ein Lokalhistoriker berichtet: «Lediglich durch polizeiliche Verfügung, welche allerdings später durch die Regierung gutgeheissen worden ist, wurde dem eifernden Fremdling bedeutet, dass er im bernischen Gebiet unerwünscht sei und dass er aus Langenthal zu verschwinden habe.»[16] Wilhelm Weitling reiste Richtung Zürich weiter und traf in Baden den Lyriker und Gesinnungsgenossen Georg Herwegh, der damals in der Schweiz im Exil lebte. Weitling hat vergebens versucht, ihn dafür zu gewinnen, den Druck seines neuen Buches finanziell zu unterstützen.[17]

Seit Anfang April ist er in Zürich; er arbeitet beim Schneider Wuhrmann in der Neustadt Nr. 154 und schreibt am «Evangelium des armen Sünders». Darin zeigt er im ersten Teil auf, was an den Evangelien der Bibel Propaganda in Gleichnissen des Revolutionärs Jesus sei, und was schiere «Wortwirren» oder «sonderbare und unverständliche Phrasen und Begriffe». Nach dieser Textkritik, die er zwar ausgesprochen scharfsinnig, aber als Autodidakt ohne fundierte geschichtliche Kenntnisse und lediglich auf der Grundlage der deutschen Bibelübersetzung Luthers führt, hat er nun sozusagen «Die reine Lehre Jesu» vor sich. Diese nun, weist er nach, fordere die «Abschaffung des Eigenthums und [die] Gemeinschaft der Güter», die Abschaffung der Erbschaft und die Abschaffung des Geldes. Um seine «revolutionäre Propaganda» betreiben zu können, habe Jesus «dem Prinzip der Allgemeinheit» des weiteren die Familie geopfert und sei «mit sündigen Weibern im Lande herum» gezogen. Nachdem er dergestalt nachgewiesen hat, dass die reine Lehre Jesu und seine Vorstellung des Kommunismus schlichtweg ein und dasselbe sei, holt er zum «Schlusswort» aus: «Wohl ihr Herren, ihr habt es bewiesen, ihr habt ein Evangelium der Tyrannei, der Bedrückung und der Täuschung daraus gemacht, ich wollte eines der Freiheit, Gleichheit und Gemeinschaft, des Wissens, der Hoffnung und der Liebe daraus machen, wenn es dies nicht schon wäre. Wenn jene sich irrten, so geschah es aus persönlichem Interesse, wenn ich mich irre, so geschieht es aus Liebe zur Menschheit. Meine Absicht ist bekannt, und die Stellen aus denen ich schöpfte, sind angemerkt. Der Leser mag nun lesen, prüfen, urtheilen und glauben was er will. Amen.»[18]

Der Buchdrucker Hess in Zürich-Stadelhofen hat seit einiger Zeit mit dem Druck des «Evangeliums» begonnen und bereits eine inhaltliche Vorankündigung veröffentlicht, als Weitling, zusammen mit Freunden aus dem Vereinslokal des Gesangsvereins «Hoffnung» kommend, am 8. Juni 1843 nach zehn Uhr abends auf offener Strasse verhaftet und ins Gefängnis gebracht wird.[19] Seine Papiere, Bücher und Zeitschriften werden beschlagnahmt, ebenso die in der Buchdruckerei von Hess bisher gedruckten Bogen des «Evangeliums» – vor dem Zugriff des Staates gerettet werden kann einzig Weitlings Manuskript. Eine Regierungskommission unter Staatsrat Johann Kaspar Bluntschli beginnt ihre Arbeit an einem Bericht mit dem Titel «Die Kommunisten in der Schweiz nach den bei Weitling vorgefundenen Papieren». Weitling bleibt inhaftiert und wird wegen Anstiftung zu Verbrechen gegen das Eigentum, Anreizung zum Aufruhr, öffentlichem Ärgernis und Religionsstörung unter Anklage gestellt. Am 16. September wird er zu sechs Monaten Gefängnis und lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Weitling legt Berufung ein.[20]

Wie Selbsthülfe zur Krebswunde wird

Im gleichen Herbst 1843 griff im sächsischen Zwickau der Kirchen- und Schulrat Gotthilf Ferdinand Döhner zur Feder und schrieb dem Schriftsteller Jeremias Gotthelf einen Brief; mit Datum vom 30. Oktober hat Bitzius geantwortet. Zwar sind diese beiden Briefe verloren, aber aus einem weiteren von Döhner vom 8. Januar 1844 wird klar, worum es geht. Döhner hat angefragt, ob er für seinen «Verein zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften» ein Werk von Gotthelf bestellen könne und macht gleich Themenvorschläge. Einer davon lautet: «Denken Sie sich einen deutschen Handwerksburschen, der die Schweiz durchwandert.»[21] Die Idee zündet bei Bitzius. Bereits am 25. Februar schreibt er seinem Freund Regierungsrat Rudolf Fetscherin, er habe Lust, «die Handwerksburschen übers Knie zu nehmen, habe Notizen gesammelt bereits, weiss z. B., dass in Bern eine eigene Kommunistengesellschaft ist, welche drei Zimmer füllt, Versammlungen abhält usw., weiss Grüsse, Brüderschaften, Sitten, habe mit Gesellen mich eingelassen, und wenn ich freie Hand kriege und der Luft im Kopf gut weht, so kanns was Ordentliches geben.»[22]

Unterdessen hat er «Geld und Geist» und der zweite Teil von «Anne Bäbi Jowäger» fertiggestellt. Aber bevor er den Jakob, wie er seinen Handwerksgesellen nennen will, übers Knie nimmt, will er noch schnell die Geschichte vom Wirtehepaar Steffen und Eisi in der «Gnepfi» erzählen – sie erscheint bereits 1845 als dreihundertseitiger Roman unter dem Titel «Der Geltstag oder Die Wirtschaft nach der neuen Mode». Darin geisselt er den «Wucher» als «eine schreckliche Versündigung, und wenn in solchen Fällen der Arme zur Selbsthülfe greift, so halten wir seine Sünde nicht für so gross. Bloss wenn dieses Gefühl, der Drang zur Selbsthülfe, andauernd und bleibend zum Kommunismus wird, der nehmen will, wo er findet, dann halten wir es für eine Krebswunde an der Menschheit, für ein alles zersetzendes Element. Der Kommunismus aber so wenig als der Radikalismus können etwas anders als zerstören; ist der Bestand zerstört, dann schlagen sie um in Despotie und Habsucht; was andern genommen ward angeblich für das Allgemeine, das will am Ende doch jeder ausschliesslich für sich.»[23]

Schelm ist nicht gleich Schelm

Am 23. November 1843 steht Wilhelm Weitling vor dem Appellationsgericht des Kantons Zürich. Weit ausholend referiert er in seiner Selbstverteidigung einzelne Aspekte des «Evangeliums des armen Sünders»[24], bevor er eine kleine Episode erzählt: Ende Juni habe ihn im Rahmen seiner Untersuchung Staatsrat Bluntschli im Gefängnis besucht und sich danach erkundigt, ob er etwas bedürfe.[25] Er habe um eine Lektüre gebeten. – «Welche?» – «Das will ich ihrer Wahl überlassen.» Bluntschli habe Wort gehalten und ihm ein Buch ins Gefängnis geschickt: «Wie Uli der Knecht glücklich wird» von Jeremias Gotthelf. Aus diesem Buch zitiert Weitling nun vor seinen Richtern zwei Passagen «um zu zeigen», wie er sagt, «welche Richtung im entgegengesetzten Sinn der Richtung, welche ich bezwecke, eingeschlagen wird» und «welche Freiheit der einen Richtung gestattet wird und welche Verfolgung die andere zu erdulden hat.» Nun zitiert Weitling einen Gedanken Ulis: «…ein Schelm hängt selten gern einen andern Schelm, er müsste ja denken: ‘Heute dir, morgen mir!’»[26], um dann zu fragen: «Hätte ich dasselbe in meinen Schriften wohl gegen meine Gegner sagen dürfen, ohne mir eine Hochverratsklage zuzuziehen? Hätte ich es sagen dürfen von reichen Dieben, die auf erlaubtem Wege das Volk bestehlen?» Weitling kann seine Richter nicht überzeugen. Seine Gefängnisstrafe wird von sechs auf zehn Monate verschärft.

Im Gefängnis durchlebte er dann einen harten Winter. Immer häufiger fühlte er sich verfolgt, immer mehr glaubte er an ein Komplott, das ihm nach dem Leben trachte, immer mehr hoffte er aber auch darauf, dass es zu seiner Rückschaffung nach Magdeburg in Preussen nicht kommen werde, weil der Versuch seiner Wegschaffung für seine Zürcher Freunde unzweifelhaft zum Fanal werden müsse, um ihn zu befreien und gegen die Obrigkeit loszuschlagen. Aber Weitling wird weder ermordet noch befreit. Am 21. Mai 1844 wird er mit einem geschlossenen Wagen aus der Stadt geschafft, am Mittag ist er bereits in Schaffhausen.[27] Nichts ist geschehen.

Aus seiner Geburtsstadt Magdeburg wird er, kaum drei Monate später, unter Androhung einer zweijährigen Zuchthausstrafe im Fall der Rückkehr mit einem Elbdampfschiff nach Hamburg verfrachtet.[28] Dort verkauft er dem Verlag Hoffmann und Campe seine «Kerkerpoesien», die noch im gleichen Jahr erscheinen.[29] Am 27. August landet Weitlings Schiff in London. Er beginnt unter dem Titel «Gerechtigkeit. Ein Studium in 500 Tagen» sein akribisches Zürcher Gefängnistagebuch[30] zu schreiben und vermutlich bald einmal auch die zweite Fassung des «Evangeliums», dessen Manuskript er in Zürich verloren glaubt. Am 22. September wird er in Anwesenheit vieler britischer und ausländischer Sozialisten in London offiziell als «Wilhelm Weitling, the leader of the German Communists» willkommen geheissen.[31] Zwischen dem 18. Februar 1845 und dem 14. Januar 1846 führt er im «Londoner Kommmunistischen Arbeitsbildungsverein» Diskussionen über Zeitpunkt, Reife und Notwendigkeit einer kommunistischen Revolution, über Propaganda und Aufklärung und über die kommunistischen Systeme.[32] Weitling wird zunehmend isoliert.

Verführer Jesus – Erretter Christus

1845 setzt sich Albert Bitzius hinter den Roman «Jakobs des Handwerkgesellen Wanderungen durch die Schweiz» und beginnt mit der Darstellung, wie neuerdings das Handwerk proletarisiert werde: «Die Handwerke steigerten sich zu Etablissements, das Fabrikartige, wo jeder Arbeiter nichts ist als der Zahn in einem grossen Rade, ragte ins Handwerk hinüber, das christliche Band ward zerschnitten, das Benutzen ward die Hauptsache: der Meister benutzte den Gesellen, der Geselle den Meister.» Nach dieser Analyse, mit der Weitling zweifellos einverstanden gewesen wäre, verteilt Bitzius seine Kritik aus der Warte des überlegenen Unparteiischen an Handwerker und Meister gleichermassen.

Letztere würden die Handwerker immer mehr zu «Handwerksmaschinen» machen, «die keinen Wert für sie ha[b]en als eben die Arbeit und den Gewinn, welchen dieselben dem Meister abw[e]rfen.»[33] Was aber tun gegen die Gewalt der Entfremdung, die die Proletarisierung mit sich bringt? Der Pfarrherr von Lützelflüh weiss nur einen Rat: Er beschwört immer wieder den handwerklich untadeligen Meister, der sich in kleinen Verhältnissen bescheidet und die Handwerksgesellen, die er beschäftigt, einem gütig-christlichen, aber streng paternalistischen Regime unterwirft.

Sowenig die Partons Kapitalisten werden sollen, so wenig sollen Handwerker zu Proletariern werden. Aber statt dass diese respektierten, dass «Gott die Arbeit dem Menschen verordnet hat als Heilmittel seiner sündigen Natur», hofften sie auf eine «Revolution», und «nicht bloss eine politische, sondern eine totale». Und «sie wollen abschaffen die zehn Gebote, und was auf ihnen beruht, und wollen die fünf Sinne, die fünf Könige, die mit Sodom hielten, zur Herrschaft erheben.»[34] Dafür, dass Jakob ein Mitläufer dieser Lehre wird, straft ihn Bitzius, indem er ihn in immer grösserem Elend versinken und schliesslich in Genf an der gescheiterten Revolte vom Februar 1843 teilnehmen lässt. Sie wird Jakob zur kathartischen Höllenfahrt.

Im zweiten Teil des Romans findet Jakob zur christlichen Bescheidung und Rechtschaffenheit zurück, obschon der Missstand unbehoben und unbestritten bleibt: «Wir geben gerne zu, dass grosse Unbill in der Welt ist, dass namentlich in Fabriklanden an der Menschheit mächtig gefrevelt wird (…), aber an die Quelle des Übels reicht des Menschen Macht nicht. Es ordnen, dass es weder Arme noch Reiche mehr gibt, das vermag der Mensch nicht, denn ‘die Armen habt ihr allezeit bei euch’, hat Christus gesagt.» Lieber ein billiger Trost als eine Irrlehre, lehrt Bitzius, denn der Kommunismus sei nichts anderes als «der tierische Zustand, wie er auch unter den Menschen nach Aufhebung des Eigentums und der Ehe und Einführung der sogenannten freien Liebe entstehen würde.» Zwar gebe es neben dem Kommunismus noch den Sozialismus, der «in das Grobe das Feine bringen» wolle, aber dieser werde alsbald «vom Kommunismus verschlungen» und der Kommunismus vom «Despotismus»: «Und dieses wechselnde Elend brächte die armen Sünder vielleicht wieder zu dem, der den glimmenden Docht nicht auslöscht, den Elenden nicht verstösst.»[35]

«Die armen Sünder» brauchen keinen kommunistischen Jesus, sondern einen antikommunistischen Christus, stichelt der Pfarrherr aus der Ferne gegen Weitling. Denn bei der Arbeit am zweiten Teil des Jakob-Romans 1846 wird ihm das «Evangelium des armen Sünders» geläufig gewesen sein: Das Manuskript, das den Zürcher Häschern im Juni 1843 entgangen war, wurde nämlich dem Buchdrucker Jenni in Bern übergeben und ist von diesem noch 1845 gedruckt worden.

Zwei Clowns der Wahrhaftigkeit

Am 30. März 1846 nimmt Wilhelm Weitling in Brüssel an der Sitzung des kommunistischen Korrespondenzkomitees teil. Neben ihm sind anwesend Friedrich Engels, Karl Marx und Pawel Wassiljewitsch Annenkow, letzterer verfasst später einen Bericht. Engels habe eingeleitet und von der Notwendigkeit gesprochen, sich hier nun auf eine gemeinsame Lehre festzulegen. Er hat noch nicht geendigt, als ihm Marx ungeduldig ins Wort fällt und den zehn Jahre älteren Weitling anfährt: «Sagen Sie uns doch, Weitling, der Sie mit Ihren kommunistischen Predigten in Deutschland so viel Lärm gemacht und der Sie so viele Arbeiter gewonnen haben, die dadurch Arbeit und Brot verloren, mit welchen Gründen rechtfertigen Sie Ihre revolutionäre und soziale Tätigkeit, und worauf denken Sie dieselbe in Zukunft zu gründen?» Der weniger geschulte Weitling gerät in der Defensive, verheddert sich in Rechtfertigungen. Marx fordert statt Utopien die wissenschaftliche Fundierung des Kommunismus, schlägt schliesslich mit der Faust auf den Tisch, springt auf und ruft: «Niemals noch hat die Unwissenheit jemandem genützt!»[36] Der Bruch zwischen Weitling und Marx ist endgültig.

Innert kürzester Zeit verloren die Weitlingianer ihren Einfluss in der kommunistischen Bewegung. Noch 1846 wanderte Wilhelm Weitling nach New York aus, zog sich nach und nach aus der Arbeiterbewegung zurück, heiratete und arbeitete wieder als Schneider. Er ist am 25. Januar 1871 in New York gestorben.

Aber auch Albert Bitzius war nach seinem Tod am 2. Oktober 1854 vielen nichts mehr als eine kleine Geschmacklosigkeit wert. Die «Schweizerische Dorfzeitung» schrieb: «Lützelflüh. Pfarrer Bitzius ist Sonntags, den 22. diess gestorben. Nach dem Grundsatze: De mortuis nil nisi bene, schweigen wir über den Dahingeschiedenen.»[37] In seinem zunehmend verschrobenen Kampf gegen den «antichristlichen» Zeitgeist, wie ihn die Partei der Radikalen vertrat, die seit 1846 den Staat Bern regierte, hatte er sich längst mit allen überworfen, die Rang und Namen hatten.

Der Streit jedoch, ob der Weg vorwärts ins urchristlich-kommunistische Paradies oder rückwärts in eine christlich grundierte vorindustrielle Ordnung führe war – durch die Macht des Kapitals, wie Marx gesagt hätte –  längst entschieden. Alle Windmühlen des Paradieses waren geschleift, an ihrer Stelle wuchsen unabsehbar die Tempel der revolutionierten Produktionsmittel empor. Albert Bitzius und Wilhelm Weitling waren zwei Clowns der Wahrhaftigkeit, die vom schleudernden Karren des Zeitgeists geworfen wurden, noch bevor das revolutionäre Bürgertum im Jahr 1848 europaweit nach der Macht griff.

[1] Jeremias Gotthelfs Werke werden zitiert nach: Jeremias Gotthelf: Sämtliche Werke, Erlenbach Zürich (Rentsch) 1911-1977; 1-XXIV (Werkbände) und 1-18 (Zusatzbände). – Hier: II, 44.

[2] Gotthelf: IX, 217+226.

[3] Wilhelm Weitling: Das Evangelium des armen Sünders, Reinbek/Hamburg (Rowohlt) 1971, 21.

[4] Wilhelm Weitling: Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte, Reinbek/Hamburg (Rowohlt) 1971, 154.

[5] Zeittafel, in: Wilhelm Weitling: Garantien der Harmonie und Freiheit, Stuttgart (Reclam) 1974, 285 f.

[6] Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED u.a. [Hrsg.]: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, 1836-1849, Berlin (Dietz Verlag) 1983, 163.

[7] Gotthelf: IX, 589 ff.

[8] Wilhelm Weitling: Gerechtigkeit. Ein Studium in 500 Tagen, Berlin (Karin Kramer Verlag) 1977, 29.

[9] Anonym [Sebastian Seiler]: Der Schriftsteller Wilhelm Weitling und der Kommunistenlärm in Zürich, Bern (Verlag Jenni Sohn) 1843, 23.

[10] Anonym [Seiler] , a.a.O., 24.

[11] Otto Brugger: Geschichte der deutschen Handwerkervereine in der Schweiz 1836-1843. Die Wirksamkeit Weitlings (1841-1843), Bern/Leipzig (Haupt) 1932, 165, Fn. 39.

[12] Gotthelf: XXIV, 127+416.

[13] Gotthelf: IX, 590.

[14] Gotthelf: VI, 396-402.

[15] Gotthelf: XXIV, 140.

[16] G.K.: Regierungsrat Johann Rudolf Schneider des Kommunismus angeschuldigt – Der Wohltäter des Seelandes rechtfertigt sich, in: Der kleine Bund, 19.8.1928.

[17] Brugger, a.a.O., 165 f.

[18] Weitling: Evangelium, a.a.O.

[19] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O., 29 f.; Weitling: Garantien/Zeittafel, a.a.O., 286.

[20] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O., 66 ff.

[21] Gotthelf: 6, 16.

[22] Gotthelf: 6, 30.

[23] Gotthelf: VIII, 109.

[24] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O., 106-135.

[25] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O., 44 ff., hier 46.

[26] Gotthelf: IV, 186.

[27] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O. 329 ff.

[28] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O., 354.

[29] Ernst Barnikol: Weitling der Gefangene und seine ‘Gerechtigkeit’, Kiel (Walter G. Mühlau Verlag) 1929, 149.

[30] Weitling: Gerechtigkeit, a.a.O., 355, Fn. 4.

[31] Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED u.a. [Hrsg.], a.a.O., 180 ff.

[32] Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED u.a. [Hrsg.], a.a.O., 214-238.

[33] Gotthelf: IX, 32 ff.

[34] Gotthelf: IX, 42 f.

[35] Gotthelf: IX, 249.

[36] Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED u.a. [Hrsg.], a.a.O., 301-308.

[37] Hanns Peter Holl: Jeremias Gotthelf. Leben, Werk, Zeit, Zürich/München (Artemis) 1988, 185.

 

2014 ist eine monumentale «politische Biographie» über Wilhelm Weitling erschienen: Waltraud Seidel-Heppner: Wilhelm Weitling (1808-1871). 2 Bände. Frankfurt am Main (Peter Lang GmbH) 2014, 1866 Seiten (mit separatem Register). – Darin findet sich nur ein Hinweis auf Jeremias Gotthelf: Im Zusammenhang mit der hier erwähnten Selbstverteidigungsrede Weitlings am 23. November 1843 weiss Waltraud Seidel-Heppner darauf hin, dass er aus Gotthelfs Roman «Wie Uli der Knecht glücklich wird» die Frage zitiert habe, «was schlechter sei: wenn man einen wider das Gesetz tötet oder einen wider das Gesetz am Leben lässt», um danach seine Richter zu fragen: «Hätte ich dasselbe in meinen Schriften wohl gegen meine Gegner sagen dürfen, ohne mir eine Hochverratsklage zuzuziehen?» (S. 618 f.) (2.6.2016)