Im Cornet-Fieber

Es gibt Dinge, die muss man kennen. Die Kinder in Basel zum Beispiel kennen seit Menschengedenken das Zolli-Cornet von «Gelati Gasparini», denn das ist beim Zoobesuch neben Seelöwenshow und Elefantenhaus ein weiterer Höhepunkt.

Zolli-Cornets sind handgefertigt, und die schokoladeüberzogenen Füllungen des Bisquits werden von einem hochaufstehenden «Tupf» gekrönt. Hier im Kühlraum stehen sie sauber in Reih und Glied, noch unverpackt und in Kunststoffbretter gesteckt. Zu lange staunt hier allerdings niemand, die Raumtemperatur liegt bei minus 30 Grad. Wer hier zu arbeiten hat, zieht mit Vorteil auch im Sommer die Winterjacke und Handschuhe an. Stefan Hofer sagt, ab und zu verlasse er den Raum, um sich draussen aufzuwärmen: «Aber schaden tut die Kälte nicht, im Gegenteil: Hier drin wird man fit.» Und frotzelnd fügt er bei: «Die einen gehen ins Militär, ich arbeite bei Gasparini.»

In diesen Wochen herrscht Hochbetrieb. «Ich bin nicht nur im WM-Fieber, sondern auch im Cornet-Fieber», sagt der eingefleischte FC-Basel-Fan Hofer. Sicher zwanzigtausend Cornets sind letzte Woche in den verwinkelten Produktionsräumen entstanden, wobei man wissen muss, dass Cornets herzustellen Arbeit bedeutet: Zuerst werden die Bisquits mit der jeweils frisch produzierten Glace gefüllt. Danach kommen sie in den Kühlraum, bis sie fest sind. Nun wird die Füllung in flüssige Schokolade getunkt und wieder in die Kälte gestellt. Ist die Schokolade hart, holt man die Cornets zum dritten Mal heraus, dreht sie von Hand ins Glacepapier ein und verpackt sie. Die Kartonschachteln mit je zwanzig Cornets kommen bis zum Verkauf erneut zurück in den Kühlraum.

Der Weg zu «Gasparini»

Stefan Hofers Weg in die Glaceproduktion führte durch eine schwere psychische Krise, die die letzten zehn Jahre seines Lebens überschattete. Er kam aus dem Aargauischen nach Basel, weil er von der «Gesellschaft für Arbeiten und Wohnen» (GAW) gehört hatte. Die GAW ist ein Verein mit dem Zweck, psychisch behinderten Menschen zu einer möglichst eigenständigen Arbeits- und Wohnsituation zu verhelfen. Neben Wohnungen bietet sie geschützte Arbeitsplätze an – in Altersheim- und Restaurantküchen, in Lebensmittelgeschäften und eben auch bei Gelati Gasparini. Der Name wurde vom Familienbetrieb übernommen, der in den gleichen Räumen bis vor drei Jahren Glacen herstellte.

In Basel stieg Hofer im Rahmen eines Arbeitstrainings als Mitarbeiter beim GAW-Lebensmittelgeschäft Zollweiden in Münchenstein ein. Zuerst sei es schwierig gewesen mit ihm, erzählt er, er habe 117 Kilogramm gewogen und «recht viele Kapriolen» gemacht. Dann seien dank neuen Medikamenten seine Angstzustände weitestgehend verschwunden. Seither ist er unterwegs in die Welt der Normalen: Statt zwischen dem Aargauischen und Münchenstein täglich vier Stunden zu pendeln, bezog er eine eigene Wohnung. Sein 50-Prozent-Pensum erhöhte er zuerst auf 75 Prozent und vor knapp einem Jahr auf 100 Prozent. Zudem absolvierte er einen Kurs für die Arbeit an der Ladenkasse, und er bestand die Autofahrprüfung. In ein bis zwei Jahren kann er laut seinem Psychiater die Medikamente absetzen. «Es geht vorwärts, und ich kämpfe dafür», sagt der grossgewachsene Hofer, der heute wieder schlank ist und noch um die 90 Kilogramm wiegt. Seit zwei Monaten verstärkt er – wie schon im letzten Jahr während der Hochsaison – als Aushilfe von der Zollweiden die Glaceproduktion bei «Gasparini».

Ziel ist die freie Wirtschaft

«Wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht», sagt er, «dann nimmt sich hier immer jemand Zeit für mich.» Sein berufliches Ziel jedoch ist klar: Er möchte später «in der freien Wirtschaft arbeiten» und deshalb noch eine Lehre als Verkäufer machen. Sein Chef Luzius Bosshard bestätigt, dass er die praktische Arbeit nach drei Berufsjahren im Griff hat. Die andere Seite der Ausbildung allerdings ist die Gewerbeschule, also Aufgaben und Prüfungen. Leistungsdruck aber birgt für Hofer die Gefahr von neuen Angstattacken. Deshalb will er zusammen mit seinem Chef ab Herbst mit simulierten Prüfungen trainieren, um mit Drucksituationen besser umgehen zu lernen.

Vorderhand genügt ihm der saisonale Arbeitsdruck bei Gelati Gasparini. Manchmal muss er sich durchbeissen bis zum Arbeitschluss um halb fünf. Wenn er dann aber in der Stadt jemanden mit einem Zolli-Cornet in der Hand sieht, «gibt das schon ein gutes Gefühl». Heute wird er sich auf dem Nachhauseweg sputen. Er erwartet einige seiner Zollweiden-Arbeitskollegen zu einer kleinen Grillade: «Und danach schauen wir uns im Fernsehen einen WM-Match an.»

 

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Neustart 2003

Aufgewachsen ist der heute 26jährige Stefan Hofer in Birr (AG). Nach der Primarschule scheitert er zuerst an der Sekprüfung, schafft den Anschluss an die Realschule ein Jahr später aber im Alleingang: «Doch dann haben die psychischen Probleme angefangen.»

Mit 16 kommt er wegen Angstzuständen und Depressionen in eine psychiatrische Klinik. Danach gelingt der Berufseinstieg nicht. Er bewegt sich in einem Teufelskreis zwischen Klinik, Tagesstätten, Arbeitsplätzen und abgebrochenen Ausbildungen. Erst als er 2003 nach Basel kommt, kriegt er dank dem geschützten Arbeitsplatz im Detailhandel und in der Produktion von Gelati Gasparini Boden unter die Füsse.

Seine Lebenshaltungskosten sind dank einer IV-Rente gesichert, seine Wohnung zusätzlich durch Ergänzungsleistungen. Der kleine Arbeitslohn dient ihm als Taschengeld. Seine Hobbies sind Tennis, Tischtennis und Sport allgemein. Daneben erwähnt er Kinobesuche mit Kollegen, Partys, und im Sommer Open-Airs.