Ich schreibe weiter. Und Du?

War am 3. und 4. Dezember 1994 die Schreibwerkstatt in der «Wunderbar» überhaupt nötig?[1] Alle, die die Buchstaben kennen, können ja schreiben. Und alle, die von sich sagen, sie könnten schreiben, kennen auch nicht mehr als die Buchstaben. Schreiben ist keine Geheimwissenschaft. Das behaupten höchstens Scharlatane, die davon leben, gescheiter sein zu wollen als andere. Alle, die schreiben wollen, können es. Zwar sagen viele: Ich kann nicht schreiben. Aber das stimmt nicht. Sicher ist nur: Sie schreiben nicht. Würden sie schreiben, könnten sie es. Entweder man schreibt oder man schreibt nicht. Aber es ist unmöglich, nichts zu schreiben, wenn man schreibt. Wer schreibt, schreibt et­was. Und wer etwas schreibt, kann schreiben.

Es gibt andere, die sagen nicht, dass sie nicht schreiben können, sondern stel­len, damit sie nicht anfangen müssen zu schreiben, Fragen. Zum Beispiel: Was soll ich denn schreiben? Gewöhnlich antworten sie selber: Ich weiss doch nichts. Auch das stimmt nicht. Alle Leute wissen unendlich viel. Die Schwierigkeit ist nicht, dass man nichts weiss, wenn man zu schreiben anfan­gen will. Im Gegenteil: Gewöhnlich weiss man viel zu viel. Es ist auch nicht wahr, dass man keinen Anfang fände; aber es gibt die Furcht davor, dass sich hinter dem Anfang vielleicht keine Ende mehr finden wird.

Alle Leute wissen unendlich viel, weil alle ein ganzes Leben im Kopf haben: ihr eigenes. Das besteht aus Erfahrungen und Erinnerungen. Die würden Bücher füllen, wollte man sie vollständig aufschreiben. Aber niemand schreibt Erinnerungen und Erfahrungen vollständig auf. Im Gegenteil, die meisten fan­gen damit gar nicht erst an. Denn vieles, was man aufzuschreiben hätte, wenn man damit beginnen würde, weigert sich, Sprache werden zu wollen: Immer, wenn man es sagen will, entwischt es. Bevor man die richtigen Wörter gefun­den hat, wischt ein Nebel durch den Kopf und überdeckt die Wörterwelt mit Sprachlosigkeit.

Aber wenn der Nebel plötzlich aufreisst, dann macht der Kopf aus Erfahrungen und Erinnerungen Wörter. Was Wort wird, wird bewusst. Was bewusst wird, wird lebendig. Erfahrungen und Erinnerungen, die bewusst werden, werden lebendig mit allen Gerüchen und Geräuschen und Gefühlen. Wörter, die Gerüche und Geräusche und Gefühle heraufbeschwören, haben Macht: Sie können weh tun. Darum tut man sich manchmal weh, wenn man schreibt. Und darum wischt manchmal der Nebel durch den Kopf. Er schützt davor, dass die auftauchenden Wörter zu stark wehtun können.

Ist es da nicht einfacher zu sagen: Ich kann nicht schreiben? Ist es da nicht be­quemer, nichts mehr genau wissen zu wollen? Ist es da nicht vernünftig, eine Tablette zu schlucken, wenn das Herz rumort, weil’s zur Sprache kommen möchte und der Nebel im Kopf nicht aufsteigen will? Selbstverständlich ist das einfacher und bequemer. Aber es ist unvernünftig. Wer sein Herz zum Schweigen bringt, bringt sich selber zum Schweigen. Nur wer sein Herz reden lässt, wenn es reden will, bleibt lebendig. Geschriebene Wörter machen das Herz leicht, verschluckte verfaulen im Bauch. Nur gelebtes Leben macht le­bendig, abgemurkstes Leben macht tot.

Aber es gibt eine Schwierigkeit: Lebendiger werden macht Angst. Darum bringen so viele ihr Herz zum Schweigen und sagen sich: Am bequemsten komme ich durchs Leben, wenn ich schon vor der Zeit möglichst tot zu sein versuche. Das sind die gleichen Leute, die mit achtzig aus dem Fenster schauen und trotzig sagen: Ich will nicht, dass mein Leben schon vorbei ist.

Wer schreibt, hat manchmal Angst vor der eigenen Lebendigkeit, und manchmal ärgern sich die Leute rundherum: Lebendigkeit ist unbequem und alles Unbequeme stört. Die Lebendigkeit hat mit den Erfahrungen und Erinnerungen zu tun, die beim Schreiben Sprache werden. Sprache Gewordenes verdichtet sich zu Bewusstsein. Das Bewusstsein ist ein Märchenschloss im eigenen Kopf. Dieses Märchenschloss hat eine Schatzkammer. Darin liegt das Wertvollste und Eigenste des Menschen: das kleine, lebensnotwendige Bisschen Sinn, das hilft, durch die Schatten des Tags und über die Löcher der Nacht zu kommen. Für mich ist das Schreiben der Schlüssel zu dieser Schatzkammer.

Um daran zu erinnern, dass alle, die die Buchstaben kennen, den Schlüssel zu dieser Schatzkammer mit sich herumtragen, war die Schreibwerkstatt in der «Wunderbar» nötig. Ich schreibe weiter. Und Du? (19.1.1995)

[1] An jenem Wochenende habe ich mitgeholfen, mit Psychiatrie-Erfahrenen, die damals in der psychiatrischen Klinik Waldau lebten, eine Schreibwerkstatt zu gestalten in der Überzeugung, dass das Schreiben eine Strategie sein kann, sich aus der persönlichen Krise herauszuarbeiten. Zu dieser Überzeugung war ich nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit dem Werk vonH. U. Müller gekommen, der an jener Schreibwerkstatt als Schriftsteller teilgenommen und über seine Erfahrungen berichtet hat. Eine zweite Schreibwerkstatt hat später mit dem Schriftsteller Beat Sterchi stattgefunden. Die «Wunderbar» war eine Cafeteria und Wohngemeinschaftsstube in einem Bauernhaus, das bis heute auf dem Klinikareal steht und seit etwa zehn Jahren die «Kunstwerkstatt Waldau» beherbergt. [7.2.2014]