«Ich muss die Sprache der Kinder finden»

Schulhaus Juch, Zumikon, 15.25 Uhr. Die Glocke läutet. Im Tiefparterre öffnet sich die Tür des Schulzimmers Nummer 5. Die ersten Kinder kommen mit geschulterten Schultheks plaudernd die breite Treppe herauf.

Hinter den Kindern tritt die Klassenlehrerin Eva-Maria Adam auf den Gang, spricht mit einem der Kinder, hilft einem anderen beiläufig, den verdrehten Tragriemen zu richten. Heute hat diese Lehrerin den zweiten Arbeitstag der zweiten Schulwoche vor der ersten eigenen Klasse. Das spezielle: Sie ist 58.

«Fast Track» gegen Lehrermangel

Eva-Maria Adam ist Absolventin des Studiengangs «Fast Track» für Quereinsteigende, den die Pädagogische Hochschule Zürich seit diesem Jahr als Massnahme gegen den Lehrermangel anbietet. In anderthalb Jahren führt «Fast Track» – also Überholspur – in den Lehrberuf auf Primarstufe ein.

Im Sommer hat Eva-Marie Adam das einführende Intensivsemester abgeschlossen. Zusammen mit anderen bestandenen Berufsleuten, etwa einem Architekten, einer Psychologin, einer Personalchefin, einem Neurobiologen oder einer Journalistin, büffelte sie Theorien zu Bildung und Erziehung, lernte die Fachdidaktik von Pflicht- und Wahlfächern kennen und absolvierte zwei Praktika in Primarschulklassen.

«Geschenkt wurde uns nichts», erzählt sie. Obschon ein abgeschlossenes Studium für «Fast Track» Voraussetzung ist und Eva-Maria Adam einen Doktor- und einen Mastertitel trägt, musste sie in einer schriftlichen Prüfung ihre «Basiskompetenz» in Deutsch unter Beweis stellen. In «Werken Textil» musste sie zeigen, wie sie näht und stickt; im Sport, wie sie mit Reck und Ringen umgeht oder Bälle jongliert.

Lehrerin im Bürgerkrieg

Im Schulzimmer 5 stehen jetzt vor der Wandtafel die Stühle auf den Pulten. Links zu einem Kreis geordnet niedere Sitzbänke. Auf dem Fensterbrett hinter den Bänken mehrere Bildschirme, daneben eine Spielecke, ein Gestell mit Büchern und Heften, dann eine ausgestopfte Schleiereule und eine Stoffkatze, die die Kinder «Fredi» getauft haben: Fredi soll den Kindern beistehen, wenn sie im Klassenrat das Wort zu ergreifen haben.

Eva-Maria Adam weiss längst, dass sie mit Kindern umgehen kann: «In den frühen neunziger Jahren unterrichtete ich an der Mehrklassenschule einer deutschen Firma in Liberia. Unser Auftrag lautete damals, die Kinder mit deutschen Unterrichtsmitteln und nach deutschen Prüfungsregeln so zu schulen, dass sie, falls sie später in Deutschland weiter studieren würden, den Abschluss nahtlos schaffen.» Nach einem halben Jahr musste sie die Arbeit abbrechen: Wegen des Bürgerkriegs wurde die Schule geschlossen, sie selber wurde evakuiert.

In die Schweiz zurückgekehrt arbeitete sie an mehreren Primarschulen im Baselbiet als Stellvertreterin. Dort habe sie gemerkt, dass ihr diese Arbeit zwar wirklich liege, aber viel Know-how fehle. Aus heutiger Sicht hat sie danach einen Umweg gemacht: Sie absolvierte ein Masterstudium zur Gymnasiallehrerin für Deutsch und arbeitete danach als Stellvertreterin auf diesem Beruf.

Die Sprache der Kinder finden

Mit dem Studiengang für Quereinsteigende hat sich ihr nun die Chance eröffnet, «noch einmal zu den eigenen schulischen Wurzeln zurückzukehren. Damit schliesst sich für mich der Kreis», sagt sie.

In ihrer Schulklasse sitzen sieben Ersteler, sieben Zweiteler und neun Dritteler, darunter zwei «integrative» Schüler, die man früher als «Sonderschüler» bezeichnet hat. Als Klassenlehrerin betreut sie die Klasse zusammen mit einer Kollegin, die neben den Team-Teaching-Sequenzen speziell für die beiden integrativen Schüler zuständig ist.

Herausfordernd sei in diesen ersten Tagen insbesondere, den Schulbetrieb optimal zu organisieren: zwei Lehrkräfte, drei Stufen, spezialisierte Lehrerinnen für Handarbeit und Musik, spezieller Deutschunterricht für Kinder fremder Muttersprache, Sonderunterricht in Psychomotorik, Einzelunterricht für Blockflöte. Dazu die eigentliche Unterrichtsvorbereitung. Viel Arbeit, im Moment auch am Wochenende.

Zu den vier Arbeitstagen vor der Klasse kommt noch einer an der Pädagogischen Hochschule. Auf dem Programm: Coaching mit einem Mentor; Erfahrungsaustausch in einer Lerngruppe, didaktische Vertiefung aller Schulfächer.

Was Eva-Maria Adam zurzeit speziell beschäftigt: Zwar weiss sie als Gymnasiallehrerin viel mehr, als hier auf der Unterstufe gefragt ist. Aber wie bricht man das Wissen herunter auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Kinder? Und wie vermittelt man es? «Ich muss die Sprache der Kinder finden», sagt sie, «das ist die Herausforderung: Die grosse Kunst ist, in einfachen Worten zu erklären.»

Zweifellos wird das verbleibende knappe Jahr in der «Fast Track»-Ausbildung streng. Aber Eva-Maria Adam ist überzeugt, dass sich die Arbeit lohnt: «Mit der jetzigen Ausbildung erfüllt sich mein Traum, mit Kindern arbeiten zu können.»

 

[Kasten]

Die Mediävistin

Aufgewachsen ist Eva-Maria Adam (*1953) in Rothenburg ob der Tauber in Bayern. Nach der Matura studiert sie Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin, dann in München, in Wien und schliesslich in Zürich. Lizentiatsarbeit über den Schriftsteller Robert Walser. Anschliessend Doktorarbeit in mittelalterlicher Literatur (Mediävistik) über die Figur und die Funktion der Maria Magdalena in den Oster- und Passionsspielen des 11. bis 15. Jahrhunderts. Während des Studiums unterrichtet sie Deutsch für fremdsprachige Erwachsene.

Sie arbeitet an verschiedenen Theatern als Dramaturgin und Regieassistentin, zum Beispiel bei verschiedenen Produktionen des Opernhauses Zürich oder 1998 bei den Tellspielen in Altdorf. Eva-Maria Adam lebt in der Stadt Zürich. Sie liebt Yoga und Kultur.