«Ich habe gelernt, keine Angst zu haben»

Susanna Berger arbeitet als Sozialpädagogin in der Nathalie-Stiftung. Ihr Arbeitsort ist das Stiftungsinternat in Boll (BE). Dort leben geistig behinderte Kinder, viele mit autistischem Syndrom. Dieses Internat garantiert die Rund-um-die-Uhr-Betreuung an 365 Tagen im Jahr. Wer hier arbeitet, weiss, was flexibilisierte Arbeit bedeutet und hat gelernt, Menschen beobachtend zu verstehen, wenn es ohne Sprache gehen muss.

Fast normaler Alltag

Susanna Berger erzählt: «Mein Arbeitstag beginnt um halb acht mit dem Rapport der Nachtwache.» Dann werden die Kinder geweckt, und es muss schnell gehen: pflegen, wickeln, ankleiden, Zmorge vorbereiten, essen, paratmachen für die Schule. Um 8.30 Uhr fahren die Kinder mit dem Schulbus nach Gümligen hinüber in das stiftungseigene Schulhaus.

Nun wird im Internat all das erledigt, wozu keine Zeit ist, wenn die Kinder da sind: Haushaltsarbeiten, Schreibarbeiten, Kontakte mit Fachleuten, Planungsarbeiten. Und, bei einem Kaffee, der wichtige Austausch von Beobachtungen und Informationen. Irgendeinmal nach elf Uhr beginnt die grosse Mittagspause.

Um 16 Uhr kommen die Kinder aus der Schule zurück. Susanna Berger: «Dann läuft bei uns der normale Familienalltag.» Die Kinder machen ihre Schulaufgaben; bei den Haushaltsarbeiten, beim Einkauf und beim Kochen werden sie nach Möglichkeit einbezogen. Nach dem Abendessen, das bei gewissen Kindern wegen ihrer Behinderung bis zu einer Stunde dauert, bleibt Zeit fürs Zusammensein und die Unterhaltung. Beliebt sind Radiosendungen und Hör-CDs. Keinen Spass macht Fernsehen: Gleichzeitiges Hören und Schauen überfordert autistische Kinder.

Wie verständigt sich Susanna Berger mit Kindern, die nicht sprechen können? «Ich spreche mit ihnen», sagt sie, «langsam, manchmal in kurzen Sätzen, manchmal mit einzelnen Wörtern. Auch wenn Kinder zum Teil geistig schwer behindert sind, gehe ich immer davon aus, dass ich einen Menschen vor mir habe; eine Person, die mich verstehen kann und will.»

Meist arbeiten die Sozialpädagoginnen im Zweierteam mit gestaffeltem Feierabend. Die erste geht um 19, die zweite um 21 Uhr. Übrigens ist es hier nicht nötig, auch von «Sozialpädagogen» zu sprechen, sagt Berger: «Im Behindertenbereich, wo die Pflege und die Gestaltung des Alltags dominieren, arbeiten fast nur Frauen. Vielleicht finden die Männer, solche Arbeit sei für sie zu wenig spektakulär.»

Erfolgreicher Arbeitskampf

Die Kinder leben in drei Dreiergruppe, pro Gruppe stehen für den täglichen Rund-um-die-Uhr-Betrieb gut 450 Stellenprozente zur Verfügung. Die Arbeitsorganisation ist schwierig: Manchmal arbeitet Berger in einer Woche bloss zwei, in der nächsten dann aber sechs Tage. Die verlangte Flexibilität ist extrem, die Gestaltung des Privatlebens schwierig.

2012 ist es auch, aber nicht nur deswegen, zum Arbeitskonflikt gekommen. Der Auslöser: das Personal war wegen Sparmassnahmen zum dritten Mal innert zwei Jahren mit einer (auf zehn Tage befristeten) Änderungskündigung konfrontiert. Susanna Berger begann, im Arbeitsgesetz nachzulesen, verglich mit ihrem Arbeitsvertrag und stellte fest, dass einiges im Argen lag.

Für eine Überprüfung brachte sie den Vertrag zu ihrer Gewerkschaft, der Unia. Ihre Einschätzung wurde bestätigt. Daraufhin schrieb ihr Arbeitsteam einen Protestbrief an die Geschäftsleitung der Nathalie-Stiftung. Diese ignorierte den Brief. Das Team führte einen Kurzstreik durch. Keine Reaktion. Dann drohte es mit einem längeren Streik. Jetzt bot die Geschäftsleitung Verhandlungen an. Berger gehörte zur Verhandlungsdelegation.

Heute garantiert eine sogenannte Vereinbarung zwischen der Geschäftleitung und der Unia den Kündigungsschutz für die Unterzeichnerinnen des Protestbriefs. Er garantiert zudem Lohnzulagen für Wochenend- und Feiertagsdienste und einen besseren Lohn für die Nachtwachen. Dazu die Vergütung der gesetzlich vorgesehenen Pausen als Arbeitszeit samt einer zusätzlichen Ferienwoche sowie bessere und frühzeitiger bekannte Arbeitspläne.

Die neugeschaffene Personalkommission unter der Leitung von Susanna Berger kontrolliert die Einhaltung dieser Abmachungen. «Spannend und lehrreich» sei dieser Arbeitskampf gewesen, sagt sie. Zu lange hätten sich ihre Kolleginnen und sie vor lauter Pflichten nicht um ihre Rechte gekümmert. Für sie sei die Erfahrung «zu einem beruflichen und persönlichen Erfolg» geworden: «Ich habe gelernt, keine Angst mehr zu haben – zwar nicht dreinzuschiessen, aber mich, wo es nötig ist, zu wehren.»

 

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Die Anthroposophin

Susanna Berger (*1967) ist im Zürcher Säuliamt aufgewachsen. Sie hat zehn Jahre die anthroposophische Steiner-Schule in Zürich besucht. Die Lektüre eines Buches über Heilpädagogik bestimmte ihren Berufswunsch. Nach einem Welschlandjahr in Denens (VD) machte sie mehrere Praktika (unter anderem ein Jahr in einer Familie mit behindertem Kind in Rom). Danach absolvierte sie im «Sonnenhof», dem anthroposophischen «Zentrum für Menschen mit Behinderung» in Arlesheim (BL), die Ausbildung zur Sozialpädagogin. Während ihrer ersten Berufsjahre arbeitete sie in verschiedenen Institutionen in Zürich und in Bern, zum Teil mit erwachsenen Behinderten.

2000 wechselt Susanna Berger in die Nathalie-Stiftung, wo sie heute als Sozialpädagogin und als Ausbildnerin von Sozialpädagogik-Studierenden arbeitet. Sie ist zu 80 Prozent angestellt. Sie ist Unia-Mitglied und lebt in der Nähe von Sumiswald (BE) in einer Wohngemeinschaft. Wenn sie in ihrer Freizeit nicht Gewerkschaftsarbeit leistet, kümmert sie sich um ihre Haustiere (Katzen und ein Esel) oder liest Krimis.