Hausarzt für Wasserrohre

Die langen Schrauben, die das Nassalarmventil fixiert haben, sind weg. Zusammen mit Jorge Santiago, dem spanischen Kollegen, der sich jetzt, mit 30, noch zu einer Lehre als Sanitärinstallateur entschlossen hat, hebt Stephan Schwindl den klobigen blau bemalten Metallklotz von der Unterlage. Kaum bleibt ihnen Platz zum Bücken, als sie ihn langsam auf den Boden stellen. Eng ist es hier, in dieser «Sprinkler-Nassalarmventilstation», an deren Generalrevision sie arbeiten. Vor dem schmalen Räumchen schieben Angestellte des Migros Hobbycenters Bern auf Rollwagen hohe Kartonpakete vom Warenlift in die Gartenabteilung hinüber – vorbeizirkelnd am ausgebreiteten Arbeitsmaterial der beiden Sanitäre.

Nach den heute geltenden Sicherheitsvorschriften, erklärt Schwindl, sei diese Brandschutzanlage seinerzeit zu tief montiert worden, das Auffangbecken darunter sei zu klein dimensioniert. Damit dieses Becken vergrössert werden kann, muss nun die Sprinklerstation abgebaut und höherliegend neu montiert werden.

Wie denn diese Anlage auf Rauch in den Verkaufsräumen reagiere? Schwindl lächelt: «Auf Rauch reagiert die Anlage gar nicht.» Er holt einen der filigranen Sprinklerköpfe, die diskret an der Decke der überwachten Räume hängen, und zeigt auf das in der Mitte eingelassene feine Glasstäbchen: «Dieses Stäbchen reagiert auf Hitze. Bei 68 Grad zerspringt es, der dahinter liegende Zapfen fliegt heraus, Wasser stösst nach und beginnt sprühend abzufliessen. Dann öffnet die Station hier für den Wassernachfluss das Ventil und löst so den Brandalarm aus.»

Vom Monteur zum Techniker

Seit Anfang der neunziger Jahre ist Stephan Schwindl nicht mehr «Sanitär-Servicemonteur», sondern «Sanitär-Servicetechniker». Der Unterschied: «Der Monteur macht Wartungen und Erneuerungen, der Techniker muss Notfälle lösen können.»

Ob er auch schon nicht mehr weiter gewusst habe? «Schon, dann dauert einfach die Suche nach der Ursache des Defekts länger.» In solchen Fällen beginne er die Leute im Haus genauer zu befragen. Zum Beispiel in der Liegenschaft, wo man ihn holte, weil man angeblich kein warmes Wasser mehr hatte. Mit Nachfragen habe er schliesslich herausgefunden, dass das Wasser jeweils gegen sieben Uhr kühler geworden sei. Das war der entscheidende Hinweis: Die Zirkulationspumpe war so programmiert, dass sie jeweils zwischen sechs und sieben Uhr automatisch ausschaltete. In einer anderen Liegenschaft sei kein Wasser mehr geflossen, obschon Druckreduzierventil, Rückschläger und Filter in Ordnung waren. Schliesslich stiess er auf ein falsch eingestelltes «Impfsystem». Statt dass das eingeimpfte Material das inwendige Rosten der Rohre verhinderte, hatte es bei der Einflussstelle das ganze Rohr verklebt. So sägte er das entsprechende Rohrstück heraus und ersetzte es.

Immer berücksichtigt werden müsse beim Erstellen von Diagnosen, dass dem Kunden pro Arbeitsstunde 99.60 Franken belastet würden. Deshalb kläre er die Ursache des Defekts nicht immer exakt ab, sondern baue sofort ein Ersatzteil ein. Das komme billiger.

Der neue Gesamtarbeitsvertrag

Stephan Schwindl ist Protokollführer der Heizungs-Lüftungs-Gruppe der Smuv-Sektion Bern. Deshalb kennt er die Diskussion um den neuen Gesamtarbeitsvertrag der Gebäudetechnikbranche, der seit dem 1. Januar 2004 in Kraft ist. In dieser Branche verfolgt man die Diskussion um die frühzeitige Pensionierung beim Baunebengewerbe mit Interesse und hat im neuen GAV nun einen ersten Pflock eingeschlagen: Bis Ende 2006 wollen die Sozialpartner Lösungen für die «Förderung bzw. Einführung des flexiblen Rentenalters» ausarbeiten.

Dass eine generell frühere Pensionierung auch für Heizungsleute und Sanitäre gerechtfertigt wäre, ist für Stephan Schwindl klar: «Ob man auf der Baustelle als Maurer, als Maler und Gipser, als Elektriker, Schreiner oder eben als Haustechniker arbeitet, ist egal: Man ist der gleichen Kälte, der gleichen Feuchtigkeit und dem gleichen Staub ausgesetzt. Meine Kollegen, die pensioniert werden, sind ‘meischtens rächt düre’.» Sicher sei vieles besser geworden. Bei Axima, seinem Arbeitgeber, gebe es zum Beispiel regelmässig Kurse für Unfallverhütung. «Aber die Arbeit nutzt schon mehr ab, als wenn du immer im Büro sitzen kannst. Pro Jahr macht auf dem Bau immer noch jeder Fünfte einen Unfall.»

 

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Zünglein an der Waage mitte-links

Mit Unterbrüchen hat der heute 43jährige Stephan Schwindl immer in der gleichen Firma gearbeitet – allerdings hat diese viermal den Namen gewechselt. Während der Ausbildung ab 1977 und den zwei ersten Berufsjahren hiess die Firma «Gebrüder Sulzer AG». Als er später als bauleitender Monteur zurückkehrte, hiess sie nur noch «Sulzer», in den neunziger Jahren dann «Sulzer Infra». Seit zwei Jahren gehört der Haustechnikbereich von Sulzer zur international tätigen «Axima AG», die ihrerseits Teil ist des Suez-Konzerns. Komplettiert hat er seine Lehrjahre zwischen 1982 und 1985 als Service-Monteur bei der «Gebrüder Jost AG». Und 1989/90 war er als Brunnenmeister von Ostermundigen zuständig für Quellen, Wasserfassungen und die unterirdischen Leitungen der Gemeinde. Er verdient heute bei 26 Ferientagen 5700 Franken brutto.

Stephan Schwindl hat zwei erwachsene Söhne. Seit der Scheidung vor zehn Jahren wuchs der eine bei der Mutter auf, der andere bei ihm. Neben seinem Engagement im Smuv sitzt er für die CVP-Fraktion im Grossen Gemeinderat von Ostermundigen, wo er mithelfe, «mitte-links» das Zünglein an der Waage zu spielen. Zudem ist er Mitglied der Gemeindebetriebe-Kommission, die für Wasser, Abwasser und Gas zuständig ist. Als ehemaliger Fussballer leitet er eine Fitnessriege des Bürgerturnvereins Bern. Er ist Kassier des Sportclubs Sulzer und in weiteren Vereinen aktiv.