Handgriffe wie im Schlaf

Man weiss nicht, worüber man in Berns neuer Frauenklinik mehr staunen soll – über die architektonische Originalität oder die düstere Bedrohlichkeit der Betonmassen. Das Büro der Stationsleiterin des Brust- und Tumorzentrums liegt im Stock F. «Wenn es darum geht, ob der VPOD das Referendum beschliessen soll», sagt Regula Brassel, «dann werde ich dafür stimmen». Es geht um das neue Spitalversorgungsgesetz, das der Berner Grossen Rat – das kantonale Parlament – Mitte Februar beraten hat. Dabei kippte die bürgerliche Mehrheit den Artikel 20, der die Spitäler verpflichtet hätte, mit den Personalverbänden Gesamtarbeitsverträge auszuhandeln. Stattdessen sollen nun Arbeitsbedingungen und Entlöhnungen bloss noch dem «Orts- und Berufsüblichen» entsprechen: «Das ist  ein Gummiartikel. So können die Anstellungsbedingungen ohne Verhandlung mit den Sozialpartnern verändert werden.»

Plötzlich auf der anderen Seite

Regula Brassel geht voran. Das Stationszimmer; ein kleines Behandlungszimmer; eine kleine Küche für Patientinnen und Angehörige; zwei Zimmer mit je zwei Behandlungsliegen und elektronisch gesteuerten Infusionsgeräten für Chemotherapien; ein Zweibettzimmer für Frauen, bei denen die Therapie nicht ambulant durchgeführt werden kann; angrenzend zwei Einzelzimmer für symptomlindernde «palliative» Betreuung.

Seit Brassel nicht mehr, wie früher, ein Mitglied des heute siebenköpfigen Teams ist, sondern dessen Vorgesetzte, hat sich einiges verändert: «Zum pflegerischen Arbeiten, das ich gerne gemacht habe, komme ich nur noch selten. Dafür halte ich dem Team den Rücken frei von viel administrativem Kram.» Natürlich gebe es in dieser Sandwichposition schwierige Situationen – etwa als ihr einmal gesagt wurde, von dieser Seite kenne man sie nicht, sie sei doch in der Gewerkschaft. «Ich musste dann meine Vorgaben erklären: Ich kann nicht mehr geben als das, was ich zur Verfügung habe, Punkt. Plötzlich steht man auf der anderen Seite. Das war eine neue Erfahrung.»

In den letzten Monaten hat sie mit dem Team viel Zeit in die Vorbereitungsarbeiten für das Projekt «Pflegeberatungsschwestern» gesteckt. Die Idee: Heute haben Krebspatientinnen von der ersten Sprechstunde, über Diagnosestellung und Operation bis zur Chemo- oder Bestrahlungstherapie bis zu den Nachkontrollen immer wieder andere Pflegende als Bezugspersonen. Speziell ausgebildete Pflegefachfrauen sollen neu den Patientinnen während der ganzen Zeit beratend zur Seite stehen, insbesondere wenn sich aus der Krankheit schwierigste existentielle Fragen ergeben: Wie gehe ich mit den psychischen oder familiären Krisen um? Wie mit dem veränderten Körper? Wie mit der Angst vor dem Sterben? «Weil das Projekt etwas kostet, harzt’s. Zurzeit ist es bei der Spitalleitung hängig. Wenn diese kein Geld freimacht, wollen wir aber trotzdem nicht aufgeben.»

Der merkwürdige Glaskasten

Im Stationszimmer streift sich Regula Brassel bis an die Ellbogen reichende Stulpen und Plastikhandschule über und demonstriert, was es mit dem merkwürdigen Glaskasten auf sich hat. Durch zwei runde Öffnungen schiebt sie einen Infusionsbeutel mit 5-prozentiger Glucose und mehrere verschieden grosse Fläschchen «Paraplatin» hinter das Glas. Paraplatin ist ein Antikrebs-Medikament, das die weitere Teilung und Vermehrung von Krebszellen verhindert, als Nebenwirkung aber auch gesunde Zellen zum Beispiel des Blutes angreift. Der Kasten heisst «Laminar flow» – eine Art Sicherheitswerkbank, an der Chemotherapie-Infusionen vorbereitet werden.

Die Arme durch die beiden Glasöffnungen gestreckt entfernt sie nun am Infusionsbeutel die Plastikkappe von der Zuspritzvorrichtung, nimmt eine Übergangskanüle, die in entgegengesetzter Richtung zwei hohle Dornen hat, steckt den einen Dorn in die Zuspritzvorrichtung, den anderen durch den Plastikschutz des Fläschchens und lässt das Medikament in den Beutel hinüberströmen. Das Summen des Kastens stammt vom Gebläse, das die Luft über der Arbeitsfläche absaugt und filtert, sodass keine Dämpfe oder Partikel der wässrigen Flüssigkeit nach aussen gelangen können.

Regula Brassel kennt die Handgriffe im Schlaf. Seit zwanzig Jahren arbeitet sie nun mit krebskranken Menschen. Belastender als auf anderen Abteilungen des Spitals seien die Situationen wohl kaum, sagt sie: «Krebs ist eine chronische Erkrankung, um die die Gesellschaft einen Mythos macht.» Sie arbeite hier, weil sie sich hier entfalten und einbringen könne und weil hier der Aufbau von Beziehungen mit den Patientinnen möglich sei. Darüber hinaus: Als Halbwüchsige hat sie zu Hause über Monate ihren sieben Jahre jüngeren Bruder begleitet, der an einem Hirntumor gestorben ist.

 

[Kasten]

Weiter lernende Lehrerin

Die Ausbildung zur Kinder-, Wöchnerinnen- und Säuglingsschwester machte die heute 48jährige Regula Brassel in Zug, nachdem sie zwischen 1975 und 1978 als Primarlehrerin mit epilepsiekranken Kindern gearbeitet hatte. Ein Ausbildungspraktikum führte sie auf die Krebsabteilung für Kinder im Berner Inselspital. Hier begann sie nach der Diplomierung zu arbeiten. Nach fünf Jahren wechselte sie auf die Onkologieabteilung des Kantonalen Frauenspitals.

Auf 1. Juli 2002 fand der Umzug in die neue Frauenklinik auf dem Insel-Areal statt. Seither arbeitet sie hier im Brust- und Tumorzentrum als Stationsleiterin. Zurzeit absolviert sie in Zürich eine Weiterbildung für «Leadership im Gesundheitswesen».

Brassel ist Mitglied der Gewerkschaft VPOD, des Berufsverbands SBK und des Vorstands der VPOD-Insel-Gruppe. Im Personalausschuss des Inselspitals vertritt sie mit anderen Pflegefachfrauen die Anliegen ihrer Berufsgruppe. Sie arbeitet zu 80 Prozent und verdient brutto 5900 Franken. Mit ihrem Partner zusammen lebt sie in Bern. Als Hobbys nennt sie Lesen, Kochen und Wandern.