«Geschlafen hat man damals nicht viel»

Der Schriftsteller Paul Eggenberg wurde am 27. November 1918 in Heiligenschwendi geboren.[1] Sein erstes Buch hat er 1946 veröffentlicht. Er war Primarlehrer in Heiligenschwendi und Bern. Er arbeitete als Sozialdemokrat in der Parteischulung mit. Er reiste im Auftrag des Auslandschweizerwerks und des Politischen Departements (heute EDA) als Vortragsredner in der halben Welt herum. Er war von 1955-1962 und von 1969-1981 Präsident des Berner Schriftsteller-Vereins (BSV). Er war seit 1959 für acht Jahre Berner Stadtrat des «Jungen Bern». Er war Geschäftsführer des ACS Bern und der ACS-Reisen AG. Er war 16 Jahre lang Direktor der Schilthornbahn und ist heute noch Verwaltungsratpräsident der Niederhornbahn.

Neben seinen Berufen und Ämtern hat Eggenberg immer geschrieben, gewöhnlich nachts: Jugendbücher und Mundarterzählungen, Romane und Biografien, Radiosendungen und Zeitungsfeuilletons. Er lebt heute in Oberhofen und hat einen neuen Erzählband in Arbeit.

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«Der Bund»: Paul Eggenberg, andere Schriftsteller Ihrer Generation – allen voran Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt – sind international berühmt geworden. Sie sind heute, an Ihrem 75. Geburtstag, als Schriftsteller weitgehend vergessen. Sind sie verbittert?

Paul Eggenberg: Überhaupt nicht. Ich bin nie stark ambitiös gewesen. Ich habe zwar immer Freude gehabt, wenn wieder ein Buch fertig geworden ist und gedruckt auf dem Tisch lag. Aber durch meine lange und frühe Tätigkeit im Berner Schriftsteller-Verein und in x Kommissionen lernte ich zurückzutreten. Ich war beispielsweise viele Jahre lang in der Preisvergabe-Kommission der Schillerstiftung. Dort war a priori klar, dass man selber nie drankam für einen Preis. Man war da für die anderen, nicht für sich selber. Aber es ist auch schön, Sankt Nikolaus spielen zu dürfen, sehr schön sogar.

Wie kommt denn ein Heiligenschwendner überhaupt zur Literatur?

Ich habe einen wunderbaren Stiefvater gehabt, Walter Klossner, Lehrer in Heiligenschwendi, der mich in jeder Beziehung gefördert hat. Meine Interessen, die Freude an den Büchern und an der Schriftstellerei, habe ich von ihm übernommen. Schon früh ist für mich klar gewesen: Ich will schreiben. Das Selbstvertrauen dazu hatte ich. Ich habe nämlich schon als Bub für verschiedene Zeitungen gearbeitet.

Das kam so: Wenn im Schulhaus, unten im Schulzimmer, Gemeindeversammlung gewesen ist – die Tür und die Fenster haben schlecht geschlossen –, dann bin ich oben bei unserer Wohnung auf die Treppe gesessen und habe jedes Wort mitgehört. Etwa mit zwölf Jahren habe ich begonnen, Ortsberichte an Zeitungen zu schicken. So habe ich zu schreiben begonnen.

Aber bevor Sie Schriftsteller geworden sind, wurden Sie Lehrer. Und Sie haben ausgerechnet in Heiligenschwendi eine Stelle angenommen. Wurden Sie Nachfolger ihres Stiefvaters?

Nein, Nachfolger vom Mittellehrer. Er ist ganz plötzlich an einem geplatzten Blinddarm gestorben. Damals, Ende der dreissiger Jahre, war Lehrerüberfluss. Als unsere Promotion patentiert worden ist, hat man entgegennehmen müssen, dass man für zwei Jahre keine Stelle annehmen dürfe, um die Chancen der älteren Arbeitslosen zu verbessern. Ich bin von unserer Promotion lange der einzige gewesen, der eine Stelle gehabt hat. In der Gemeinde bin ich dann «Mädchen für alles» geworden. Ich habe einmal zusammengezählt, dass ich bis hin zum «Härdöpfelkäferkommissär» sechzehn Ämter innegehabt habe. Schliesslich habe der Lehrer einen braven Lohn, hat’s geheissen.

Und daneben haben Sie zu schreiben begonnen?

Ich habe schon mit 20, 21 die ersten Jugendstunden für das Radio gemacht, und schon bald einmal gehörte ich zur Hörspielgruppe des Radiostudios Bern. Drum hat’s mich dann immer mehr nach Bern gezogen. 1949 bin ich ins Brunnmattschulhaus gewählt worden. Nun konnte ich mich noch mehr dem Radio widmen. Ich habe Hörfolgen und Hörbilder, Erzählungen und Jugendstunden gemacht.

Schriftsteller, Radiomitarbeiter, Lehrer, Familienvater, das ging nebeneinander?

Geschlafen hat man damals nicht viel, man ist viel zu lebendig gewesen. Aber dass meine Ehe unter meinen Aktivitäten gelitten hat, ist naheliegend, ich bin zu selten zuhause gewesen. Meine Frau und ich haben uns sehr auseinandergelebt – nach 18 oder 19 Jahren haben wir geschieden. – Es ist ja in dieser Zeit noch die Politik dazugekommen. 1959 ist zur Überraschung von allen Klaus Schädelin in den Gemeinderat gewählt worden. Da hat’s geheissen: Jetzt muss der Klaus Unterstützung haben. Ich bin damals Sozi gewesen, Parteimitglied, eifriger Volksredner, engagiert in den Schulungsprogrammen der Partei. Als man nun vom Jungen Bern für den Stadtrat hinter mir her gewesen ist, habe ich mir gesagt: Das ändert ja nichts an meiner Einstellung. Ich liess mich für den Stadtrat aufstellen und wurde gewählt. Dafür bin ich an einem Parteitag der Sozis in aller Form und etlichem Lärm aus der Partei hinausgeschmissen worden. Den Klaus haben wir in den nächsten Jahren unterstützt nach Noten und Kanten, so gut wir’s gekonnt haben.

In dieser Zeit bin ich auch als Übungslehrer für das Seminar Hofwil sehr aktiv gewesen, habe methodisch alles Mögliche ausprobiert und neue Ideen in die Schulstube hineingetragen. Das hat Misstrauen geweckt. Aus irgendeiner Kollegenecke ist man hinter den Schuldirektor, es sei verdächtig, wenn einer immer mit neuen Ideen komme. Als kurz darauf an einer Kommissionssitzung des Stadtrats wieder einmal der alte Spruch kam – «Was willst du als Schulmeister von dem schon verstehen?» – hat’s mich verblasen. Ich bin nach Hause gegangen und habe demissioniert. Kurz darauf habe ich die Chance bekommen, den ACS Bern zu übernehmen, dem ein winziges Reisebürölein angehängt gewesen ist. Das hab ich sehr stark auszubauen begonnen.

Aber waren Sie nicht auch noch Direktor der Schilthornbahn?

Das kam danach, ab 1965. Das war eine faszinierende Aufgabe. Für 9,8 Millionen Franken ist der Bau projektiert gewesen; mit 31 Millionen haben wir aufgehört zu bauen, weil wir nirgends mehr einen Franken bekommen haben. Das ist eine Herausforderung gewesen ohnegleichen, ein Job, der mich sieben Tage in der Woche Tag und Nacht total in Anspruch genommen hat, mit all den Abenteuern, Bauschwierigkeiten, Unfällen und Geldbeschaffungsaktionen. Dann hat’s eines Morgens «gchlepft». Der schwedische Generalstabschef war auf Staatsvisite: Wie er zum Mercedes aussteigt, will ich ihn begrüssen. In diesem Moment habe ich den Herzinfarkt und gehe, mit seiner Hand in meiner Hand, zu Boden. Das war das Ende meiner Karriere dort oben. So bin ich wieder dort gewesen, wo ich schon früher zwischen anderem drin immer wieder gewesen bin: beim freien Schriftsteller.

Von 1955 bis 1962, dann wieder von 1969 bis 1981 sind Sie ja zu allem anderen auch Präsident des BSV gewesen.

Ja, mit Leib und Seele. Ich habe versucht, möglichst viel Leben in den Verein zu bringen. Wir haben alles mögliche angerissen, zum Teil Novitäten für die Schweiz, zum Beispiel die Schulvorlesungen oder die Büchermäriten.

Sie haben einmal geschrieben, bereits seit den frühen fünfziger Jahren habe es im Verein ein ernsthaftes Generationenproblem gegeben. Worum ging es denn?

Bis in die fünfziger Jahre hinein hatte man eine festgefügte Ordnung. Literaturpreise zum Beispiel waren grundsätzlich Geburtstagspreise. Zum sechzigsten Geburtstag durfte man normalerweise zum ersten Mal einen Preis erwarten. Dagegen haben wir Jungen im Verein rebelliert, und der Verein hat mit mir dann den Bock zum Gärtner gemacht. Als Präsident habe ich versucht, die Fraktion der Jungen zu stärken. Peter Lehner, Sergius Golowin und Manfred Gsteiger kamen in den Vorstand. Und wir machten die traditionellen «Lesungen am Kaminfeuer» im Lyceumclub zu einem Podium der Jungen. Das hat neues Publikum gebracht, aber ich kam in den Clinch. Die Alten sind auf mich losgegangen und haben gesagt: Sind wir eigentlich nichts mehr wert?  

1962 haben Sie wegen eines geplanten längeren Auslandaufenthalts das Präsidentenamt abgegeben. Nach einem Interregnum von drei Jahren hat sich 1965 Erwin Heimann zum Präsidenten wählen lassen.

Erwin hat ganz ausgesprochen wieder seine alten Kämpfer, seine Alterskameraden, hervorgeholt. Als er 1969 wieder abgegeben hat, ist es erneut an mir gehangen. Ich habe dann versucht, einen Kompromiss anzusteuern. 1970 kam aber dann die Abspaltung der Gruppe Olten vom Schweizerischen Schriftstellerverein. Die jüngere Generation des BSV ist mehrheitlich zur Gruppe Olten gegangen, die Älteren sind bei Zürich geblieben. In dieser Zeit habe ich immer verfochten: Für uns ist es Wurst, ob ein BSV-Mitglied in Olten oder in Zürich beitritt, bei uns haben alle Platz. Deshalb ist der BSV in diesen Jahren ein Ort der relativ sachlichen literaturpolitischen Auseinandersetzung geblieben.

Sie haben den grössten Teil Ihrer Bücher nachts geschrieben. Das heisst ja auch: Wo man vom Schreiben nicht leben kann, entsteht Literatur bestenfalls nebenbei.

Ja. Und da hat sich ja nichts zum Guten verändert. Ich bekomme heute immer und immer wieder Manuskripte, bei welchem Verlag man damit anklopfen könnte. Dabei weiss ich, dass die Verleger heute immer häufiger nur noch abwimmeln. Ich weiss von einem Roman, der letzthin herausgekommen ist, für dessen Produktion die Autorin selber 40000 Franken bezahlt hat. Das ist nicht gesund. Es gibt heute eine neue Spaltung: Die einen können es sich leisten, Geld für den Druck der eigenen Bücher hinzublättern und die anderen nicht.

Aber Sie schreiben weiter?

Ich möchte das Buch mit Erzählungen fertigschreiben, der seit zwei Jahren angefangen ist. Aber seit der dreitägigen Narkose, di wegen einer grossen Herzoperation nötig geworden ist, arbeitet mein Kopf nicht mehr richtig. Ich habe zwar Ideen, habe ganze Kapitel vor mir, setze mich hin, alles ist klar. Dann schreibe ich einen Satz oder vielleicht zwei. Und schlagartig habe ich nicht mehr die geringste Ahnung, was ich wollte mit dem Satz. Ausgelöscht, weg. das ist mörderisch. Der Arzt sagt, das Hirn brauche pro Narkosetag ein Jahr Erholungszeit. Ich trainiere mit eiserner Energie. Das Buech mues no cho. Das mues no ga.

[1] Gestorben ist Paul Eggenberg am 30. September 2004.

 

[Kasten]

Der Schriftsteller Paul Eggenberg

 

Paul Eggenberg hat nie für die Ewigkeit geschrieben. Immer hat er ein Zielpublikum im Auge gehabt, das er belehren und unterhalten wollte.

Das erste waren die Schulkinder. Er schrieb für das Radio Jugendsendungen und veröffentlichte seit 1946 Jugendliteratur, unter anderem mehr als zehn Geschichten in der Reihe der SJW-Hefte des Schweizerischen Jugendschriftenwerks. Mitte der fünfziger Jahren wandte er sich zunehmend der Mundartliteratur und, nach seiner Demission als Lehrer, der Literatur für Erwachsene zu. Von «Kurlig Lüt» (1955) bis zu «Sache git’s» (1987) hat er kontinuierlich Erzählsammlungen veröffentlicht. Dazu ist 1964 der Roman «Dür die anderi Brülle» gekommen, in dem er liebenswürdig ironisch den Weg des Bauern Ruedi Hinderemwald in den Berner Grossen Rat nachzeichnet. In den achtziger Jahren hat er eine ganze Reihe von Biografien und Monografien verfasst, so über den Bergmaler Gustav Ritschard, den Jodlerkomponisten Adolf Stähli oder über die Gemeinde Oberhofen.

Als in den sechziger Jahren das Berndeutsche einerseits durch die Liedermacher, andererseits durch die «modern mundart» (Kurt Marti, Ernst Eggimann u.a.) zur literarischen Mode geworden ist, verteidigte Eggenberg eine konservative Position. Für ihn war Sprache nie bürgerschreckendes Experimentierfeld und sein Publikum nie eine akademische Elite. Als Schriftsteller hat er immer eine Sprache verteidigt, die es erlaubt, auch mit den «einfachen Leuten» im Gespräch zu bleiben.

Neben der volkstümlichen Seite hatte Eggenberg aber immer auch eine zeitkritisch-politische. Zu ihr zu stehen macht ihm bis heute Mühe. Noch heute will er das Medium (ein Ringier-Produkt) nicht nennen, für das er während 28 Jahren unter Pseudonym ein wöchentliches Feuilleton geschrieben hat, das manchmal, wie er selber sagt, «fast erschreckend scharf» formuliert gewesen sei. Der zeitkritische Autor Paul Eggenberg wäre erst wieder zu entdecken.

Der Kasten ist gekürzt abgedruckt worden – bis auf den letzten Abschnitt. Die Anspielung auf Eggenberg als anonymen Kolumnisten in einem Ringier-Produkt hat der damalige Feuilletonredaktor des «Bund», Charles Linsmayer, in den Text redigiert. Eine Rückfrage bei Linsmayer hilft nicht weiter: «Leider habe ich das so wiedergegeben, wie ich es, offenbar von Eggenberg selbst, gehört hatte. Ich habe also keine Ahnung, was das für ein Ringier-Produkt war.» (Mail Linsmayer an fl., 19.8.2014)