Geld aus Müll und Sklaven

Der Wind weht Nieselregen über das Hafenbecken 2 in Kleinhüningen. Aber der Rhein führt Niedrigwasser. Um nicht auf Grund zu laufen, sind die eintreffenden Frachtschiffe nur halb gefüllt.

Knut Wagner steht in der Kabine des Entladekrans, der auf der Brücke eines stählernen Portals über drei Bahngeleisen hin und her fährt. Ab und zu ruckt das Portal selbst vor und zurück. Klingelnd setzen sich jeweils seine hohen schienengeführten Stelzen parallel zur Quaimauer in Bewegung. Der Kran schwenkt übers Wasser aus, senkt den mächtigen Getreidegreifer in den Schiffsleib, versinkt im weissen Bruchreis, schliesst sich, schwebt durch die Luft, bleibt über einem Güterwaggon der Bahn stehen, leert aus.

Wenig Arbeit in diesen Tagen. Wagner sagt: «Zurzeit wird nur das Nötigste spediert.» Je länger das Wasser im Rhein so tief stehe, desto mehr Arbeit falle an, sobald sich der Wasserstand normalisiere. «Dann kommen die Schiffe mit den zurückgehaltenen Waren und müssen geleert werden.» Wenn nötig wird dann rund um die Uhr gearbeitet. Im Moment genügt eine Frühschicht von 5 bis 13 Uhr und eine Spätschicht von 13 bis 21 Uhr.

Schlag gegen den Arbeitsfrieden

Früher gab es im Basler Rheinhafen viele kleine «Wurst-und-Brot-Büdeli», erinnert sich Knut Wagner. Mit zunehmendem Preisdruck haben sich die Firmen immer mehr zusammengeschlossen. Heute heissen die wichtigsten Rhenus Alpina und Ultra Brag – beide sind aus mehrfachen Fusionen entstanden. Die Firmengruppe Rhenus Alpina AG ist seit 2000 selbst Teil des deutschen Abfallentsorgungskonzerns Rethmann, der sich seit diesem Jahr Remondis nennt.

Nach dem Umbau der Firmenstruktur in eine neue Holding kündigte diese Rhenus Alpina AG im letzten Sommer den seit diesem Jahr geltenden Gesamtarbeitsvertrag (GAV) auf Ende 2005. Rund 700 Betroffene an verschiedenen Standorten in der Schweiz forderte sie ultimativ auf, innert kürzester Zeit Arbeitsverträge mit längeren Wochenarbeitszeiten bei etwa gleichen Löhnen zu unterzeichnen. Die Regelung der Mindestlöhne wurde gestrichen. Wer sich weigerte, hatte mit einer Kündigung zu rechnen.

Als Angestellter der Ultra Brag war Knut Wagner nicht direkt betroffen, aber als Präsident der Unia-«Gruppe Rheinhafen-Angestellte» verfolgte er die weitere Entwicklung genau, denn die Rethmann-Gruppe hat im Hafen als Arbeitgeberin einen schlechten Ruf: «Die Art, wie die Leute dort arbeiten müssen, erinnert an die Zeit, in denen es noch keine Gewerkschaften gab.» Klar stimme es, dass die Gemeinden die Preise des Remondis-Konzerns als Spezialist für die Müllentsorgung drückten und der Konzern diesen Druck nur weitergebe: «Aber wie die Rhenus Alpina diesen Abbau durchgezogen hat, war hochunanständig.»

Der Staat schaut zu

Unanständig, aber erfolgreich: Unterdessen haben dem Vernehmen nach alle Angestellten der Rhenus Alpina AG im Rheinhafen die neuen Arbeitsverträge unterschrieben – «auch jene», sagt Wagner, «die behauptet haben, sie würden es nicht tun». Das Arbeitsklima sei schlecht, aber die Leute könnten sich nicht wehren – nicht zuletzt, weil viel zu wenige von ihnen in der Gewerkschaft seien. «Aber auch jene, die in der Gewerkschaft sind, wollten ihren Job nicht verlieren.» Der Druck sei immens gewesen: entweder unterschreiben oder den wirtschaftlichen Ruin riskieren.

Natürlich hat die Unia gegen die «unakzeptablen Verschlechterungen» protestiert, aber genützt hat das nichts. Als Deutscher wundert sich Wagner, dass der Schweizer Staat solche Machenschaften einer ausländischen Firma zulässt. «Ausgerechnet in den Wochen, in denen das Volk Ja sagt zu den flankierenden Massnahmen zum Schutz von Löhnen und Arbeitszeiten, lässt man die Leute derart im Regen stehen, wenn eine ausländische Firma Löhne drückt und die Arbeitszeiten erhöht.»

Wagner ist froh, dass sein Arbeitgeber, die Ultra Brag, zum GAV steht. Wenn es Probleme gebe, so gehe er als Sprecher der Betriebskommission zum Zuständigen der Geschäftsleitung. Auch dieser Mann rechne und saniere, aber wenn man ihm einen vernünftigen Vorschlag mache, dann setze er sich dafür ein.

Unterdessen wundert sich Wagner über die zweckentfremdeten Nutzungen auf dem Areal der Rhenus Alpina AG: Ein Teil ihres Anstosses an das Hafenbecken wurde zum Löschen von Schiffsladungen unbrauchbar gemacht, die Kranbahnen wurden weggerissen, ein Verteilzentrum gebaut. Zudem ist ein Fertigbetonwerk im Bau. Und vor einiger Zeit wurde die Umschlagshalle für ein riesiges Event vermietet: Es ging um die Lancierung der Luxuskarosse VW Phaeton. «Die Rhenus Alpina macht aus allem Geld. Vor allem aber aus Müll und aus Sklaven», sagt Wagner.

 

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Achtzig-Kilo Säcke und Dart-Pfeile

Wagner wurde 1944 in Schopfheim im Südschwarzwald geboren und wuchs in Weil am Rhein bei Basel auf. Er lernte Maler und jobbte danach in verschiedenen Branchen: einer Färberei, in zwei Drehereien, im Rollladenbau. In der Hochkonjunktur war das möglich: am Freitag in der einen Firma aufhören, am Montag in der nächsten mit besserem Lohn anfangen.

1974 fängt Wagner im Basler Rheinhafen bei der Firma Ultra Brag an. Auf den Schiffen stapelt er im Akkord die Kranladungen auf Tragbänder oder Paletten zusammen. Die Arbeit ist hart – nicht zuletzt, weil er nach einem Oberschenkelbruch in der Jugend mit einem verkürzten Bein Säcke bis zu achtzig Kilogramm Gewicht zu schleppen hat. Seit 1980 wirkt er vor allem als Kranfahrer.

Er hat aus zwei Ehen zwei erwachsene Töchter und lebt in Allschwil (BL). Ohne Zulagen verdient er gut 5000 Franken brutto im Monat. In der Freizeit engagiert er sich für die «Markgräfler Geflügel- und Vogelfreunde» in Weil. Daneben ist er begeisterter Dart-Spieler.

Die Redaktion setzte den Titel: «Unanständig, diese Rhenus Alpina AG».