Gebrochener Held der Freiheit

WOZ: Ihre Inszenierung von Friedrich Schillers Freiheitsdrama, das am Samstag Premiere hatte, sei «apolitisch» und deshalb «so bieder und zäh» («Tages-Anzeiger»), habe «keine Sprengkraft» und biete «nur Knalleffekte» (NZZ)…

Meret Matter: Die Inszenierung hat offenbar beim Feuilleton Erwartungen enttäuscht. Allerdings – aus dem häufigen Szenenapplaus an der Premiere zu schliessen – ging es nicht allen so. Mit unserer Inszenierung hatten wir nicht die Absicht, Schillers Schweizer als Unterdrückte zu zeigen, sondern als solche, die ihren Besitz unter habsburgischen Schutz stellten und dabei wohl lebten. Wenn wir den Rütlischwur quasi als SVP-Abend auf die Bühne bringen, dann ist das nicht apolitisch. Wir gehen andererseits nicht davon aus, in Schillers «Tell» sei eine glorreiche Revolution dargestellt worden.

In der Ankündigung des Schauspielhauses war zu lesen, die «raffinierte Pointe» des Dramas sei, «dass unpolitisches Handeln umwälzende politische Folgen» zeitige. Gibt es den unpolitischen Tyrannenmord?

Tell handelt tatsächlich aus völlig privaten Interessen. Trotzdem löst er mit dem Gessler-Mord die bekannten politischen Folgen aus. Tell ist nach Schiller einer, der von nichts etwas wissen und sich in die Politik nicht einbinden lassen will. Er sagt: «Jeder lebe still bei sich daheim.» Insofern geht es darum, einen Tell zu zeigen, der das Heldenhafte nicht leistet, für das er in Schillers Drama steht. Ich zeige Tell als einen Mann, der den Schuss auf das eigene Kind nicht übersteht, ein gebrochener Mann, der der Schweiz als Symbol der Freiheit dient.

Also doch eine politische Inszenierung?

Gut, vielleicht hätte man da und dort noch eine SVP-Fahne hinhängen müssen… Aber ich meine, der Text ist explizit genug. Zäh und bieder, wie unsere Tagespolitik häufig auch, dieses wohlgenährte Sichärgern über das, was nicht klappt. Dabei sind wir noch sehr weit von Zuständen entfernt, in denen das, was hier nicht klappt, wirklich das Problem wäre.

Sie waren 1989 Mitbegründerin des Clubs 111 und haben massgeblich mitgeholfen, den Theaterraum «Tojo» in der Berner Reitschule zur vielbeachteten Bühne zu machen. Ist jene Arbeit mit ihrer heutigen zu vergleichen?

Es gibt Unterschiede und Parallelen. Vor allem gibt am Schauspielhaus die Dramaturgie den Stoff vor – in Bern haben wir die Stoffe oft nicht nur selber ausgewählt – übrigens mehrere explizit politische Stücke –, sondern häufig auch selber geschrieben. Zudem arbeite ich in Zürich mit einem festen Ensemble – in der freien Szene haben wir uns die Leute jeweils zusammengesucht. Parallelen gibt es sicher in meinen Inszenierungen. Ich habe immer wieder mit Livemusikern gearbeitet und das Spannungsfeld zwischen Ironie und romantischer Sehnsucht gesucht. Wenn eine solche Inszenierung gelingt, entsteht die Mischung, mit der viele Leuten berührt werden können.

Auf diese Mischung hat sich das Ensemble am Schauspielhaus eingelassen?

Wir hatten bei den Proben insofern eine sehr gute Atmosphäre, als wir wirklich sehr vieles ausdiskutiert haben. Das ursprüngliche Konzept und die fertige Inszenierung unterscheiden sich gerade deshalb stark, weil wir bei jedem Bild, bei jeder Szene wieder diskutiert haben, wie wir das kommentieren könnten. Gerade Josef Ostendorf, der Tell, oder Karin Neuhäuser, die Gessler spielt, sind beides ausgesprochen politische Köpfe. Sie haben immer wieder insistiert: Reden wir jetzt hier über die armen unterdrückten Schweizer oder worum geht es eigentlich?

Das tönt nach spannenden Diskussionen.

Das war spannend. Ich persönlich bin einfach sehr glücklich, dass ich in Zürich derart viele Stücke mit einem derart genialen Ensemble und derart genialen Regisseurinnen und Regisseuren sehen und drei davon sogar selber inszenieren konnte. Was mir Leid tut: Das Publikum in Zürich verkennt total, was ihnen in der Ära Marthaler/Carp geboten worden ist – auch wenn ihnen Matthias Hartmann möglicherweise das Haus wieder besser füllen wird.

Es ist Montagmorgen nach der «Tell»-Premiere und wir sitzen hier im Zug von Bern nach Luzern. Sie reisen zum nächsten Engagement. Worum geht es?

Ich inszeniere am Luzerner Theater das Stück «Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte» von Elfriede Jelinek – ein Frühwerk, das wir als Schweizer Uraufführung machen. Spannend ist, dass Jelineks Stück eine nach wie vor brisante Antwort ist auf Ibsens «Nora», das im letzten Jahr in verschiedenen Inszenierungen aufgeführt worden ist.

In der WOZ erschien der Beitrag unter dem Titel «Jeder lebt still bei sich daheim». – Drei Wochen später, in der WOZ 46/2003, hat das Schauspielhaus Zürich unter dem gleichen Titel die ersten drei Fragen und Antworten meines Beitrags als halbseitiges Inserat für die Inszenierung zweitveröffentlicht. (Für mich ein Beispiel dafür, dass Feuilletonjournalismus immer auch Public Relations ist für die angesprochenen Kulturprodukte. 13.12.2018)