Gault-Millau-Gygax klemmt

Der «Löwen» im Thörigen (BE) ist nicht irgendein Landgasthof. Es ist die beste Fressbeiz landauf landab. Und der Wirt Nik Gygax gilt mit 18 Gault-Millau-Punkten als bester Koch des Kantons Bern. Die Wiedereinsteigerin Susanna W. hatte Glück, dass sie ihr Praktikum der Serviceausbildung für Gourmet-Restaurants bei Gygax machen konnte. Und als man ihr im Juni 2005 anbot zu bleiben, war sie «sehr zufrieden», wie sie sagt.

Von nun an arbeitete sie im «Löwen»-Säli, servierte die Menus zu 110 und 195 Franken, stellte die Speisen vor, dekantierte die Weine. Das beste Angebot auf der Karte hiess «Gygax-Menu»: nur vom Feinsten und zu jedem Gang einen neuen Wein. «Das hat Spass gemacht. Ich habe gerne dort gearbeitet», sagt sie. «Deshalb habe ich mir sehr lange überlegt, ob ich kündigen soll oder nicht.»

Vertröstungen, Ausflüchte, Versprechen

Die Probleme beginnen, als sich im September 2005 die Frau des Chefs, die bisher kaufmännisch zum Rechten geschaut hat, von ihrem Mann trennt. Unter der neuen Buchhalterin wird die Arbeit strenger: W. muss neu mit einer Zimmerstunde arbeiten, was zu Problemen führt beim Pendeln und bei der Betreuung ihrer Tochter. Haben zuvor sieben Personen im Service gearbeitet, sind es schliesslich noch zwei. Dann ist das Trinkgeldkonto, auf dem 2005 in den besten Zeiten weit über 10000 Franken liegen, plötzlich leer – die Angestellten haben das Nachsehen.

Im neuen Jahr trifft der Lohn – 3600 Franken brutto für 100 Prozent – jeweils mit zehn bis zwanzig Tagen Verspätung ein. Im April 2006 bleibt er dann ganz aus. W. muss beim Chef betteln gehen: «Ich sagte, ich habe nicht einmal mehr Geld zum Essen. Ich brauche 200 Franken, sonst komme ich nicht mehr zur Arbeit.» Der Chef schickt sie zur Buchhalterin. Die Buchhalterin schickt sie zurück zum Chef. «Da bin ich laut geworden.» Schliesslich zahlt man ihr 200 Franken aus der Tageskasse.

Die rund zehn Kollegen und Kolleginnen von Susanna W. machen ähnliche Erfahrungen: Vertröstungen, Ausflüchte, gebrochene Versprechen, und ab und zu eine kleine Anzahlung an den Lohn. Am 19. Juni verfassen sie gemeinsam einen Brief an Gygax, fordern die ausstehenden Löhne und behalten sich «das gesetzliche Recht vor, die Arbeit niederzulegen». Auf W.s Konto treffen zwei kleine Zahlungen ein. Aber die Löhne von April, Mai und Juni fehlen weiterhin.

Als sie um die Arbeitsreduktion auf 80 Prozent bittet, kommt man ihr mündlich entgegen: 80 Prozent zum gleichen Lohn – wirklich ein schönes Angebot. Im Vertragsentwurf stehen als Bruttolohn dann aber nur noch 3080 Franken – zudem ist er in weiteren Punkten zu W.s Ungunsten fehlerhaft. Sie unterschreibt nicht. Man bietet ihr an, ihr zum Teil entgegenzukommen, allerdings durch monatliche Schwarzzahlungen. Sie lehnt ab. Der Vertrag kommt nicht zustande. Die fehlenden Löhne treffen trotz Versprechungen auch weiterhin nicht ein. Am 11. Juli 2006 beauftragt sie ihren Anwalt, ihre fristlose Kündigung abzuschicken.

Betreibung und neuer Ärger

Das Geld fehlt bis heute. Am 2. August reicht Susanna W. gegen Gygax ein Betreibungsbegehren ein. Neben den ausstehenden drei Monatslöhnen verlangt sie Schadenersatz für die verlorenen Löhne der zwei folgenden Monate, den 13. Monatslohn und den Lohn für 310 Überstunden. Total 25’500 Franken. Gygax erhebt Rechtsvorschlag. Am 13. November findet der Aussöhnungsversuch vor dem Richter statt. Wenn er scheitert, muss das ordentliche Gericht angerufen werden.

Unterdessen hat die Arbeitslosenkasse des Kantons Solothurn, bei der sich Susanna W. am 12. Juli angemeldet hat, per Verfügung entschieden, es gebe «keinen Zweifel», dass sie im Recht sei – deshalb habe sie für die Zeit bis Ende August «keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung». «Das ist absurd!» ärgert sich der zuständige Unia-Sekretär Urs Feuz: «Wenn der Lohn zu Unrecht nicht bezahlt worden ist, haben Arbeitslosenkassen Vorschusszahlungen zu leisten, damit die Arbeitnehmenden nicht auch noch zur Sozialhilfe gehen müssen.» Feuz hat in W.s Namen gegen die Verfügung Einsprache erhoben.

Ende September hat einer von Gygax’ Gläubigern nun die Geduld verloren. Der «Löwen» wurde wegen Konkurseröffnung geschlossen, einen halben Tag später dank eines Obergerichtsentscheids mit aufschiebender Wirkung aber wieder geöffnet. Er habe es bloss «verpasst, eine Rechnung zu bezahlen», behauptete Gygax gegenüber der Presse. Der Auszug aus dem Betreibungsregister vermerkt für seine «Wine und Dine AG» zwischen 2003 und Juni 2006 allerdings 79 Betreibungen, von denen 21 bezahlt sind, aber 22 den Vermerk «Konkursandrohung» haben.

Gygax sei ein perfekter Koch, sagt Susanna W., aber er habe eben auch eine Verantwortung als Arbeitgeber: «Ich erzähle meine Geschichte hier, um den Leuten zu sagen: Schaut genau, von wem ihr euch anstellen lasst. Wenn der Lohn plötzlich nicht mehr kommt, gibt es grosse Probleme.»

 

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Harte Schweizer Jahre

Zusanna W. (* 1962) hat in der tschechoslowakischen Stadt Ostrava eine Elektroschule mit Abitur abgeschlossen und danach einige Zeit professionell Handball gespielt. Zehn Jahre lang arbeitete sie in einer Baufirma, in der Abteilung Sicherheitstechnik für elektrische Geräte. Mit 25 wurde sie Mutter. Später machte sie sich selbständig und arbeitete als Geschäftsführerin einer Firma, die Baumaterial international vermittelt.

1998 heiratet sie einen Schweizer und zieht mit ihrer Tochter Kati in die Schweiz. 2000 beginnt sie als Serviceangestellte zu arbeiten. Weil ihre Mutter einen Hirnschlag erleidet, muss sie für einige Zeit in die Tschechische Republik zurückkehren, Mutters Wohnung auflösen und ihren Eintritt ins Altersheim organisieren. Ein halbes Jahr nach der Rückkehr stirbt ihr Mann. Sie übernimmt dessen finanziellen Verpflichtungen. Dann wird auch noch ihre Tochter krank und braucht langwierige medizinische Betreuung.

Susanna W. ist Unia-Mitglied.