Feuer und Flamme für die Hygiene

Die ausgebrannte «Pfeife» zischt auf. Während sie auf den Grund des Wasserbeckens sinkt, sprengt die plötzliche Kälte letzte Fettreste als schwarze Plättchen vom erhitzten Metall. In diesem – «Pfeife» genannten – Metallrohr entsteht das Luft-Gas-Gemisch, das bei Gaskochherden als Flamme verbrennt. Dieser Herd hier steht in der Berner Altstadt, in der unterirdischen Küche des Restaurants «Spaghetti-Factory», unter einem mächtigen Dampfabzug, umgeben von grossen, mattglänzenden Chromstahlschränken, -ablagen und -tablaren.

Marc Neuhaus hat den Metallrost und die Abdeckung des Herds weggehoben. Die beiden kleineren «Einkreisbrenner» hat er bereits gereinigt. Jetzt demontiert er die beiden grösseren «Zweikreisbrenner»: «Pfeife» und Mischrohr legt er in die Flamme der beiden bereits gereinigten Kochstellen. Den Düsenstock reinigt er von Hand. Dabei erzählt er: «Die Brenner müssen regelmässig kontrolliert und ab und zu ausgewechselt werden.» Es komme vor, dass man ihn in Restaurants rufe, die bei der Herdrevision Geld sparen. Wenn das Feuer erst einmal ein Loch in die flachen Metallscheiben gefressen hat, lohen die Flammen rund um die Pfanne fünfzig Zentimeter hoch.

Jahr für Jahr weniger Aufträge

Marc Neuhaus ist einer von gut sechshundert Angestellten des ehemals städtischen Betriebs Energie Wasser Bern (ewb), der 2002 aus der Stadtverwaltung ausgegliedert worden ist. Er ist jener Spezialist der Erdgasabteilung, der zuständig ist für die Reinigung und die Revision der gut 150 Gaskochherde, die in Berns Restaurants, Altersheimen, Kinderkrippen und Spitälern stehen. Je nach Auftrag geht er pro Jahr ein- bis zweimal vorbei, hierher, in die «Spaghetti-Factory», kommt er gar viermal.

Routinemässig sieht er deshalb, was die Restaurantkundschaft kaum je sieht: wie die Küchen aussehen, in denen ihr Essen zubereitet wird. «Die meisten Chefköche haben ihre Küchen wie hier im Griff», sagt Neuhaus. Aber es gebe in Bern schon zwei, drei wirklich schlechte Küchen: «An allem, was man berührt, bleibt man dort kleben. Und morgens, wenn man mit der Arbeit beginnt, stolpert man über Cannelloni und Rüstabfälle.»

Dass Gaskochherde für Neuhaus in Zukunft nicht die einzige Arbeit sein können, hat aber einen anderen Grund. Während im Erdgasgeschäft in den letzten Jahren Heizungen und Autos auf eine wachsende Nachfrage stossen, werden bei Restaurantsanierungen Gaskochherde regelmässig durch modernste elektrische Induktionsherde ersetzt – obschon mit Gas billiger zu kochen ist als mit Strom. Neuhaus verliert deshalb pro Jahr drei bis fünf Revisionsaufträge. Dabei, rechnet er vor, spare ein Restaurant bei den heutigen Energiepreisen und zwei- bis dreihundert Menus täglich mit Gas gegenüber Strom gegen 6000 Franken pro Jahr. Letzthin hat er bei seinem Arbeitgeber einen Antrag um Unterstützung gestellt. Er will sich zum Gas-Feuerungsfachmann weiterbilden lassen: «Ich muss mich irgendwie absichern.»

Die regelmässig blaue Flamme

Unterdessen hat Neuhaus begonnen, die beiden Kochstellen mit den «Zweikreisbrennern» wieder zusammenzubauen. Er fettet die Gewinde ein und dichtet sie, indem er sie mit einigen Fäden Hanf umwickelt. Er setzt Mischrohr, Düsenstock und «Pfeife» zusammen und schraubt das Ganze an der Gaszufuhrleitung und an der Unterlage fest. Dann testet er die Flamme. Zuerst brennt sie gelb und flackernd. Er manipuliert am Mischrohr so lange, bis sie regelmässig blau wird.

Auf der Ablage im Hintergrund hat ein tamilischer Küchengehilfe leise vor sich hinsingend Gemüse kleingehackt. Jetzt, gegen zehn Uhr vormittags, treffen weitere Küchenmitarbeiter ein. Neuhaus löscht die vier blauen Flammen, sprüht noch einmal etwas Putzmittel über die Abdeckung und putzt mit einem Lappen die letzten Fettschlieren weg. Er packt seine Arbeitsgeräte zusammen, steigt ins Restaurant hinauf, bestellt einen Kaffee und beugt sich über den Rapport.

 

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Als Gewerkschafter frustriert

Marc Neuhaus hat zwei Leben, eines vor und eines nach dem Unfall: 1988 arbeitete er in der Nähe von Oerlikon mit zwei Kollegen als Fahrleitungsmonteur auf einer Hebebühne. Wegen der Fehlmanipulation eines Kollegen näherte sich diese Bühne einer unter Strom stehenden Fahrleitung so sehr, dass ein Lichtbogen ausgelöst wurde: Ihn trifft der Stromschlag in die rechte Hand und verbrennt Arm und Oberkörper grossflächig. Für einen Moment sieht er sich auf ein weisses Licht zugehen und auf den Unfallplatz hinunter schauen. Eine Art Nabelschnur habe ihn in seinen Körper zurückgezogen. Tagelang schwebt er danach auf einer Intensivstation zwischen Leben und Tod.

Gelernt hat der heute 41jährige Sanitär-Installateur bei der damaligen, Smuv-nahen «Genossenschaft für das Metallgewerbe Bern». Zum Starkstromelektriker liess er sich danach ausbilden, um genügend Geld und Zeit zu haben für seine grossen Reisen nach Indonesien und auf die Philippinen, die er bis heute immer wieder unternimmt.

Nach dem Unfall lag er anderthalb Monate im Spital und bis er wieder arbeiten konnte, verging ein Jahr. Er lernte schweissen und begann als Heizungsmonteur zu arbeiten, wechselte dann für fast zehn Jahre auf den angestammten Beruf als Sanitär-Installateur, montierte danach für die Schulthess Maschinen AG einige Zeit Waschmaschinen. 2000 wechselte er zu «Energie Wasser Bern» und begann, als Erdgas-Servicemonteur zu arbeiten.

Neuhaus, der in der Freizeit Motorräder baut und fährt und Hochsee-Segelschiffe führen kann, ist vor zwei Jahren aus dem Smuv ausgetreten: «Mir war einfach nicht mehr klar, wen diese Leute eigentlich vertreten haben. Immer haben sie gekuscht.» Zurzeit beobachtet er die Arbeit der Unia, einen Neueintritt schliesst er nicht aus. Er verdient in seiner Vollstelle gut 5500 Franken brutto. Die zehnprozentige Invalidenrente, die er seit dem Unfall bezog, ist ihm vor drei Jahren gestrichen worden.

Für den Zeitungsdruck wurde der Titel zu «Mit Feuer und Flamme» gekürzt.