Es reiten nicht alle «im selben Pferd»

Von der Redaktionsstelle Bern

Während das Mammutfest vom letzten Wochenende im ehemaligen AJZ in der bürgerlichen Presse als Erfolg gefeiert wird, stellt es für die Politszene vor allem eine schwere Hypothek dar. Nach der vom Gemeinderat bewilligten Kommerzfete wird es Zeit, über Widerstandskultur zu diskutieren und diesen Begriff inhaltlich zu füllen.

Diese Szene war für das Reithalle-Fest symptomatisch. Auf der Bühne singt Altmeister Polo Hofer von Alpenrosen und dem Meitschi vom Weissenbühl, in der Halle schnellen angezündete Feuerzeuge in die Höhe, die Teenies kennen den Text («Sha la la») und singen kräftig mit. Am anderen Ende der Halle, hinter den Bartresen, krampfen die letzten 80erInnen und probieren vergeblich, mit Pfiffen und Buhrufen durchzudringen.

In dieser langen Nacht pfeift nur dann eine Mehrheit, wenn übers Mikrofon Demo- und VV-Aufrufe durchgegeben werden. Und so wurde auch dem «Bund»-Kulturredaktor Fred Zaugg klar: «Wenn nun an Stelle der notwendigen Toleranz eine im Vergleich zur Zahl der FestteilnehmerInnen kleine Gruppe die Konfrontation sucht, so wird das grosse Ja aller in Frage gestellt.» Will heissen: Die AJZ-Bewegung, Ausgabe 1987, soll kaltgestellt werden, obwohl sie durch ihre langjährige Vorarbeit das «Immöbel» wieder zum Thema gemacht hat. Sie soll sogar, das ist die Strategie der Stadtpolizei, wie früher kriminalisiert werden: Verschiedene Festnahmen und massive Tätlichkeiten, wenn möglich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und an Randständigen wie Obdachlosen oder Punks verübt, sind seit der Demo vom vorletzten Sonntag (WoZ 44/1987) an der Tagesordnung.

Dialektrocker Hofer selbst hatte ein paar Tage vor dem bewilligten Fest eine Reithalle «für arm und reich» gefordert und damit gleich die Bandbreite des zu erwartenden Publikums abgesteckt: Alle kamen sie, tout Berne war auf den Beinen, von der Staatsanwältin bis zum YB-Stürmer. Hardrock-Gruppen, die sich dem «Kulturstreik» anschlossen und ihr Konzert kurzfristig in die Reithalle verlegten, spielten in gewohnter Macho-Manier und folgsam wurden die hands geclapt.

Fazit: eine rein quantitative Verbreiterung der AJZ-Bewegung, eine unerwünschte Solidarität, die jetzt, trotz des zusätzlichen Drucks auf die sturen Gemeinderäte, in erster Linie neue Probleme schafft. Denn erstens bot dieses «Live aid»[1] («Bund») [[nicht die Kultur, fl.]] die sich die Politszene für ihr AJZ wünscht. Zweitens entstehen durch die Bandbreite des Publikums und der Solidaritätsadressen (sogar die von der Szene boykottierte Stauffacher-Buchhandlung war festlich beflaggt) neue Ansprüche und Präjudizien, unüberbrückbare Widersprüche für den künftigen Betrieb der Reithalle, die ja irgendwann mal regulär öffnen wird.

So viele falsche FreundInnen hat die Berner Bewegung noch nie aufs Mal gesehen. Es reiten eben nicht alle «im selben Pferd», wie dies ein Transparent vorlaut  verkündete. Und zweitens ist dieses Pferd, wie wir nun gesehen haben, trojanisch.

AJZ statt Reithalle

«Irgendwie hat sich vergangene Woche und gestern Nacht eine Eigendynamik entwickelt, haben sich Leute mit uns solidarisiert, bei denen es mir überhaupt nicht mehr wohl ist», kommentierte ein Vertreter der IKuR (Interessengemeinschaft Kulturraum Reithalle) und «Kulturstreik»-Mitorganisator sein Missbehagen an der sonntäglichen Vollversammlung (VV), gezeichnet von der durchstandenen Konsumnacht. Er sprach aus, was die meisten anderen VVlerInnen bloss dachten, doch erstaunte die Bestürzung, die in seiner Stimme lag. Als wäre er vom Lauf der Dinge vollständig überrumpelt worden.

Dabei wäre der Ausgang dieses «Kulturstreik»-Unternehmens eigentlich voraussehbar gewesen. Das Streikbüro, das extra für diesen Anlass gegründet wurde, warb euphorisch um sich solidarisierende kommerzielle KulturveranstalterInnen, ohne sich vorher über Sinn und Unsinn eines solchen Streiks zu unterhalten. Klar, dass sich die meisten dieser VeranstalterInnen nur gegen Rechnung solidarisierten. Nur: Auf was für Erfahrungen und Diskussionen hätte das Streikbüro zurückgreifen sollen? Seit langem verzichtet die Szene darauf, sich über den Begriff «Widerstandskultur» klar zu werden. Allerdings gäbe es da zwei undiskutierte Ansätze (vgl. Kasten), doch auch an dieser sonntäglichen Diskussion kamen sie nicht zur Sprache. Dass an der VV keine theoretische Diskussion aufkam über verschiedene Kulturbegriffe, ist ja noch verständlich, weniger aber, dass der praktizierte Konsumismus der Vornacht nicht zur Sprache kam. Es scheint, als habe die VV Angst gehabt, dieses heisse Eisen anzufassen, das die Bewegung tatsächlich spalten kann oder muss.

Dennoch kam die VV zu Resultaten. Sie «entmachtete» faktisch die bisherige Vermittlungsinstanz IKuR und deren «Konzept für die Reitschulnutzung», das sie durch folgende Formulierungen ersetzte:

«1. Sofortige Freigabe sämtlicher Räume des Reitschulareals.

2. Uneingeschränkte Selbstverwaltung des Betriebes.

3. Verzicht auf jegliche Unterstützung durch die Stadt (ausser Baumaterial).

4. Keine Räumung des befreiten Landes Zaffaraya.»

Diese Forderungen sind ganz im Politstil der achtziger Bewegung gehalten. Wer garantiert jedoch, dass dieser Stil jetzt erfolgreicher sein wird als damals? Der Begriff der «Autonomie» zum Beispiel scheint heute ebenso diffus wie damals: Es heisst, dass die VV kein Geld vom Staat verlangen will, dafür aber Baumaterial. Aber ist Baumaterial nicht auch Geld? Und wie lässt sich Autonomie unter einen Hut bringen mit den Zehntausenden von Franken, die am «Kulturstreik»-Fest umgesetzt und weitergegeben wurden an diejenigen Bands, die nicht gewillt waren, gratis aufzutreten? «Für mich stinkt das Alkgeld genauso wie das gemeinderätliche», bemerkte treffend ein VVler. Auf sein Argument wurde nicht eingegangen.

Der «Kulturstreik» hat dem Gemeinderat bewiesen, dass ein breites Bedürfnis nach Kulturraum besteht, und zwar nach Konsumkulturraum. Er will jetzt über die provisorische Öffnung der Reithalle verhandeln, nicht aber über den ehemaligen AJZ-Teil. Wenn sich die VV auf diesen Deal einlässt, würde es der Stadtregierung gelingen, Selbstverwaltung und Kulturlebensraum zu verhindern und aus Widerstand Konsum zu machen. Diesem Schachzug kann die VV nur so zuvorkommen, dass sie den Anspruch auf die Reithalle vorübergehend fallend lässt, um sich dafür auf den ehemaligen AJZ-Teil zu konzentrieren. Ein solches Vorgehen brächte gleich zwei Vorteile. Erstens würden so die baulichen und finanziellen Argumente der Behörden wegfallen, weil dieser AJZ-Teil bereits 1981 renoviert worden ist. Zweitens böten die ehemaligen AJZ-Räume sicher mehr Möglichkeiten für «unsere» Kultur.

Nächste VV: Samstag, 7.11., 14 Uhr bei der Reithalle

Nationale Zaffaraya-Demo: Samstag 14.11., 14 Uhr auf dem Münsterplatz

[1] «Live Aid» war der Name eines Benefizkonzerts, das am 13. Juli 1985 zugunsten Afrikas gleichzeitig in London und Philadelphia stattfand.

 

[Kasten]

Welche Kultur?

An einer Wand des ehemaligen AJZ steht seit Jahren gesprayt: «Ohne Kultur keine Revolution.» Genau, sagte Bern am letzten Samstag und marschierte in die Reithalle. Gesichtet wurden die Gemeinderäte Josef Bossart (CVP) und Marc Roland Peter (SVP), und sogar Kultursekretär Peter J. Betts stolzierte mit wehendem Mantel durchs Sägemehl. Die BetreiberInnen der Brasserie verteilten am Samstag in der Reithalle als Diskussionsbeitrag ein Flugblatt:

«kultur, wie sie hier und jetzt abgeht, verstehen wir als kultur der herrschenden klasse. […] herrschaftskultur ist immer herrschaftstechnologie mit der bestimmung, die bestehenden macht- und herrschaftsverhältnisse zu erhalten und zu sichern, d.h. sie erfüllt folgende funktionen:

• vermarktung, verwaltung und kontrolle der freizeit;

• sie steuert und kanalisiert die kompensation der abnützung und unterdrückung durch den produktionsprozess;

• sie zerschlägt jegliche ansätze zur solidarität und kollektivität;

• sie spaltet und integriert jede auflehnung gegen die ausbeuterischen lebensbedingungen.

[…] kultur, die wir fordern, muss die analyse dieses herrschaftssystems zur basis nehmen. über eine kollektive auseinandersetzung können wir ansätze und perspektiven entwickeln, um die voneinander gespaltenen lebensbereiche (wohnen, arbeiten, freizeit)  wieder in einen lebensfreundlichen zusammenhang zu stellen.»

Bereits vor einem Jahr wurde aus dem Umfeld des Zaffarayas ein «Manifest über Wohnraum – Kultur – Lebensraum» als Flugblatt geklebt und verteilt:

«Was ist eigentlich Kultur? Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben. Die ‘zivilisierte’ Kultur, die uns vorgesetzt wird, ist eine Kultur der Isolation und Vereinsamung, des Leistungsdenkens und der Schaffung von Konsumbedürfnissen der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und das Verleugnen unserer ureigenen Träume und Bedürfnisse. Diese Konsum-Kultur unserer ‘Zivilisation’ zeigt sich in der Zerstörung unserer Umwelt und kann nur funktionieren dank der Ausbeutungs- und Hungerpolitik in der sogenannten 3. Welt. Wo uns der Wohlstand die Auseinandersetzung mit der Umwelt abnimmt, erstarrt die Kultur. Statt ein Mittel zur Selbstfindung und zur Verwirklichung unserer Träume wird sie zum subtilen Werkzeug unserer aller Unterdrückung.»

Am Kultur-Begriff bricht die unheilige Reithalle-Allianz entzwei. Zur Debatte steht jetzt der «Kampf um selbstbestimmte kollektive Lebensräume in den Metropolen!» (Transparent)