Es passierte im Tunnel

Volkshaus Zürich, Unia-Zentrale der Region Zürich-Schaffhausen: Für den Fototermin geht Xhafer Sejdiu mit dem Schlüssel voran und öffnet einen grossen Sitzungsraum: «Hier treffen wir uns jeweils.» Er schiebt vier rechteckige Tische zu einem Quadrat zusammen und rückt Stühle an die Aussenseiten: So ist der Raum eingerichtet, wenn sich unter seiner Leitung einmal pro Monat die Unia-Gruppe der albanischen Aktivistinnen und Aktivisten trifft.

Der 5. November 2002

Sejdiu ist ein vielseitiger Berufsmann, der mit Metall, Holz und Stein gleichermassen umgehen kann. Aufgewachsen ist er neben der mechanischen Werkstätte seines Grossvaters in einem Dorf im Kosovo. Gelernt hat er Schlosser. Diesen Beruf hat er jedoch bald aufgeben müssen, weil das grelle Schweisslicht bei ihm Sehstörungen und extreme Kopfschmerzen verursacht.

Seit 1994 arbeitet er in Zürich auf dem Bau, in den ersten Jahren vor allem als Kundenmaurer und als Schaler; in den letzten acht Jahren nun als Maurer auf der Grossbaustelle des Universitätsspitals Zürich. Ein Spital ist ein besonderer Arbeitsort, vor allem wenn die Bauten bis hinunter ins Fundament verändert und erneuert werden sollen: Heute zum Beispiel hat ihn ein Arzt auf der Baustelle alarmiert, weil in einem Raum, in dem Kranke liegen, plötzlich Wasser von der Decke tropfte.

Ein wichtiges Datum in Sejdius Berufsbiografie ist der 5. November 2002: Damals gehört er zu den rund 2000 Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), die den Bareggtunnel und damit die Autobahn A 1 blockieren und mit dieser Aktion den Durchbruch schaffen im Kampf um die frühzeitige Pensionierung der Bauarbeiter. «Ich habe dort gesehen: Die Gewerkschaft macht etwas für uns. Sie ist der Ort, wo auch ich etwas tun und mitarbeiten kann.» Heute ist er bei der Unia Vorstandsmitglied der Sektion Zürich und der Region Zürich-Schaffhausen sowie Delegierter des Baugewerbes in der Berufskonferenz. Dazu eben Präsident der Gruppe albanischer Aktivistinnen und Aktivisten.

Zuständig für alle Probleme

Diese Gruppe wurde vor fünf Jahren von der Unia-Sekretärin Drita Shabani, einer Landsfrau aus dem Kosovo, initiiert. Xhafer Sejdiu liess sich von ihr überzeugen, Präsident der Gruppe zu werden. Heute arbeiten darin 15 gewählte Delegierte, die die rund 1500 albanischsprachigen Unia-Mitglieder der Sektion Zürich vertreten. Sie kommen aus den verschiedensten Branchen: von Bau und Geleisebau bis zu Reinigung, Verkauf und Gastgewerbe. Diese Delegierten kennt man, und man weiss, dass sie zuhören und etwas tun, wenn es Probleme gibt. Ob es am Arbeitsplatz um Diskriminierung, missbräuchliche Kündigung oder Lohn- oder Arbeitszeitfragen geht – die Delegierten bringen das Problem in die Gruppe, wo es diskutiert und protokolliert wird.

Im Vordergrund der Diskussion steht jeweils die Frage: Kann die Gewerkschaft etwas tun? «Sagen wir Ja, reagieren wird so schnell wie möglich.» Die Gruppe informiert dann zum Beispiel den Sektionsvorstand, der zur Bereinigung des Problems mit dem jeweiligen Arbeitgeber wenn nötig einen Vertrauensanwalt einschaltet.

Bei der Unia Zürich-Schaffhausen gibt es vier solcher Sprachgruppen: neben der albanischen eine portugiesische, eine spanisch-lateinamerikanische und eine serbokroatische. Für Remo Schädler, Co-Regionalsekretär, sind sie insbesondere «ein wichtiger Teil des Vertrauensleutenetzes der Unia».

Kampf gegen Vorurteile

Sejdius Gruppe engagiert sich aber auch in der Integrations- und Kulturarbeit: Man unterstützt zum Beispiel albanische Jugendliche bei der Stellensuche oder organisiert Feste. Für Juni ist ein Fussballnachmittag mit Grillstand geplant: «Wenn’s klappt, kommen bis zu vier-, fünfhundert Leute.» Zudem gibt es zweimal pro Jahr eine Informationsveranstaltung: «Damit unsere Leute informiert sind, laden wir Experten und Dolmetscherinnen ein.» Aktuelles Thema: die globale Krise.

Häufig geht es an diesen Veranstaltungen auch um Migrationsfragen – in letzter Zeit verschiedentlich, so Sejdiu, «um das Vorurteil, alle Albaner seien schlecht». Dazu hat er eine klare Meinung: «Wenn jemand, der aus dem Balkan kommt, in der Schweiz etwas Schlechtes macht, dann gibt es Gesetze und Gerichte, die dafür zuständig sind.» Niemand in der Gemeinschaft der Albanerinnen und Albaner in der Schweiz sage, diese Leute seien unschuldig. «Aber wir sagen auch: Wir sind für seine Tat nicht mitverantwortlich, nur weil wir aus dem gleichen Teil Europas kommen. Es ist schlecht zu sagen: Alle Albaner sind schlecht.»

 

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Albanischer Deserteur

Geboren ist Xhafer Sejdiu 1971 in Remnik im Süden Kosovos. Er wächst mit Mutter und zwei Brüdern auf, sein Vater lebt und arbeitet zuerst als Saisonnier, später als Niedergelassener in der Schweiz. Xhafer besucht acht Jahre die Volksschule, danach vier Jahre das Gymnasium in der benachbarten Stadt Viti, Abschluss mit dem Beruf des Schlossers. Fünf Tage, bevor er 1990 zum Kriegsdienst in die serbische Armee einrücken soll, desertiert er.

Er geht zu seinen Eltern in die Schweiz. Von 1991 bis 1993 pendelt er als Dolmetscher und Begleiter von Hilfstransporten der Caritas zwischen Frankreich und Albanien hin und her. Im Winter 1993/94 kommt er zurück in die Schweiz – mit seiner Frau, die er in Albanien kennen gelernt hat. Seit März 1994 arbeitet er als Bauarbeiter für die Brunner Erben AG Zürich.

Sejdiu verdient als Bau-Facharbeiter einen branchenüblichen Lohn (gut 5000 Franken brutto im Monat). Er lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen in Schwamendingen (ZH). Als Hobbies bezeichnet er die Gewerkschaftsarbeit und die Spaziergänge mit seiner Familie.