Es kommt, wie es muss

Bevor am 10. Dezember im Bundeshaus in Bern National- und Ständerat als Vereinigte Bundesversammlung gemeinsam die neue Landesregierung wählen, wird sich der Ständeratsweibel Walter Pfister versichern, dass alle die Ständeräte, für die er zuständig ist, ihre selten benutzten Plätze hinten im Nationalratssaal gefunden haben. Während der Wahlen wird er ab und zu einen Rundgang machen. Viel zu tun werde es für ihn aber nicht geben, weiss er aus Erfahrung: «Die Räte haben mit solchen Wahlen jeweils genug zu tun.» Ansonsten ist das ein Tag wie jeder andere: «Auch der 10. Dezember geht vorbei», sagt er. «Es wird so kommen, wie es kommen muss. Ändern können wir nichts.»

Der Erste und der Letzte

Tritt man durch den Haupteingang des Bundeshauses, steht man zwei bewaffneten Uniformierten gegenüber. Bevor man durch die Schleuse geht, sind Mappe und Portemonnaie auf dem Fliessband zu deponieren. Vor der Loge tauscht man dann die Identitätskarte gegen eine Zutrittsbewilligung und wird dafür fürsorglich betreut. Als Walter Pfister, heute ohne Uniform, in lockerer Arbeitskleidung den Gast abholt, sagt er, als er vor zwanzig Jahren hier beim Sicherheitsdienst der Loge begonnen habe, sei alles viel unkomplizierter gewesen. Aber seit dem Amoklauf im Zuger Parlament[1] habe man die Kontrollen verschärft: «So etwas kann überall passieren, wenn einer plötzlich im Roten dreht.» Er geht die Treppe hinauf voran in den ersten Stock und öffnet das Vorzimmer zum Ständeratssaal. Hier setzt er sich an den mächtigen Tisch mit den noblen Sesseln. Entlang der Fenster, die auf den Bundesplatz gehen, eine Reihe PC-Arbeitsplätze mit Flachbildschirmen, jetzt verwaist.

Hier arbeite er als Ständeratsweibel, beginnt er: «Wenn Session ist, wissen wir zwar, wann wir mit der Arbeit beginnen – nämlich morgens um sechs –, aber wann wir aufhören, wissen wir nie zum Voraus.» Der Weibel sei am Morgen der Erste im Saal und am Abend der Letzte. Insbesondere am Montag, wenn die Parlamentarier und Parlamentarierinnen am Vormittag aus der ganzen Schweiz anreisen und erst im Lauf des Nachmittags zu tagen beginnen, gehen die Sitzungen oft bis in den Abend hinein. «Man gewöhnt sich daran und organisiert das Privatleben darum herum.»

Am Morgen füllt der Weibel jeweils zuerst die Fächer der Ständeräte mit neuen Anträgen und Zeitungen. Kommen tagsüber weitere Anträge, gehen sie entweder in die Fächer oder in dringenden Fällen direkt auf die Pulte der Räte. Während der Sitzung ist der Weibel für all das verantwortlich, was den Räten die Arbeit erleichtert. Insbesondere beschafft er jedes gewünschte Dokument.

Nach der Sitzung des Rates bereitet der Weibel den nächsten Tag vor. Entsprechend der Tagesordnung sucht er die Dokumente zusammen und legt sie im Ratssaal bereit, um sie tags darauf wenn nötig flink zur Hand zu haben. So ist der Weibel rund um den Ratssaal dauernd unterwegs und bekommt die Debatte nur in kleinen Ausschnitten mit. Pfister: «Wenn ich wissen will, was eigentlich entschieden worden ist, muss ich abends die Tagesschau anstellen.»

Über Aufregendes spricht man nicht

In der Zeit zwischen den vier dreiwöchigen Sessionen führt fast täglich eine der insgesamt dreizehn ständerätlichen Kommissionen eine Sitzung durch. Auch da sind die Handreichungen des Weibels gefragt: Er holt Dokumente, kopiert Anträge, organisiert Extras. Tagt eine Kommission auswärts, reist der Weibel hin: «Ich bin zuvor nie so viel in der Schweiz herumgekommen.»

Wie die vier Nationalratsweibel und sein Kollege im Ständerat hat auch Walter Pfister einen Sonderjob: Er ist «Stellvertreter des Chefs Betrieb + Weibeldienst» und zuständig für das Amtsarchiv – also quasi für das Gedächtnis des Bundeshauses. In diesem Archiv liegen sämtliche Parlamentsgeschäfte all jener Jahrgänge, in denen noch etwas hängig ist. Der älteste Jahrgang, den er zur Zeit betreut, ist jener von 1991. Erst wenn auch das letzte Geschäft dieses Jahres erledigt sein wird, werden die 1991er-Aktenstösse über die Aare ins Bundesarchiv transportiert werden.

Walter Pfister ist ein diskreter Mensch: «Wir behandeln den, der links aussen ist, und den, der rechts aussen ist, gleich.» Ob er damit noch nie Mühe gehabt habe? «Nein. Ich muss ja persönlich nicht gleicher Meinung sein. Aber ich muss den Auftrag erledigen. Hier drin politisieren zu wollen, das wäre der eigene Tod.» Auf die Frage, ob denn nicht ab und zu etwas wirklich Aufregendes passiere, das man hier erzählen könnte, lächelt Pfister: «Natürlich gäbe es das. Aber das tragen wir nicht nach draussen. Hier gilt: Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts.»

 

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«No comment»

Geboren wurde Walter  Pfister 1954, aufgewachsen ist er in Samaden im Engadin. Er lebt heute mit seiner Familie – der Frau und drei Kindern im Alter von 21, 17 und 14 – in Studen bei Biel, wo er letztes Jahr «etwas Eigenes» gekauft hat. Er sei gerne aufs Land gezogen: «Ich bin kein Stadtmensch» – obschon er sich in Chur zum Kaufmann ausgebildet und später in Lausanne und Zürich gearbeitet und gelebt hat. «Beim grossen M» sei er im Lebensmittelbereich tätig gewesen.

Vor zwanzig Jahren hat Pfister sich für eine Stelle beim Sicherheitsdienst an der Loge des Bundeshauses beworben; seit 1989 ist er Parlamentsweibel. Er spricht alle vier Landesprachen und wechselt mit dem Bündner Ständerat Christophel Brändli gerne ab und zu einige Worte auf Romanisch.

Walter Pfisters Hobbys sind Skifahren und Velofahren, früher auch schwimmen und die Berge. Nach seinem Einkommen gefragt, antwortet er als gewiefter Politiker: «No comment.» Als Mitglied des Verbands des christlichen Bundespersonals ist er heute bei Transfair organisiert, der christlichen Gewerkschaft Service Public und Dienstleistungen Schweiz.

[1] Am 27. September 2001 erschiesst der Amokläufer Friedrich Leibacher im Zuger Parlamentsgebäude 14 Politiker und dann sich selbst.