Es gibt keine zweite Kranich-Hysterie

«Der Gemeinderat der Stadt Bern hat beschlossen, das autonome Begegnungszentrum ABZ in der Reitschule zu schliessen.» So beginnt das Communiqué aus dem Erlacherhof vom 14. April 1982. Am Abend jenes Tages umstellte die Polizei das «Berner AJZ» und räumte das Areal.

Erschröckliches sei, so schrieb der «Blick» tags darauf, der Schliessung vorangegangen: «Berner AJZ nach Kranich-Frevel geschlossen!» Tatsächlich hatte ein Jugendlicher im Dählhölzli einem Jungfernkranich den Hals umgedreht und das Tier beim AJZ auf offenem Feuer gebraten und verspeist. Danach sei, so der «Blick», «den Berner Stadtbehörden der Kragen geplatzt».

Ultimatum missachtet

Das war zwar allen Tierliebenden aus der kochenden Seele gesprochen, aber falsch. Nach der Eröffnung des AJZ im Oktober 1981 war die illegale Drogenszene, von der sich die Jugendbewegung nicht distanzieren wollte, schnell zur Belastung geworden. Deal und Verelendung nahmen zu; es kam zu Brandstiftungen, wegen Gefährung des Verkehrs auf Schiene und Strasse war die Polizei immer wieder auf der Schützenmatte. Am 31. März beschloss der Gemeinderat, «von Trägerschaft und Bewegung kategorisch eine konsequente Neuorientierung für den Betrieb des ABZ» zu fordern.

Zur Schliessung kam es, weil die Bewegung das gemeinderätliche Ultimatum, insbesondere die Forderung nach einem Betriebskonzept und einer verantwortlichen Leitung, ablehnte. Zwei Ideen standen sich unversöhnlich gegenüber: jene, das Zentrum ohne personelle oder strukturelle Hierarchien betreiben zu wollen, und jene, das Zentrum nicht zum unkontrollierbaren «rechtsfreien Raum» für irgendwelche vermuteten Drahtzieher im Hintergrund werden lassen zu wollen.

Die Schliessung des AJZ’s ging ins Geld: Nach der Räumung wurde das ganze Reitschulareal mit Stacheldraht verbarrikadiert und während gut elf Monaten – bis zum 16. März 1983 – rund um die Uhr von Polizeigrenadieren bewacht. Danach stand die Reitschule bis zur Wiederbesetzung im Spätherbst 1987 leer – dafür verbreitete sich die Unruhe in den Stadtquartieren (Hausbesetzungen, «Zaff», kurzfristige «Strafbar»-Aktionen, Zaffaraya).

Veränderte Situation

Heute ist in Bern vieles anders. Der Gemeinderat wird die Reitschule trotz der Scharmützel zwischen einigen jugendlichen Salon-Revolutionären und der Polizei nicht schliessen:

• Die Reitschule ist politisch mehrheitsfähig: 1990 sprachen sich 57,6 Prozent der Stimmenden gegen die NA-Abbruchsinitiative aus; 2000 67,1 Prozent gegen die ebenfalls rechtsbürgerliche Initiative «Reitschule für alle».

• Im Gegensatz zu 1982 wird die Stadt heute nicht von einer bürgerlichen, sondern von einer linksgrünen Mehrheit regiert, die – ist aus ihrer Reitschulpolitik zu schliessen – die Leistungen der zum Teil seit fünfzehn Jahren Engagierten anerkennt.

• Heute gibt es zwischen der Reitschule und der Stadt Abmachungen: seit mehr als zehn Jahren einen Gebrauchsleihevertrag. Die Leistungsverträge, die diesen ablösen sollen, kommen im September in den Gemeinderat.

• Schliesslich hat in den letzten Jahren kaum eine Institution mehr geleistet als die Reitschule, wenn man die Kultur-Definition des Europarats zu Grunde legt, die der Gemeinderat seinem Konzept zur «Kulturpolitik der Stadt Bern für die Jahre 1996-2008» vorangestellt hat: «Kultur ist alles, was dem Individuum erlaubt, sich gegenüber der Welt, der Gesellschaft und gegenüber dem heimatlichen Erbgut zurechtzufinden, alles, was dazu führt, dass der Mensch seine Lage besser begreift, um sie unter Umständen verändern zu können.» Nicht zufällig haben drei Arbeitsgruppen der Reitschule im Jahr 2000 den kantonalen Kulturpreis erhalten.