Erziehen. Erzählen. Verändern.

Das Gespräch führten Elio Pellin und Silvana Iannetta.

Berner Tagwacht: In Ihrem Buch «Begerts letzte Lektion» zur Entstehung der Subkultur in Bern führen Sie die nicht obrigkeitsgesteuerte Kultur auf einen Kreis um den Lehrer Fritz Jean Begert zurück, der letztlich auf den Panidealismus zurückgriff. Das ist erstaunlich. Heute stellt man sich doch eher vor, dass die linke Subkultur aus einem linken, subkulturellen Milieu heraus entstanden ist.

Fredi Lerch: Als linker Journalist ging ich auch davon aus. Aber ich habe schliesslich etwas anderes gefunden. Ich habe mich auch gefragt, weshalb das so ist.

Was verstand man damals unter links? Es gab eine starke sozialdemokratische Partei (SP), die in allen realpolitischen Fragen polar dem Bürgerblock gegenüberstand, ausser in einem: dem Antikommunismus. Hier waren sich SP und Bürgerliche weitgehend einig. In diesem Sinn war die SP stark eingebunden.

Für möglich hielt ich zuerst auch, dass eine subkulturelle Bewegung aus der Partei der Arbeit (PdA) heraus hätte entstehen können, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und einen starken Aufschwung erlebte. 1956 verschwand sie aber in der ganzen deutschen Schweiz aus der Öffentlichkeit; es gab viele Parteiaustritte. Von dieser Seite her konnte deshalb auch kein Impuls kommen; abgesehen davon interessierte sich die PdA ja wohl nie gross für die Entwicklung einer Subkultur.

Bedeutender waren die Jazz- und Existentialisten-Szenen, die damals in allen Städten entstanden. Ich konnte allerdings bei beiden in Bern keine Kontinuität finden, die mich interessiert hätte. Ich habe gemerkt, dass Subkultur, die mich interessiert, nicht auf die Schaffung von Produkten abzielt, sondern Prozesse durchmacht. Am kontinuierlichsten fand ich dies in dem Bereich, den ich nun im Buch schliesslich dargestellt habe.

Subkultur als etwas Prozesshaftes. Was muss man sich darunter vorstellen? Weshalb ist eine Musikszene nicht prozesshaft, ein Kerzenkreis dagegen schon?

Zum Prozesshaften gehört, eine Struktur zu schaffen, die erlaubt, dass regelmässig etwas stattfinden kann. Die Reitschule finde ich deshalb beispielsweise eine wichtige subkulturelle Struktur. Der Kerzenkreis war ja in vielem eigenartig – ich möchte nicht alles verteidigen, was da gesagt worden ist –, spannend ist aber, dass ohne kommerzielle, dafür mit ideellen Interessen versucht wurde, eine wöchentliche Struktur aufrechtzuerhalten, um ohne klar umrissenes Ziel etwas Neues entstehen zu lassen. Dieses Nichtinstrumentelle, Prozesshafte hat mich immer mehr interessiert.

Ist es nicht gerade eines der Merkmale von Subkultur, dass sie keinen festen Ort hat und nur punktuell in Erscheinung tritt?

Längerfristig ist das wohl so. Jener Aufbruch, den ich beschreibe, lief während einer bestimmten Zeit, etwa bis 1975. Dann verschwand diese Subkultur. Sie ging effektiv unter. Insofern verlief die Entwicklung bis heute nicht ohne Verwerfungen und Brüche.

Sie werfen  aber immer wieder Seitenblicke auf die Musik-, Kunst- und vor allem Theaterszene. Von aussen her hat man das Gefühl, dass die Gründung von Kellertheatern ein sehr wichtiger Impuls für diese subkulturellen Strukturen war. Bestätigte sich das bei ihrer Recherche nicht?

Doch, diese Theater waren sicher wichtig, zum Beispiel die Kramgasse 6, deren Gründungsgeschichte ich darstelle. Oder einige Jahre später die Rampe, die ich auch erwähne. Allerdings verstanden sich diese Theater kaum als Teil der Subkultur, sondern als Teil der «richtigen», was ihr Kampf um städtische Subventionen zeigt, der dann schliesslich in den frühen 70er Jahren erfolgreich war.

So wie sie den Beginn dieser subkulturellen Bewegung schildern, war sie zeit- oder teilweise auch offen gegen rechts.

Ja, das ist so. Ich zeige keine linke Bewegung. Ich glaube, es gab damals keine kulturell relevante Linke in Bern. Ich habe auf jeden Fall keine gefunden. Der Kerzenkreis gruppierte sich um den Begriff der «Volkskultur». Volkskultur war ein nationalsozialistisches Ideologem und war mit völkischem und rassistischem Gedankengut verhängt. Ich versuchte, den Kerzenkreis differenziert darzustellen, um zu zeigen, dass die Mitglieder von diesem Gedankengut nicht unbefleckt waren, ohne aber Neonazis zu sein – auf die Identifizierung mit völkisch-rassistischem Gedankengut gibt es zum Beispiel keinen Hinweis. Sie kannten es aber und fanden es, zum Teil zumindest, diskutabel. Die Volkskulturdiskussion hatte gleichzeitig jedoch auch noch andere Wurzeln. Fritz Jean Begert befasste sich immer mit Volkskultur. Er verstand darunter jene Kultur, die er als Lehrer im hintersten Emmental fand: mündliche Tradition, auffindbare kulturelle Strukturen. Er besuchte die Bauern im Habkerntal und um Schangnau, versuchte die Inschriften an alten Türen zu entziffern und zu rekonstruieren, was das alles bedeutete, redete mit Leuten, die mit Magie zu tun hatten, befasste sich stark mit Sagen und hatte in dieser Hinsicht einen grossen Einfluss auf Sergius Golowin.

Die Volkskulturdebatte, wie sie in Bern geführt wurde, ist auch ein Reflex auf die Wohlstandsgesellschaft zu dieser Zeit und auf den technologischen Fortschritt, der in diesen Jahren ungebremst lief, und wo man sehr wohl auch in dieser Zeit schon ökologische Bedenken haben konnte. Als Zeno Zürcher beispielsweise in der Zeitung las, dass im Fricktal die Kühe reihenweise umfallen – was mit einer Fluorverseuchung durch die chemische Industrie zusammenhing – reiste er zu Recherchen dorthin und hielt dann in seinem Kreis einen Vortrag darüber, um zu informieren, was dort läuft.

Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass diese Technik- und Zivilisationskritik eher aus den Ecke der konservativen Revolution kommt. Kann man irgendwo einen Bruch feststellen, wo dies dann mehr links-politisch wird, also mehr zu dem wird, was man heute unter Subkultur versteht?

Die Darstellung in «Begerts letzte Lektion» führt bis zum Herbst 1961. Die Politisierung der Subkultur setzte aber erst im Diskussionskeller Junkere 37 ein, die Anfang 1964 eröffnet wurde. Ein Jahr später, 1965, werden die Junkere-Leute in eine politische Kontroverse hineingezogen. damals kam das so genannte Asozialengesetz zur Abstimmung. Dieses richtete sich explizit gegen Randgruppen und zielte darauf ab, Leute versorgen zu können. Die Junkere 37 exponierte sich dagegen. Ab diesem Zeitpunkt hielt der kantonale Polizeidirektor Bauder die Junkere im Auge und begann mit repressiven Massnahmen, zum Teil mit lächerlichen Argumenten. Als beispielsweise der Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann eine Lesung halten wollte, fand Bauder, dass ein ausserkantonaler Schriftsteller ein Hausiererpatent brauche, wenn er in Bern lesen wolle. Die Exponenten der Junkere standen danach im Visier der offiziellen Politik. Dadurch haben sie sich politisch radikalisiert, allerdings nicht in einem revolutionären, sondern in einem nonkonformistischen Sinn. Sie befassten sich beispielsweise mit Antimilitarismus. Sie waren an der berühmten Kundgebung von Ins dabei, als Pierre Annen und Arthur Villard als Militärdienstverweigerer in Witzwil eingesperrt wurden. Dort sind ja die Einheimischen mehr oder weniger handgreiflich gegen die Antimilitaristen vorgegangen. Mario Cortesi sprach in der «National-Zeitung» und im Schweizer Fernsehen von faschistischen Zuständen im Mittelland. Das löste eine nationale Debatte aus. Cortesi wurde kurz danach in Bützberg als 1.-August-Redner eingeladen und kurz darauf wieder ausgeladen, weil man für seine Sicherheit nicht garantieren konnte. Cortesi hielt seine 1.-August-Rede schliesslich in der Junkere 37. Das sind im engeren Sinn politische Geschichten. Weiter geht es dann bis zu jenem Tag, an dem die Vietcong-Fahne zuoberst auf dem Münster flattert – ein frühes Signal, wie die Neue Linke den Nonkonformismus zu überflügeln und sehr schnell zu überdecken begann.

Das wäre dann die Fortsetzung des jetzigen Buches?

Die Ausgangsfrage meiner Recherche war: Was sind die Wurzeln der Berner Subkultur vor 1968? Als These habe ich unterdessen folgende Antwort gefunden: Es gibt eine Bewegung, die sich bis in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurückverfolgen lässt. Sie entwickelt sich in drei Aufschwüngen. Der erste ist ein reformpädagogischer, beim zweiten in den frühen 60er Jahren steht das literarische Interesse im Zentrum und der dritte umfasst das Politisch-Nonkonformistische im engeren Sinn. Wenn ich eine Antwort auf die Ausgangsfrage geben will, muss ich alle drei Aufschwünge darzustellen versuchen. Insofern möchte ich nächstens den zweiten Teil, die Zeit der literarischen Interventionen, in Angriff nehmen.

Sind das inhaltliche Aufschwünge, oder passieren sie chronologisch nacheinander?

Chronologisch, wobei sie sich natürlich zeitlich überschneiden. Was das Inhaltliche betrifft, ist dies eine Frage der Methode: Die Leute hatten auf ihre Art immer einen aufklärerischen Anspruch. Ob sie den einlösten oder nicht, ist eine andere Frage. Aufklärung kannst du nicht auf unendlich viele Arten machen. Zuerst versuchten sie es durch pädagogische Vermittlung, dann versuchten sie es über die literarische Abbildung – auch polemisch – und dann über direkt politisches Handeln. Weitere Ebenen der aufklärerischen Intervention sehe ich nicht. So gesehen ist dieser ganze subkulturelle Aufbruch ein kleines Panorama, das die Möglichkeiten und Grenzen aufklärerischer Arbeit aufzeigt.

Im Buch stellen Sie einen grösseren Zusammenhang zwischen dem Manifest der ZaffarayanerInnen und dem Volkskultur-Begriff der Reformpädagogen her. lassen sich wirklich fundamentale Ähnlichkeiten herstellen oder sind sie eher zufällig?

Ich glaube, es gibt Ähnlichkeiten. Die 68er-Bewegung fällt für mich in zwei Strömungen auseinander. Einerseits die studentische Bewegung, welche Gesellschaft und Wirtschaft politisch-strukturell verändern wollte. Andererseits parallel dazu die Hippie-Bewegung, also die Leute, die die Lebenskultur nicht nur programmatisch verändern wollten, sondern einfach etwas Neues lebten. Die 68erInnen blieben auf der Strukturebene weitgehend erfolglos, auf der Ebene der Werte und Normen, die man auf den Kiopf stellte, waren sie dagegen sehr erfolgreich. Die Gesellschaft heute ist nicht mehr vergleichbar mit der Gesellschaft der frühen 60er Jahre. In Bern war die Bewegung, die die Werte und Normen ins Visier nahm und etwas Anderes so selbstbestimmt wie möglich lebte, stark. Hier sehe ich allerdings eine Linie, die bis ins Zaffaraya durchgeht oder bis in die Reitschule. Natürlich haben sich die Ideologien verändert. Der Panidealismus Holzapfels hat nichts mit dem Antiimperialismus der 80er Jahre zu tun. Aber in beiden Fällen hatten die welterlösenden Ansprüche etwas vergleichbar Illusionäres. Die gesellschaftliche Wirkung entwickelten die Leute nicht auf der Ebene ihrer Ideologie, sondern indem sie etwas Neues lebten. Auch die Reitschule hat, vermute ich, auf der Ebene der veränderten Lebensentwürfe die wichtigste Ausstrahlung.

Die «Berner Tagwacht» setzte den Titel:«Von NonkonformistInnen und anderen QuerdenkerInnen». Ich danke Silvana Iannetta und Elio Pellin für die Erlaubnis, den Beitrag zweitzuveröffentlichen. (Mails Pellin an fl. 26.7.2014 und Iannetta an fl. 27.7.2014)