Erst nach 52 Stunden Feierabend

21. August, ein regnerischer Sonntagmorgen: Um 7 Uhr tritt Peter Hösle, Korporal der Berufsfeuerwehr Bern, seinen 24-stündigen Dienst an. Am Abend zuvor war er im Emmental an einer Hochzeit. Es habe dort hinten stundenlang «wie aus Kübeln» geschüttet, sagt er. Aber wer denkt denn gleich ans Schlimmste?

In der Hauptwache am Viktoriaplatz ist es ruhig. An Sonntagen wird in den Werkstätten – Sattlerei, Schreinerei, Schlosserei, Spenglerei und Atemschutzwerkstatt – nicht gearbeitet. Auch das Foto- und Videoarchiv der Berufsfeuerwehr, für das Hösle zuständig ist, kann warten. An den Sonntagen steht reiner Bereitschaftsdienst auf dem Tagesbefehl. Dass die Aare steigt, bekommt er abends zwischen zehn und elf erstmals mit, als zehn seiner Kollegen in das direkt am Fluss gelegene Mattequartier geschickt werden, um Hochwassersperren zu errichten.

«Niemand geht nach Hause»

In dieser Nacht ist Peter Hösle auf dem ersten Tankwagen eingeteilt, der in der Hauptwache stationiert ist. Gegen Mitternacht legt er sich hin. Kurz darauf der Alarmgong, irgendwo in der Stadt ist ein Rauchmelder losgegangen, runter in den Tankwagen und innert zwei Minuten raus in die Nacht: «Zu Hause würde mir schwindlig, wenn ich so aus dem Bett springen müsste», sagt er. «Aber im Dienst bin ich sofort hellwach und renne los.»

Kaum ist er vom Einsatz zurück und wieder halb eingedöst, kommt der nächste Alarm. Und dann noch einer und noch einer. Jeweils nichts Ernsthaftes, einmal ein rauchender Mikrowellenherd. Während der Einsätze bekommt er über Funk mit, dass im Mattequartier unterdessen auch freiwillige Feuerwehren im Einsatz stehen und das steigende Wasser mit Sandsäcken bekämpft wird.

Als er morgens um fünf von einem der Einsätze in die Hauptwache zurückkommt, befiehlt der Kommandant eben, den Theoriesaal zu räumen und einen Kommandoposten einzurichten. Kurz darauf treffen sich hier die Vertreter und Vertreterinnen von Polizei, Sanität, Zivilschutz, Armee, Politik und der Feuerwehr zu einer Sitzung, um den Kampf gegen das Hochwasser zu koordinieren.

Gegen halb sieben der Befehl: «Niemand geht nach Hause.» Hösle bleibt im Dienst: Er wird auf dem ersten Tankwagen abgelöst und hat nun Plastikplanen zu organisieren und auf die «Schadenplätze» zu bringen, mit denen die Hochwassersperren verstärkt werden. Am Nachmittag wird seine Schicht für drei Stunden zum Ausruhen geschickt.

Nach dem Abendessen gehört er wieder zu einer Fahrzeugbesatzung. Ab Mitternacht schliesslich steht er an der Aare. Sein Job: Überwachung des Langmauerwegs, der aareabwärts an das stark überschwemmte Mattequartier anschliesst. In der Münsterbauhütte – wo jahraus jahrein Sandsteine für die ewige Renovation des Berner Münsters gehauen werden – kämpfen die Steinmetze mit einer Sperre und Pumpen gegen das Wasser. Das Betonfundament, das die wasserdurchlässige Holzkonstruktion des Hauses trägt, habe das Wasser noch um neun Zentimeter überragt, durch die Ritzen des Fussbodens habe aber bereits das Grundwasser gedrückt, erzählt Hösle. Wegen der wachsenden Müdigkeit sei er froh gewesen um den Kaffee, der ihm hier angeboten worden sei.

Das Lebensarbeitszeit-Modell

Am Dienstagmorgen vor acht Uhr ist er an der Aare abgelöst worden. Gegen Mittag hatte er, nach rund 52 Stunden, «Feierabend». Er betont: «Meine Geschichte ist ein beliebiges Beispiel. Vom Kommandanten bis zum letzten meiner Kollegen ist es allen ähnlich ergangen.»

Aber wie lange hält man bei einem solchen Arbeitsrhythmus durch? Hösle sagt: «In den meisten Fällen bis zur Pensionierung mit 63» – dank des «Lebensarbeitszeit-Modells», das die Berner Berufsfeuerwehr und seine Gewerkschaft, der VPOD, gemeinsam ausgearbeitet haben, und das unterdessen sogar international auf Interesse stösst. Jeder Berufsfeuerwehrmann hat ein Arbeitszeitkonto, auf dem er Überzeiten, Nachtzeit-Gutschriften, ja sogar Lohnprozente sparen kann. Je höher der Kontostand, desto früher kann er schliesslich bei vollem Lohn seinen «Vorruhestandsurlaub» angetreten.

Für Hösle sind die Arbeitsbedingungen in Ordnung. Gegen Tod und Verwüstung, die er immer wieder sieht, versucht er sich abzugrenzen: «Ich helfe, wenn ich kann, aber was ich sehe, trage ich psychisch nicht als Belastung mit mir herum.» Nicht zuletzt das Berufsprestige entschädige für vieles: Es komme vor, dass er von unbekannten Leuten gegrüsst werde, die ihm einmal als Feuerwehrmann begegnet seien: «Wenn du hier arbeitest, übernimmst du mehr, als du dir vorstellen kannst, eine Vorbildfunktion.»

 

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Korporal der Wache 2

In Niederwangen bei Bern hat Peter Hösle (*1962) eine vierjährige Schreinerlehre gemacht. Die Arbeit gefiel ihm, nicht aber das Klima auf den Baustellen: «Der Chef hat’s so gewollt, der Architekt anders und der Bauherr noch einmal anders. Bis es jedem passte, machte ich die Arbeit dreimal, und trotzdem war’s schliesslich nicht recht.»

Er meldet sich auf ein Inserat der Berner Berufsfeuerwehr und beginnt im Januar 1991 die einjährige Feuerwehrschule, der ein halbjähriges Praktikum in der Hauptwache folgt. Seither gehört er zur «Wache 2», zur Zeit als Korporal. Der Grundlohn lehnt sich an das Besoldungsreglement der Stadt Bern an. Dazu kommen verschiedene Zuschläge ((zum Beispiel für das Dienstalter, die Kasernierung oder die Unannehmlichkeiten, die sogenannte «Inkonvenienz»).

Hösle war vier Jahre Präsident – heute Vizepräsident – der Berner VPOD-Gruppe Berufsfeuerwehr, in der rund achtzig Prozent der gut 90 Kollegen organisiert sind. Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern im Alter von 11, 9 und 7 Jahren in einem eigenen Haus in Spiegel bei Bern.