Einer der quer lag

«er hät sich gweehrt und wies so isch
wä me de chüürzer zieht
er isch emfindlich worde gägs beamtebluet
jahr um jahr eleige mit em tüüfel a de wand
wer chan ermässe
wie das tuet
(Adrian Naef, aus: «de Hans Jäger»)

13. August, Friedhof Witikon. Vor dem Sarg ein Sonnenblumenarrangement. Links davon provisorisch in die Erde gesteckt ein Holzkreuz: «1944 HANS JÄGER 1984». Der Himmel bedeckt, hinter den Gräbern halbrechts die Kapelle, dahinter Wald. Im frühen Nachmittag Menschengruppen. Leute im Rasen, einige dunkel gekleidet, im weiten Halbkreis um die beiden alten Bauersleute vorne am Sarg, das sind die Eltern. Im Rücken die Hauptstrasse, die verwehten Geräusche vorbeifahrender Autos. Warmer Wind in den Haaren der Wartenden.

Dann tritt Hans A. Pestalozzi neben den schmalen Holzsarg, beginnt zu reden: «Ich ha de Hans Jäger nöd pärsönlich kännt. Aber mir händ en äigenartigi Bezieig gha zunenand. Es isch im April gsy, wo äine zuemer cho isch, äine, wo win ich schtarch angaschiert isch i dä düütsche Chinderrechtsbewegig, und dä hät gsäit: Du muesch doch dä Hans Jäger känne. Da han i müesse säge: Näi. Bi sofort as Telefon, han em Hans Jäger aaglütte und gsäit: Schick mer dini Büecher. Ich by fasziniert gsy und mir händ nochär abgmacht: Mir gönd mittenand an en Kongräss über d' Problem vo de Chinderrächt, mir gönd zäme go rede. Und do isch er chrank worde.»

Anfang März ist Hans Jäger als Schriftsteller mit seinen Büchern auf einer Deutschland-Tour unterwegs. In Augsburg trifft er die Journalistin Tonka Johannes, die ihn in ihrem Artikel zu Wort kommen lässt: «'Ich habe zu meinem früheren Erleben eine grosse Distanz gewonnen', sagt der 39jährige im Gespräch. 'Ich lebe jetzt endlich in Gegenwart und Zukunft.' Seine 'Selbsttherapie' des Schreibens, wie er es nennt, hat seine Zukunft gebracht. 'Ich bin kein Knastautor mehr, ich bin Hans Jäger', sagt er selbstbewusst.»

Jägers Weg durch die Knäste war lang. Als er am 30. April 1975 aus dem Basler «Schällenmätteli» entlassen wurde, hatte er von den letzten dreizehn Jahren gerade elf Monate in Freiheit verbracht. Sein Weg: PlKinderheim, Erziehungsheim, Arbeitsanstalten. Ausreissversuche: administrative Zwangsversorgung. Ausbrüche, Mundraub, Verhaftungen. Witzwil, Lenzburg, Schällenmätteli. Bereits 1974 hatte das Radio zwei Hörspiele von ihm ausgestrahlt. Ein halbes Jahr nach seiner Entlassung erschien sein erstes Buch. Jäger wurde mit einem Schlag als authentischer Knastautor bekannt: «Wenn ich nicht geschrien hätte..., Aufzeichnungen und Protokolle eines Ausgestossenen» wurde 22 000mal verkauft, lieferte die Vorlage für den Fernsehfilm «In Sachen Fischer», bekam mehrere Preise und gute Rezensionen. Mit abnehmendem Erfolg schrieb Jäger weiter. Im Selbstverlag publizierte er in den folgenden Jahren «Wenn ich mein Schweigen nicht gebrochen...» (1977),  («Die Schatten werden länger» 1978) und schliesslich «Einer der quer liegt» (1981).

Jäger ist in den siebziger Jahren hochgejubelt, verschlungen und vergessen worden.  «Die Masse hat mich konsumiert», hat er selber in einem Interview festgestellt.

Aus Deutschland kehrt Jäger im März 1984 mit dem Projekt in die Schweiz zurück, sein fünftes Buch in Angriff zu nehmen; er plant einen Band mit Kurzgeschichten. Als er in seiner Zürcher Stammbeiz, dem «Rütli», davon redet, dass er in dieser Stadt nicht die Ruhe finde, um zu schreiben, erzählt ihm ein Architekt, der im «Rütli» seinen Pausenkaffee trinkt, vom Pfarrhaus in Surcasti im Valsertal, das er ihm für einige Zeit vermitteln könne. An einem Freitag im April fahren die beiden ins Bündnerland hinauf, um das Haus zu besichtigen. Hans Jäger erschrickt damals ob der Abgeschiedenheit dieser Gegend. Bei der Rückfahrt, zwischen Surcasti und Ilanz, hat Jäger plötzlich, wie angeworfen, heftige, kolikartige Bauchschmerzen.

Sie veranlassen ihn, in den nächsten Tagen in Zürich einen Arzt aufzusuchen. Dieser empfiehlt ihm, sich in der Zürcher Hochgebirgsklinik von Clavadel hinter Davos einmal exakt untersuchen zu lassen. Am 4. Mai trifft Hans Jäger in dieser Klinik ein. Aus späteren Äusserungen gegenüber Bekannten zu schliessen, hat er gemeint, dass die Untersuchungen in Clavadel grundsätzlich seine gute Gesundheit bestätigt hätten. Für seine Schmerzen, die sich wiederholen, erhält er keine Erklärung; weiterhin vermutet er, sie seien «psychosomatisch». Eine chronische Pankreatitis, eine Bauchspeicheldrüsenentzündung, von der nach Jägers Tod der Chefarzt der Klinik, Dr. Peter Braun, am Telefon spricht, hat er zu Lebzeiten gegenüber seinen Bekannten nie erwähnt.

In dieser Zeit schreibt Hans Jäger verschiedene Briefe an Freunde mit der Absicht, diese Texte später als Elemente in das geplante Buch zu verarbeiten. Vom Sozialarbeiter der Klinik, Markus Frei, wird er dazu ermuntert, seinen Mitpatienten einen Töpferkurs zu erteilen; immerhin ist das Töpfern seit Jahren neben dem Schreiben Jägers zweite Beschäftigung. Der Kurs fand in der letzten Maiwoche statt. Einige Leute hätten «mit Begeisterung» mitgemacht, bestätigt Braun, der Chefarzt. Allerdings sei Jäger «e chly en Schwierige gsy», er habe wenig Geduld gehabt, es habe alles sofort sein müssen, deshalb hätten auch nur wenig Leute an diesem Kurs teilnehmen können, weil er zu wenig bekannt gemacht worden sei. Für Frei ist der Kurs «ein voller Erfolg» gewesen, Jäger habe mit seiner kreativen Ader verschiedenen Leuten etwas bringen können. Die Arbeiten der Patienten wurden zum Trocknen gestellt. Danach sollten sie im klinikeigenen Töpferofen gebrannt werden. Ebenfalls in dieser Zeit lernt Jäger im Restaurant «Hazienda» in Davos Frau D. kennen. Sie lebt in Clavadel und bietet Jäger für die Zeit nach seinem Klinikaustritt ein Zimmer zu günstigem Mietzins an. In den nächsten Tagen besucht Jäger Frau D. von der Klinik aus einige Male.

Am 29. Mai führt der Assistenzarzt Dieter Frei die Austrittsvisite durch und attestiert Jäger eine hundertprozentige Arbeitsfähigkeit. Er empfiehlt ihm, in Zürich «bei einem Gärtner anstellig zu werden oder andernfalls einen Milieuwechsel vorzunehmen», wie sich Jäger später in einem Brief ausdrückt. Am 2. Juni erfolgt Jägers Austritt aus der Klinik, er verlässt Clavadel und kehrt nach Zürich zurück. Nun kommt er doch auf das Angebot des Architekten im «Rütli» zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt in Zürich reist er ins Valsertal. Später berichtet er über seine Tage in Surcasti in einem Brief: «Als ich die Räume des alten Pfarrhauses lüftete, wusste ich, dass hier sich der Ort zum Schreiben finden würde. Drei Tage schreiben und zwischendurch laufen, im Freien unkontrolliert und im festen Glauben daran, sich selbst zu leben –­ was ist das für ein Gefühl... In der folgenden Nacht begannen die Koliken! So wie sie endlos schubweise immer wieder einfahren. Acht Kilometer Fussweg, dann Postauto Ilanz und den Zug nach Chur. Notfall Kanti Chur. Wartezeit 45 Minuten bis Dr. Huonder kommt und mir eine Spritze verpasst.» Markus Huonder hat Jäger am Pfingstmontag, dem 11. Juni, als Notfallarzt im Kantonsspital Chur ambulant behandelt. Jäger sei über Mittag nur zwei oder drei Stunden im Spital gewesen. Gegenüber den Resultaten von Clavadel habe er ein verschlechtertes klinisches Bild von Jägers Zustand erhalten. Er habe ihm empfohlen, in die Nähe der Klinik Clavadel zurückzukehren.

Am Morgen des 16. Juni trifft Hans Jäger wieder in Clavadel ein und bezieht im Haus  «Valbella» das Zimmer, das ihm Frau D. seinerzeit angeboten hat. Am 18. Juni schreibt er einen Brief an den Assistenzarzt Dieter Frei und bittet ihn, auf den Schlussbericht an das Sozialamt Zürich zurückzukommen, in dem er ihm aufgrund der Austrittsvisite von Ende Mai eine hundertprozentige Arbeitsfähigkeit attestiert hatte. Er bezieht sich auf den Churer Arzt Huonder, der zu ihm gesagt habe: «Sie sind nicht arbeitsfähig. Sie müssen in der Nähe einer Klinik sein, damit Sie unter Aufsicht sind und doch frei gesunden können.» Mittlerweile sind die Töpferarbeiten, die die Klinikpatienten in seinem Kurs gemacht haben, soweit getrocknet, dass sie gebrannt werden können. Sowohl der Chefarzt Braun als auch der Sozialarbeiter Frei setzen sich dafür ein, dass Jäger die Arbeiten im Keller der Klinik selber brennen kann. Nachdem Jäger von Frei die Schlüssel erhalten hat, macht er sich an die Arbeit. Allerdings vergisst der Sozialarbeiter, den Hausverwalter Edgar Rutishauser von dieser Schlüsselübergabe zu informieren.

Am Sonntag, den 24. Juni, erhält Hans Jäger Besuch aus dem Unterland: Seine Zürcher Wohngenossin Susa Messerli kommt mit einer ganzen Clique von Zürcher Bekannten vorbei. Stolz habe Jäger ihnen an diesem Tag den Töpferofen im Keller der Klinik vorgeführt. Am Dienstag, den 27. Juni, erhält Jäger wieder Besuch, und zwar von Urs Giacobbo, einem Redaktor des «Davoser Zeitung», der für einen geplanten Artikel über ihn einige Bilder machen will. Wieder führt Jäger seinen Gast zum Töpferofen in den Keller der Klinik, weil er sich vor diesem Ofen ablichten lassen will. Als die beiden den Keller verlassen wollen, werden sie von Verwalter Rutishauser gestellt: Er sei von Mitarbeitern darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich im Keller fremde Leute herumtrieben. Zwar habe er gemerkt, dass sich der Hans Jäger offenbar «im guten Recht» fühlte, er habe erwähnt, er sei ermächtigt, hier zu sein. Andererseits bestätigt Rutishauser, dass er Jäger bedroht habe und dabei die Wörter «Polizei» und «Hausfriedensbruch» gefallen seien. Der Zusammenstoss habe keine fünf Minuten gedauert, dann seien Jäger und der Redaktor gegangen.

Als Jäger danach in sein Zimmer zurückkehrt, findet er ein Brieflein von Frau D., er solle sich bitte bei ihr melden, es habe sich ein Interessent für sein Zimmer gefunden. Jäger, noch erregt vom morgendlichen Zusammenstoss, glaubt, nun zur Strafe aus dem Haus  hinausgeworfen zu werden und vermutet hinter dem Zettel den Verwalter der Klinik, weil er weiss, dass das Haus «Valbella» ebenfalls unter Klinikverwaltung steht, Frau D. demnach Mieterin der Klinik und also abhängig ist von der Verwaltung. Als Jäger am Mittag mit Frau D. zusammentrifft und sie mit Fragen und Vorwürfen zur Rede stellt, konfrontiert sie ihn im Gegenzug mit einer dunklen Formulierung aus einem Brief ihrer Mutter, den sie gleichentags erhalten hat. Die Mutter von Frau D. hatte letzthin einige Tage im Haus ihrer Tochter verbracht und deutete nun an, ihr sei bei diesem Aufenthalt Geld gestohlen worden, allerdings ohne einen Betrag zu nennen.

Auf diese Verdächtigung kann Hans Jäger nicht mehr reagieren. Fluchtartig, ohne seine Habseligkeiten zusammenzupacken, verlässt er Clavadel in Richtung Zürich. Noch am gleichen Tag schreibt ihm Frau D., die seine überstürzte Abreise als Schuldeingeständnis nimmt, ein Brieflein: «Lieber Hans, wir alle machen Fehler, solange wir in unserem Körper stecken. (…) Ich wünsche mir, dass Du diesen Fehler wieder gut machst, dass Du das Geld, das Du meiner Mutter genommen hast, in ein Couvert legst.» Beilagen: Ein Rückantwortcouvert, Briefmarken, zwei kleine Halbcartons, um das Geld dazwischen zu legen.

Am Montag der nächsten Woche fährt ein Kollege mit Hans Jäger noch einmal ins Bündnerland. Jäger räumt sein Zimmer und verlässt Clavadel endgültig. Auch die gebrannten Töpferarbeiten der Klinikpatienten nimmt er mit, in der Hoffnung, sie in Zürich im Atelier von Susa Messerli, einer Keramikerin, glasieren zu können.

Noch einen letzten Termin hat Hans Jäger in Graubünden. Er trifft die Davoser Journalistin Helga Ferdmann in deren Wohnung zu einem Gespräch, das sie im Auftrag von Giacobbo zum bereits erwähnten Artikel verarbeiten will. Schon während des Gesprächs habe Jäger auf baldige Veröffentlichung gedrängt. Kurz darauf wiederholt er die Bitte um baldige Veröffentlichung telefonisch und missversteht die Antwort der Davoser Redaktion: Er glaubt zu verstehen, man sei an der Publikation eines Textes über ihn nicht mehr interessiert. Jäger vermutet erneut Pression des Klinikverwalters von Clavadel.

Gegen die haltlose Verdächtigung der Frau D. will Jäger sich zur Wehr setzen. Am 5. Juli schickt er einen Brief nach Clavadel: «Von einer Klage wegen Verleumdung, Ehrverletzung und Hausfriedensbruch (…) nehme ich bis zum 11.7.1984 Abstand unter der Bedingung, dass Sie sich mit Begründung schriftlich eingeschrieben entschuldigen.» Telefonisch erkundigt er sich bei der Davoser Polizei, wo er eine allfällige Klage deponieren müsste. Es wird ihm gesagt, er solle in jener Gemeinde klagen, in der er angemeldet sei. Am 10. Juli geht Jäger auf die Polizeiwache des Zürcher Stadtkreises 7. Dort will man aber Jägers Ehrverletzungsklage nicht annehmen; man verweist ihn an die Zürcher Hauptwache. Jäger vermutet nun, dass die Kreiswache 7 von Davos avisiert worden sei, dass man den Hans Jäger also bereits wieder im Auge habe, dass sich der Streit mit Frau D., obschon er sich im Recht fühlt, gegen ihn wenden würde. Der Gang auf die Hauptwache erübrigt sich jedoch, denn am Morgen des 11. Juli ruft Frau D. aus Clavadel an, ob man die ganze Sache nicht vergessen wolle. Mittlerweile hat sie nämlich von ihrer Mutter erfahren, dass ihr lediglich «mindestens zwanzig Franken» fehlten. Jäger beharrt bei diesem Telefongespräch auf einer schriftlichen Entschuldigung. Tags darauf trifft dann wirklich ein Briefchen aus Clavadel ein: «Sehr geehrter Herr Jäger (…) Da ich keinen stichhaltigen Beweis habe, dass Sie das Geld meiner Mutter entwendet haben, möchte ich mich hiermit in aller Form für meine Behauptung entschuldigen.»

Am gleichen Tag erscheint in der «Davoser Zeitung » – allerdings ohne Bild ­– der Text über Hans Jäger: «Nun, in Davos (...) soll dem Dossier Hans Jäger eine lichte Seite eingefügt werden. Hans Jäger hat hier oben, beauftragt vom verständnisvollen Chefarzt in einer Hochgebirgsklinik, in der er sich während einigen Wochen erholte, Unterricht im Töpfern gegeben, im Sinne von Beschäftigungs-Therapie. Das hat ihm grosse Freude gemacht und denen, die nach seiner Anleitung schöpferisch tätig waren, ebenso. (...) Auf sein nächstes, sein fünftes Buch darf man gespannt sein, es soll von der Freiheit handeln, der Freiheit in Ketten.»

Laut Susa Messerli hat Jäger von diesem Artikel, dessen Veröffentlichung ihm derart wichtig gewesen ist, keine Kenntnis mehr erhalten. Sie erzählt, Hans Jäger habe sich in diesen Tagen fast völlig zurückgezogen. Er sei im Zimmer geblieben, sei früh schlafen gegangen, ab und zu sei er abends im Restaurant «Zur Schmiede» unten am Kreuzplatz ein Bier trinken gegangen. Geschrieben habe er nicht mehr. Er habe aber davon gesprochen, dass er vielleicht trotz allem mit Töpferkursen in Clavadel weiterfahren und daneben am Buch schreiben könnte. Andererseits habe er auch von einem Beizengespräch mit einem guten Kollegen erzählt: Wenn er überhaupt noch einmal irgendwohin gehen wollte, müsste er schweigen lernen, dürfe seine Bücher niemandem mehr zeigen, müsste seine Geschichte verheimlichen. Verbergen, dass er der Hans Jäger sei.

Am 28. Juli, einem Samstagabend, dann wie angeworfen Erbrechen und starke Koliken. Er habe versucht, Tee zu trinken, habe aber immer wieder erbrochen. Nachts um eins trifft der Notfallarzt ein. Am Sonntag wird Jäger in die medizinische Abteilung des Universitätsspitals Zürich überführt, drei Tage später fällt er in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwacht. Am 7. August ist Hans Jäger gestorben. Es war die Bauchspeicheldrüse.

Ab und zu steigen von Dübendorf her knapp über den Tannenwipfeln Flugzeugstaffeln auf. Dann geht die Stimme von Hans A. Pestalozzi für Momente im dumpfen, rollenden Donner der Maschinen unter. Dann: «…dass er da lit. Ich han i sine Büecher en ganz wunderschöne Satz ggläse: ‘Wenn ich schreibe, werden aus meinen grossen Schmerzen kleine Lieder.’ Luege mer doch, dass öise Schmärz zu me ne Liedli cha wärde.»

Man ist dann miteinander in die Kapelle hinübergegangen. Der alte, weisshaarige Organist hat, tief über die Tastatur gebeugt, hölzern, aber aufrichtig, frühbarocken Kontrapunkt in die Orgel buchstabiert. Der Jurist Ludwig A. Minelli hat gesprochen, und Jägers Schriftstellerkollege André Grab hat gesprochen. Keine grossen Sprüche, kein Pfaff, keine Tränen: In den langen, knallrot gepolsterten Stuhlreihen sassen, in Gedanken vornübergebeugt, jene, die Hans Jäger gekannt haben. 

Die erwähnten Bücher von Hans Jäger sind im Selbstverlag erschienen und heute vergriffen. (1995)

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 69-77. (Dokumentiert wird die Buch-Version.)