Einer, der das Gesicht hinhält

Kölliken (AG), kurz vor Feierabend in der Werkstatt der Müller Sanitär AG: Walter Eich kommt zurück von der Baustelle, einem Altbau, geplant sind die Sanierung der Wasserleitungen und ein neues Badezimmer. Heute habe er die alten Leitungen herausgerissen, erzählt er: «Dann habe ich dafür gesorgt, dass es wieder fliessendes Wasser gibt im Haus.»

Er bezeichnet sich als «Sanitär-Dinosaurier», als einen, der noch das Zeitalter der Gusseisen-Ablaufrohre erlebt hat. Er zieht an der Werkstattwand aus dem dicken Bund ein Büschel Hanf, umwickelt damit flink ein Eisengewinde, strählt die langen Fäden mit der Drahtbürste in die Rillen und bestreicht diese mit der Dichtungspaste.

«So arbeitete ich früher. Heute geht das anders», sagt er und wechselt hinüber zur Schweissbank. Er spannt zwei schwarze Polyäthylenrohre ein, hobelt die Anschnitte plan, führt zwischen die Rohre den Schweissspiegel und erhitzt die Rohrenden. Als sie zu schmelzen beginnen, schiebt er sie exakt zusammen und zeigt auf den feinen regelmässigen Wulst: «Das ist eine Spiegelnaht.»

Als Rolf Müller, der Chef dieser Firma mit neun Mitarbeitern, kurz in die Werkstatt schaut, bedankt sich «Work», dass man hier fotografieren dürfe; ein anderer Unia-Vertrauensmann, den man für dieses Porträt angefragt habe, hätte abgesagt, weil er, falls er mitgemacht hätte, seine Entlassung nicht habe ausschliessen können. «Ich werde den Walter sicher nicht entlassen», lacht Chef Müller.

Zuverlässig in alle Richtungen

Eich serviert auf dem Werkareal, am Steintisch unter den beiden Platanen, Kaffee aus der Maschine im Büro. «Was mache ich eigentlich als Unia-Vertrauensmann?», fragt er sich selber. Schnell wird klar: Vertrauensmann heisst für ihn nicht zuerst, dass er das Vertrauen der Gewerkschaftsfunktionäre geniesst. Zuerst ist er der zuverlässige Kollege auf den Baustellen der Region. Jener, den man fragt, wenn man nicht sicher ist, wie viel Ferien man zugut hat. Jener, den man fragt, ob man sich die Forderungen des Vorgesetzten gefallen lassen müsse oder nicht. Aber Eich ist auch der, der «das Gesicht hinhält» bei Medienanfragen, der bei Unterschriftensammlungen und Abstimmungskämpfen auf der Strasse steht, dessen Wort etwas gilt an den Mitgliederversammlungen.

Im Konfliktfall sind Vertrauensleute jene, die hinstehen für die Interessen des Personals. «Da hat sich schon manch einer als ‘linker Hund’ verhasst gemacht», sagt Eich und erwähnt den Fall eines Vertrauensmanns, dem der Arbeitgeber letzthin signalisiert habe: noch einmal, dann bist du draussen. «Für diesen bald 60jährigen Kollegen ist das keine einfache Situation.»

Die alte und die neue Kultur

Wenn Eich von früher erzählt, dann nicht als Nostalgiker. Die Veränderungen, die er beobachtet, erzählen Gewerkschaftsgeschichte. «Während meiner Lehrzeit in Zofingen gab es allein im Smuv rund 160 Jugendmitglieder. Fast jedes Kaff hatte seine eigene Gewerkschaftssektion. Dazu kamen allein in Zofingen an die dreissig Vertrauensleute. Heute gibt es in Aarau noch eine Gruppe, dazu im Westaargau ein Grüppchen.»

Damals, sagt er, sei man zusammen ins Kino. Oder man sei zusammen nach Schweden gefahren um die Volvo-Werke zu besichtigen. Das habe Zusammenhalt gegeben bis ins Private hinein. «Diesen Zusammenhalt gibt es heute nicht mehr.» Wie die Vereine kämpft auch die Gewerkschaft mit Nachwuchsproblemen: «Es gibt so viele Möglichkeiten… die meisten haben weder Zeit noch Lust, sich irgendwo regelmässig zu engagieren.»

Dass die damalige Gewerkschaftskultur kaum mehr existiere, habe sicher auch mit gewerkschaftlichen Versäumnissen zu tun: «Aber andererseits hat sich die Gesellschaft stark verändert.» Das Konsumparadies habe zum Beispiel, beobachtet er, viele rotzfreche Jugendliche ohne jeden Ehrgeiz hervorgebracht: «Als Erziehungsmassnahme haben wir hier im Betrieb jetzt wieder eingeführt, dass die Stifte die Arbeiter siezen. Einfach, weil es anders nicht mehr gegangen ist.»

Walter Eich ist einer, mit dem man ins Politisieren kommen kann. Als gegen sieben Uhr Müller, der Chef, aus dem Büro kommt, einen schönen Abend wünscht und über den Werkhof davon geht, reden wir über das bevorstehende nationale Treffen der Unia-Vertrauensleute in Olten. «Es ist sicher nicht so, dass wir jetzt mit dem Finger schnippen können, und dann läuft’s», sagt er. Aber Olten sei ein Anstoss, eine Chance, ein Neuanfang. «Meine Hoffnung ist, dass auch jüngere Leute kommen. Leute, die neugierig sind. Die einsteigen möchten. Und die sich für Gewerkschaftsarbeit begeistern lassen.»

 

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Einer, dem man vertraut

Walter Eich (* 1954) ist Oftringer: In Oftringen (AG) ist er geboren und aufgewachsen. Hier hat er die Schulen besucht, und hier wohnt er noch heute im Haus seiner Grosseltern, das er ausgebaut hat. Ab 1970 hat er bei der Haustechnikfirma Wülser in Zofingen zuerst Heizungsmonteur, dann Sanitär-Installateur gelernt. Für die Wülser AG ist er danach dreissig Jahre lang als Servicemonteur unterwegs gewesen.

Auf August 2000 wechselt er zur Müller Sanitär AG nach Kölliken. Diese ist spezialisiert auf Umbauten und stellt den «Brunnenmeister», betreut also Köllikens öffentliche Wasserversorgung. Wegen der dortigen berühmtberüchtigten Sondermülldeponie ist das ein verantwortungsvolles Mandat.

Walter Eichs Grossväter und sein Vater waren Gewerkschafter. Er selber ist Vizepräsident der Unia-Region Aargau. Er verdient brutto gut 6300 Franken im Monat. Eich ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Als Hobby nennt er zuerst die Gewerkschaft, dann das Töfffahren, seine Aquarien und das Haus, an dem es immer etwas zu machen gibt. Zudem amtet er während des Winters jeden Donnerstag im Oftringer Hallenbad als Bademeister.