«Eine Insel im kapitalistischen Alltag»

«Am 1. Mai laufen wir in Zürich gewöhnlich zuvorderst», sagt Sebastian Weiler. «Wir», das sind die knapp fünfzig Kinder – Tendenz steigend – und elf Leiter und Leiterinnen der Kinder- und Jugendgruppe «Rote Falken». In diesem Jahr lassen sie einem gewerkschaftlichen Frauenblock den Vortritt, der – vierzig Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts – faire Mindestlöhne fordert.

Die Roten Falken fordern anderes: Mitbestimmung in der Schule, mehr Spielplätze in der Stadt, weg mit den AKW und mit der Fremdenfeindlichkeit. Weiler: «Für uns ist der 1. Mai der beste Tag, um auf uns aufmerksam zu machen.» Darum arbeiten die Falken auch dieses Jahr massgeblich am Kinderfest auf der Kasernenwiese mit.

Die Geschichte vom «Mösli»

Zürichs Rote Falken treffen sich jeden Samstagnachmittag am Bellevue; manchmal zum Spielen im Wald, manchmal zum Baden am See, manchmal zum Basteln im Gruppenlokal beim Hottingerplatz. Daneben gibt’s einen Skitag, ein Pfingstlager, ein Sommerlager, die Demo am Kinderrechtstag (20. November), das Sonnwendfest im Dezember – und im September natürlich das «Möslifest».

«Mösli»? Weiler beginnt zu erzählen: Mitte der 1920er Jahre sind in der Schweiz aus der Arbeiterbewegung heraus die «Kinderfreude» entstanden. Sie haben die Rote-Falken-Gruppen initiiert haben. Die «Kinderfreunde» schlossen sich ab 1928 im Landesverband Lasko zusammen, der bald einmal 36 Ortsgruppen zählte. Zürichs «Kinderfreunde» bauten dann Anfang der dreissiger Jahre auf der Albiskette oberhalb Adliswil ein Gruppenhaus: eben das «Mösli».

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet linke Bildungsarbeit ausser Kurs. 1996 wurde der Lasko aufgelöst. Geblieben sind die Züricher «Kinderfreunde» – heute «Pro Rote Falken». Sie stellen den Falken ein kleines Jahresbudget zur Verfügung. Geblieben ist auch die Stiftung Kinderfreundeheim Mösli, die das Gruppenhaus günstig vermietet.

Erziehen, nicht erwürgen

Die Zeiten, in denen es proletarische und bürgerliche Jugendgruppen gab, sind vorbei. Der neuen Falken-Bewegung – neben der Zürcher Gruppe gibt es in Bern eine zweite, die sich im Aufbau befindet – ist Dogmatik denn auch fremd. Man pflege, so Weiler, Kontakte mit den Pfadfindern, mit kirchlichen Jungwacht-Blauring-Gruppen und mit der jüdisch-sozialistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair.

Das Besondere an den Roten Falken: Sie kennen keine Hierarchien, alle sind nach ihren Fähigkeiten zuständig. Basisdemokratie und Mitbestimmung, auch für die Jüngsten, wird grossgeschrieben. Und: Es gibt es keine Altersstufen, «kein ‘Ausgrenzerlis’», sagt Weiler: «Wenn wir Fussball spielen, stehen 6- bis 16-jährige zusammen auf dem Platz. Das funktioniert, weil es ja nicht darum geht, möglichst viele Tore zu schiessen, sondern darum, dass es für alle lustig ist.»

Sagt Weiler irgendwo, er sei bei den Roten Falken, wecke das nicht selten Misstrauen: Ob das eine kommunistische Gruppierung sei, die Kinder politisch indoktriniere? «Quatsch», sagt er. «Am ehesten sind wir eine Insel im kapitalistischen Alltag. Bei uns kann man lernen, dass es auch ohne ständiges Konkurrenzdenken oder Shopping an der Bahnhofstrasse geht.» Indoktrination? «Das Politische an den Falken ist nicht, dass wir den Kindern erklären, wie es ist, sondern dass wir die Werte, die wir für richtig halten, in der Gruppe zu leben versuchen.»

Was dagegen stimmt, ist, dass die Leitungsgruppe, 18- bis 25-jährige Jugendliche, für sich Weiterbildungstage durchführt. Da werde jeweils klar, sagt Weiler, wie breit das politische Spektrum unter ihnen sei, «von sozialdemokratisch bis sehr links». Letzthin haben sie das Konzept der sozialistischen Erziehung des deutschen Bildungspolitikers Kurt Löwenstein (1885-1939) diskutiert, nächstens will Weiler selber «pädagogische Inputs» geben.

Denn immerhin ist er Student an der Zürcher Pädagogischen Hochschule (PH): «Im ersten Praktikum unterrichtete ich mit einer Mitstudentin, die viel strenger war als ich. Meine Mentorin hat deswegen am Ende des Praktikums gefragt, ob ich überhaupt geeignet sei zum Lehrerberuf.» Er habe ihr entgegnet, dass es nicht nur eine PH-Pädagogik, sondern auch eine «Falken»-Pädagogik gebe. Sie habe dann respektiert, dass er sich offenbar eigene Gedanken mache, aber ihn ermahnt, mehr zu führen im Unterricht: «Will ich die PH abschliessen, muss ich mich wohl ein bisschen anpassen», sagt er.

Ob er später an der Staatsschule arbeiten möchte – wo nicht nur im Kanton Zürich unter dem wachsenden bildungspolitischen Einfluss der SVP wieder zunehmend Konkurrenz, Disziplin, Pauken und Ausgrenzung angesagt sind –, lässt er offen. Geht es um Erziehung, kann sich Sebastian Weiler mehr und anderes vorstellen als die SVP.

 

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Studienziel Primarlehrer

Sebastian Weiler (* 1991) lebt bei seinen Eltern zwischen Oerlikon und Affoltern am Stadtrand von Zürich. Sein Vater ist Soziologe, die Mutter Lehrerin. Im letzten Sommer hat er das Gymnasium mit der Matur abgeschlossen, seit Herbst 2010 besucht er nun die Pädagogische Hochschule Zürich.

Er will Lehrer werden, und zwar auf der Primarstufe (1. bis 6. Klasse) – dort, wo Schule noch die Schule für alle ist. Die Ausbildung an der PH dauert sechs Semester (neben Praktika geht es vor allem um Pädagogik, Fachdidaktik, Psychologie und Soziologie) und endet mit dem Erwerb des «Bachelor of Arts PH Zürich in Primary Education».

Seit dem Jahr 2000 macht er bei den Roten Falken Zürich mit. 2006/2007 ist er in die Gruppe der Leiter und Leiterinnen hineingewachsen. Sebastian Weiler ist in keiner Gewerkschaft. In der Freizeit betreibt er am liebsten Sport: Er joggt, spielt Fussball mit Kollegen und Volleyball im Akademischen Sportverband Zürich.