Ein lehrreiches «Plong!»

Letzthin hat die kecke Fregatte der akademischen Medienkritik vorsätzlich den schlingernden Riesentanker der Medienkonzerne gestreift. Da hat es «Plong!» gemacht und nachgehallt.

Was ist geschehen? Am 13. August 2010 hat der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich den Erstling einer geplanten Jahrbuchreihe unter dem Titel «Qualität in den Medien» veröffentlicht. Erarbeitet hat die Studie ein Team von WissenschaftlerInnen unter der Leitung des Soziologen Kurt Imhof. Die Studie liefert eine kritische Standortbestimmung für Presse, Radio, Fernsehen und Online.

Dass das «Plong!» am lautesten in der Presse nachhallte, hat einen Grund: Die Zeitungen haben 2009 im Vergleich zum Vorjahr gut 72’000 Tonnen Papier weniger verbraucht (minus 23,6 Prozent) und 22,1 Prozent weniger Anzeigeneinnahmen generiert; in der Frühzustellung der Deutschschweiz hat die Zahl der ausgetragenen Zeitungen im Zeitraum von November 2009 bis Juni 2010 um knapp 5 Prozent abgenommen; 77 Prozent dieses deutschschweizerischen Pressemarkts gehört gerade noch drei Konzernen (TAmedia, NZZ und Ringier).

In dieser Phase galoppierender Schwindsucht sagt eine Studie: die Presse verliert nicht nur an Quantität, sondern auch an Qualität. Das tut weh.

Die Studie und die Ergebnisse

In der Studie werden die «Qualitätsindikatoren» Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität definiert. Entlang dieser Indikatoren werden Abonnements- und Gratis-Informationszeitungen der ganzen Schweiz untersucht auf das Informationsangebot während einer Woche Ende November 2009 und auf die Frontseiteninhalte des letzten Quartals 2009.

Aus den Indikatoren ergeben sich Skalen, nach denen das Forschungsteam wertet. Zum Beispiel: Allgemeines steht qualitativ höher als Privates; Gesellschaftliches höher als Individuelles; thematisch vertiefte Berichte höher als episodische; quellentransparente höher als ungezeichnete; kognitiv-normativ gehaltene höher als moralisch-emotionale.

Untersucht werden in den Zeitungen die «Kernbereiche öffentlicher Kommunikation», nämlich Politik, Wirtschaft und News. Das genügt, denn von der «grossen Tradition» in der Auslandberichterstattung «ist nicht viel übrig geblieben» und die Kulturberichterstattung «versinkt in der Bedeutungslosigkeit».

Diese Übungsanlage zeitigt zwei zentrale Ergebnisse:

• Erstens sinkt im «Annus horribilis» 2009 die Qualität der «fast vollständig» kommerzialisierten Informationspresse über alle Titel hinweg. Konstatiert werden etwa «Entprofessionalisierungstendenzen» und der «Verlust an Recherchekapazitäten und -kompetenz» im Rahmen des Abbaus von «Redaktionsstrukturen».

• Zweitens besteht ein Qualitätsgefälle von den abonnierten Blättern (inklusive Sonntagszeitungen und «Magazin») hin zu Boulevard- und Gratiszeitungen, wobei ökonomischer Druck und die «Sozialisierungseffekte der Gratismedien» einer «Nivellierung nach unten» Vorschub leisten.

Die Interpretation und die Kommentare

Öffentlich vorgestellt worden ist die Studie vom Projektleiter Imhof und von Oswald Sigg als Vertreter der «Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft», die die Studie unerstützt hat. Die beiden haben sich erlaubt, aus den Ergebnissen einen Schluss zu ziehen: Wenn der öffentliche Diskurs – also auch jener der Zeitungen – an Qualität verliert, dann nimmt die Demokratie Schaden; medienpopulistische Tendenzen zum Beispiel ziehen die Stärkung des politischen Populismus nach sich.

In drei Tonarten haben die Meinungsmacher der Zeitungen daraufhin in die Tasten gegriffen:

1. Die Resultate der Studie sind zwar korrekt, aber «kein kulturpessimistisches Fanal», wie die Studie nahelegt, sondern «ein Kompliment»: Endlich haben die JournalistInnen gelernt, «die Inhalte konsequenter an den Interessen ihres Publikums zu orientieren» («Weltwoche»).

2. Die Resultate sind zu pauschal, ihre Interpretation schwarzmalerisch. Die Besorgnis ist «vorderhand unbegründet» («Tages-Anzeiger») respektive schlicht «Stuss» («Sonntags-Zeitung»). Es frage sich sogar, ob hinter der Studie «politisch-ideologische oder gar handfeste wirtschaftliche Interessen» (etwa gegen die Gratiszeitungen) stecken («Klein Report»).

3. Korrekt sind nicht nur die Resultate, sondern auch deren Interpretation. Zeitungen müssen «einen unabdingbaren, qualitativ hochstehenden Service public» garantieren: «Sonst stirbt die Demokratie» («work»).

«Ich kann nur bestätigen, dass hinter der Publikation dieser Forschungsergebnisse ein eminent politisches Interesse besteht», sagt Oswald Sigg mit Blick auf die Reaktionen. Der direktdemokratische Diskurs sei auf eine politische Berichterstattung in allen Medien angewiesen, so aktuell, vielfältig und professionell, dass sie nicht gratis zu haben sei: «Unsere Demokratie hat einen Preis.»

 

[Kommentar]

Wer braucht Demokratie?

Liest man die Zürcher Qualitäts-Studie und die Reaktionen darauf, dann wird klar: Zwar werden die Ergebnisse akzeptiert – schon nur weil da nichts steht, was man nicht längst und genauer wüsste. Aber nicht akzeptiert wird der Qualitätsbegriff, mit dem gewertet wurde.

Laut der Studie ist Qualität das, was in der Tradition der Aufklärung der öffentlichen Kommunikation dient; das, was die BürgerInnen befähigt, politisch kompetent mitzureden und mitzuentscheiden. Zeitungen stehen im Dienst der Öffentlichkeit.

Auf Zeitungsredaktionen klingt das nach Sonntagspredigt. Was informierte StaatsbürgerInnen wissen müssen, ist irrelevant. Relevant – und deshalb Qualität – ist, was reizüberflutete KonsumentInnen haben wollen, damit der Akt der Konsumation gelingt. Zeitungen stehen unter dem Diktat des Markts.

Tatsächlich erinnert der Qualitätsbegriff der Studie eher an einen politischen Programmpunkt als an ein wissenschaftliches Theorem. Er impliziert, Medienverlage müssten im Dienst der demokratischen Öffentlichkeit bereit sein, andere Werte als das Geschäft hoch zu halten. Dass das eine Illusion ist, weiss selbstverständlich auch der Studienleiter Kurt Imhof. Deshalb liebäugelt er mit der Option, «den Printjournalismus mit staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Mitteln zu fördern» («Basler Zeitung»).

Einen anderen Weg gibt es meiner Meinung nach nicht, denn: Wer hat überhaupt ein Interesse an informierten BürgerInnen? Die Aktionariate der Zeitungsverlage sicher nicht. Das Gegenteil von Aufklärung verspricht die besseren Geschäfte.