Duckmäusern bringt nichts

Mit Unterbrüchen ist die Reiseleiterin Heidi Hächler seit bald vierzig Jahren im Geschäft. «Der Konkurrenzkampf ist grösser und der Verdienst kleiner geworden» sagt sie: «Immer häufiger arbeiten Reisebüros mit billigeren ausländischen Leuten – egal, ob die eine Ahnung haben von der Arbeit oder nicht.»

Besser geworden als vor vierzig Jahren ist das Arbeitsrecht. Bloss wüssten viele ihrer Kollegen und Kolleginnen nicht, welche Rechte sie überhaupt hätten. «Dringend nötig ist deshalb eine Unia-Abteilung Tourismus mit zwei Untersektionen: eine für den Bereich Reiseleitungen und Stadtführungen und eine für die Chauffeure im Tourismusbereich», sagt sie.

Frau Doktor als Lohndrückerin

Hächler kommt eben von einer Schweizer Tour mit einer iranischen Reisegruppe zurück: Zuerst hatte sie die Gruppe am Flughafen abzuholen und ins Hotel zu begleiten. An den folgenden vier Tagen die Tour: Zürich-Luzern-Bönigen; Bönigen-Gruyère-Genève; Genève-Lausanne-Zermatt; Zermatt-Zürich via Nufenenpass. Ihr Job dabei: alle Sehenswürdigkeiten kommentieren, rund um die Uhr auf die Vorlieben ihrer Gruppe eingehen und den iranischen Reiserhythmus mit Terminvorgaben der Tourplanung zusammenbringen. Am sechsten Arbeitstag der zweite «Assistenzdienst» vom Hotel zurück zum Flughafen. Gesamthonorar: 1100 Franken.

«Für Reiseleiterinnen, Stadtführer und touristische Chauffeure gibt es keinen Minimallohn», sagt Hächler. Systematisch setzen Reisebüros Bessergestellte und Pensionierte als Lohndrücker ein: «Wenn die Frau Doktor vom Züriberg sagt: ‘120 Franken reichen mir, wissen Sie, zuhause wäre es mir ja sowieso nur langweilig’, dann kannst du dreimal raten, wer den Job bekommt.»

Entsprechend sind die durchschnittlichen Arbeitsbedingungen – vor allem bei den inländischen Tourismusangeboten, dem so genannten «Incoming»-Bereich. Hächler erzählt von Schwarzarbeit, von Lohnausständen über Monate, von fehlenden Lohnabrechnungen, fehlenden Jahressalärblättern (die die Kontrolle der Lohnausweise ermöglichen würden). Sie erzählt von nicht einbezahlten AHV- und Pensionskassenbeiträgen, von der fehlenden Krankentaggeldversicherung, fehlendem Feriengeld, fehlenden Spesenzahlungen, fehlenden Vergütungen bei kurzfristiger Tourannullierung.

Nach Heidi Hächlers Erfahrung nehmen die Missstände zu, je kleiner das auftraggebende Reisebüro ist. Und: Sie treffen insbesondere alle Reiseleiterinnen und Reiseleiter, die für mehrere Auftraggeber arbeiten und als Teilzeiter überall allein um anständige Bedingungen kämpfen müssen. Was Hächler nicht versteht: «Warum können solch miese Arbeitgeber über Jahre wursteln und mauscheln, ohne dass die Behörden einschreiten?»

Jemand muss anfangen

Heidi Hächler ist Vorstandsmitglied der «Association Suisse des Guides Touristiques» (ASGT) und dort zuständig für den Bereich Arbeitsrecht und aktiv in einer Arbeitsgruppe, die versucht, für den Berufsstand eine staatlich anerkannte Ausbildung aufzubauen.

«Ein solcher Lehrgang ist dringend nötig», sagt sie. «Wer heute Reiseleitungen macht, ist – mit Verlaub – nicht selten zwischen 80 und scheintot, es gibt kaum Nachwuchs.» Kunststück: Wer vierzig Leute durch die Schweiz zu lotsen, dabei dreisprachig über Zürich im Barock zu reden und nebenbei Unpässliche und Bestohlene fachgerecht zu betreuen versteht, hat Fähigkeiten, um mit weniger Aufwand und Stress mehr zu verdienen.

«Wir müssen vom Image des hobbymässigen Reiseleiterlens wegkommen!» sagt Heidi Hächler. Und sie weiss auch wie: «Neben der Ausbildung braucht es gesamtschweizerisch verbindliche Regelungen in einem Gesamtarbeitsvertag.» Innerhalb der ASGT Ist diese Forderung freilich nicht unbestritten. «Es gibt unter den 150 Mitgliedern nicht wenige, die keine gewerkschaftliche Ausrichtung wollen, weil sie Auseinandersetzungen mit ihren Auftraggebern fürchten.» Aber für Hächler ist klar: «Duckmäusern und hintenherum schimpfen bringt gar nichts. Die Probleme müssen auf den Tisch.» Dafür, dass sich die ASGT mit einer Arbeitgeberdelegation an einen Verhandlungstisch setzen wird, kämpft sie – auch in  ihrem eigenen Verein.

Warum sie sich als 62-jährige noch einmal derart engagiere? «Es wird einem nichts geschenkt», sagt Heidi Hächler und erwähnt ihren Vater, einen Schreiner, Mitglied der Gewerkschaft Bau & Holz, der in den sechziger Jahren in Zürich einen Streik angeführt und dabei seine Stelle verloren hat. «Irgendeiner muss anfangen und sich hinstellen.»

 

[Kasten]

Die Gelehrte

Heidi Hächler (* 1946) ist Zürcherin. Ausbildung zur Floristin. Englandaufenthalt. Mit 20 alleinerziehende Mutter einer Tochter. Dolmetscherschule Lyzeum Zürich (Deutsch-Englisch und Deutsch-Spanisch). Einstieg in die Tourismusbranche: Büroarbeit, Stadtrundgänge, Schweizer Reisen. Drei Jahre UBS im Bereich Börsengeschäfte für anglophone Länder. Reiseleiterin für Imholz, Danzas und andere; stationiert in Rom, Madrid, Amsterdam und anderswo; Spezialistin für kulturelle Reisen (häufig an Musikfestspiele). Studium der Gregorianik an der Akademie für Kirchenmusik in Luzern.

1992 bis 2000 in Deutschland, Mitarbeit im Geschäft ihres Lebenspartners, daneben an der Universität Mainz Studium der Geschichte und der Politikwissenschaften mit Lizentiatsabschluss. Nach dem Tod des Partners Rückkehr in die Schweiz und erneut Reiseleiterin für verschiedene Auftraggeber.

Heidi Hächler ist Mitglied der Association Suisse des Guides Touristiques (ASGT), der International Association of Tour Managers (IATM) und der Unia. Ihr Einkommen beträgt im Durchschnitt rund 3500 Franken pro Monat. Sie lebt in Zürich.