Dreizehn Mal viel Glück

Schweizerisches Literaturinstitut in der Bieler Seevorstadt, ein milder Sommerabend. Vor der gut hundertjährigen Villa steht heute ein kleines Festzelt: Dreizehn junge Frauen und Männer schliessen in diesen Tagen den Studiengang mit dem «Bachelor Literarisches Schreiben» ab. Deshalb lesen sie in den herrschaftlichen Räumen der Villa – mitten in denkmalpflegerisch geschützten Stuckaturen, Tapeten und bunt verglasten Fenstern – aus ihren Abschlussarbeiten.

Zahlreich flaniert das Publikum über den Parkkies heran. Das kulturelle Kapital bekannter Gesichter erweist den noch Namenlosen die Reverenz. Guy Krneta, Francesco Micieli, Ruth Schweikert, Jörg Steiner, Beat Sterchi lauschen Paula Fürstenberg, Sabine Gisin, Clara Günther, Wolfram Höll, Almut Holz, Marc Anton Jahn, Nicole Kaufmane, Simone Lappert, Noëmi Lerch, Patric Marino, Raphael Richard, Isabelle Ryf und Eva Seck.

Das eigene Schaffen vertreten

Die jungen Leute setzen sich hinters Mikrofon, rücken es zurecht, sagen mit Understatement: «Ich lese Ihnen aus meinem Roman.» Und setzen sie mitten in einem Kapitel ein, geben sie zuvor in kurzen, klaren Sätzen den Zusammenhang; sie wissen, wie man in einen Text einführt. Keine Stimme zittert, niemand stottert vor Aufregung, nicht das kleinste nervöse Räuspern. Sie lesen, als hätten sie das schon tausendmal gemacht.

Waren früher literarische Lesungen nicht diese bemühenden Therapiestunden, an denen ein humanistisch imprägniertes Publikum sich in Empathie übte, die dargebotene, gestotterte soziale Auffälligkeit als literarische Authentizität eines sehr spätromantischen Genies zu goutieren?

«Es gibt auch heute viele Wege zum literarischen Schreiben», sagt Marie Caffari, die Leiterin des Literaturinstituts. «Aber es ist klar: Wer den Weg durch dieses Institut wählt, muss bereit und fähig sein, sich mit eigenen und fremden Texten auseinanderzusetzen und darüber zu reden.» Entsprechend sollen abgehende Bachelor, was literarisches Schreiben betrifft, nicht nur über «Fach- und Methodenkompetenzen», sondern auch über «soziale» und über «Selbstkompetenzen» verfügen. Im Einzelnen sind sie auf der Institutswebsite nachzulesen: von der Fähigkeit, Stoffe und Themen selbständig zu recherchieren, zu analysieren und zu schreiben, über Kenntnisse des Literatursystems und des Buchmarkts bis zur Fähigkeit, «begründete Kritik zu äussern und anzunehmen», die eigenen Stärken und Schwächen «ausgewogen» einzuschätzen und – was an diesem Abend gefragt ist – das eigene «Schaffen in unterschiedlichen Foren der Öffentlichkeit» zu vertreten.

Unterdessen werden im Parterre des Instituts Romanwelten aufgespannt: In einem Bett liegt eine fettleibige Frau, die sich bei einem Onlinerollenspiel einloggt; eine andere, ihre Hände voller Scherben, steht in einer Badewanne vis-à-vis eines Mackers mit krimineller Energie; eine Ich-Erzählerin lernt in Berlin ihren Vater an dessen Sterbebett kennen. Es sind kleine Welten, und in keiner wird die Literatur neu erfunden. Aber was präsentiert wird, ist handwerklich sauber gearbeitet: oft gut beobachtet, präzis formuliert, sinnfällig erzählt. Arbeit wie von MedizinstudentInnen im City-Notfall: Platzwunden, Bronchialkatarrh und Knochenbrüche werden sachlich, sauber und speditiv diagnostiziert. Differentialdiagnostik im Unübersichtlichen stand nicht auf dem Lehrplan – auch Beschränkung auf das, was man kann, ist hier eine Selbstkompetenz. Allerdings wäre Literatur nicht zuletzt der Versuch, das zu sagen, was man nicht gelernt hat.

Rechtzeitig zum fünfjährigen Bestehen des Literaturinstituts – einer Abteilung der Berner Hochschule der Künste (HKB) – hat nun das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) den Bachelor-Lehrgang für literarisches Schreiben offiziell akkreditiert. Wer die Schriftstellerei als HochschulabgängerIn betreiben will, kann das also von nun an in Biel mit dem Segen des Staates tun.

Ein Beruf ist ein Beruf

Die Lesung im zweiten Stock des Instituts ist abwechslungsreicher. Zwar wird auch hier gepflegt gedrechselte Erzählprosa vorgetragen. Daneben aber gibts dialogisch gelesene Szenen aus einer ziemlich frustrierten Beziehung, unterbrochen von Stimmungsprognosen in der Sprache von Wettervorhersagen; ein italienisch gesprochenes Petrarca-Gedicht samt Übertragung in ein dadaistisches Deutsch; die simultane Lesung eines Textes in Dialekt und Hochdeutsch; ein Rapp in calabresischem Italienisch. Hier wird vorstellbar, dass die Arbeit mit Sprache auch lustvoll sein könnte, ironisch, witzig, boshaft, dass der Sprachspiegel, der der Welt vorgehalten wird, auch vorsätzlich zerdehnen, karikieren oder blosstellen darf.

Dass an diesen Bachelor-Lesungen im Ganzen der Eindruck entstand, literarisches Schreiben habe eher mit ernsthaftem Handwerk als mit unbeschwerter Experimentierfreude zu tun, ist nachvollziehbar: Was vom BBT akkreditiert wird, hat ja wohl etwas mit Berufsbildung zu tun. Und versteht man literarisches Schreiben so, ist es tatsächlich eine ernste Sache. Die Sorge um die eigene Existenzsicherung bestimmte das Bewusstsein auch dann, wenn man sich einbilden würde, mit Sprache alle Grenzen überschreiten zu können.

In Gesprächen zwischen den Lesungen wird klar, welches die Berufsperspektiven nach dieser Bachelor-Ausbildung sind: Pro Ausbildungsgang stösst ausnahmsweise ein Absolvent oder eine Absolventin mit ersten Arbeiten auf kommerzielles Interesse (aus den bisherigen Bachelor-Jahrgängen etwa Arno Camenisch, Dorothee Elmiger, Simon Froehling oder Daniela Janjic). Die anderen haben zwei Möglichkeiten: Entweder studieren sie weiter (die HKB bietet zum Beispiel den Ausbildungsgang zum Master in Contemporary Arts Practice an), oder dann tun sie das, was auch die über 900 Autoren und Autorinnen des schweizerischen Berufsverbands AdS in aller Regel tun: Sie gehen Geld verdienen, um «frei» schreiben zu können.

Die mangelnde Tragfähigkeit der sprachregionalen Literaturmärkte im Land, die den Beruf von vornherein für die meisten zur Selbstausbeutung aus Begeisterung, zum Hobby mit öffentlichem Anspruch macht, schreckt offenbar hier nicht ab. Es sei bisher so gewesen, sagt Marie Caffari, dass pro Jahrgang ungefähr achtzig Bewerbungen eingegangen seien. Aufgenommen werden können höchstens fünfzehn Personen.

Zweifellos: Der Traum von einem Beruf, in dem man sagen darf, was man will und erst noch davon leben kann, ist ein schöner Traum. Die Ausbildung zum literarischen Schreiben befähigt zu einem jener Berufe, deren Ausübung auch die Kunst voraussetzt, Traum und Existenzsicherung immer wieder neu zusammenzubringen. Dreizehn Mal viel Glück.

Schweizerisches Literaturinstitut [Hrsg.]: Auszüge aus den Bachlorabschlussarbeiten 2011, Sipplingen (Bookstation) 2011, 258 Seiten (zu beziehen unter: lit@hkb.bfh.ch oder 031 848 39 00; gratis, Spende für den Stipendienfonds erwünscht).