Die Stör-Bank

Sunnehof-Center in Oensingen (SO): Rechts der Coop, im Hintergrund Geschäfte für Brillen und Uhren, daneben eine Modeboutique. Auf dem grossen Platz davor steht schwarz-weiss-rot ein 9-Tonnen-Lastwagen mit einer geschlossenen Ladefläche von 8 auf 2,5 Metern. Man würde ihn für einen parkierten Lieferwagen halten, wäre er nicht mit «Berner Kantonalbank BEKB» angeschrieben: Der Laster ist eine mobile Bank.

Über eine vierstufige Treppe betritt man Im hintersten Teil des Wagens einen Warteraum mit zwei gepolsterten Sitzbänken und einer Ablage für Bankprospekte. An den Wänden kleine Radiatoren. In den mittleren Teil der Ladefläche führt ein schmaler Gang. Dieser wird längs von einem Tresen mit Fensterscheibe halbiert und bildet so ein Schalterräumchen. Einen Schritt weiter endet der Gang vor einer verschlossenen Türe. Sie führt ins Innere der Minibank.

Fast ein Bankschalter wie jeder andere

Dahinter beginnt das Reich von Yvonne Allemann: Im vordersten Teil der Ladefläche findet sich ein Beratungsräumchen mit Tisch, PC, Drucker und Telefon; ein Schränkchen mit Prospekten, Tassen und einer Kaffeemaschine; daneben ein abschliessbares Kleinst-WC. Durch eine Tür zurück in den mittleren Teil gelangt man bankseitig in den Schalterraum. Auch hier PC, Telefon und Drucker, dazu ein Notenzähler, eine Münzzählmaschine, Ablagen für Formulare und für das Geld: Franken, Euro, Pfund und Dollars.

«Technisch habe ich in dieser mobilen Bank die gleichen Möglichkeiten wie am Schalter einer Niederlassung, die gleichen PC-Programme, den gleichen Zugang zu den Daten», sagt Allemann. Möglich ist das, weil an jedem Standplatz, an dem die Bank ihre Dienste anbietet, ein fix installierter Anschlusskasten steht für Strom, Datentransfer und Telefon. Um die Bank in Betrieb zu nehmen genügt es deshalb, drei Stecker in die richtigen Buchsen zu stöpseln. Was vor Schalteröffnung sonst zu tun bleibt, dient der Kundenfreundlichkeit: Mit Stützen wird das Fahrzeug so aufgebockt, dass es waagrecht steht, dann wird die Treppe ausfahren und fertig ist die Bank.

Aber heute, wo bald jedermann seinen finanziellen Kram bequem am eigenen PC erledigt, ist eine solche Bank nicht so antiquiert wie ein Störenmetzger oder Störenschneiderin? «Nein», sagt Yvonne Allemann. Nach ihrer Erfahrung wird die mobile Bank auch für jene Dienstleistungen in Anspruch genommen, die andere am PC machen: «Wir erledigen hier vor allem Kontoeröffnungen, Ein- und Auszahlungen, Geldwechsel und Zahlungsaufträge, sogenannte ‘Blitzaufträge’.» Hochbetrieb herrscht jeweils Ende Monat, wenn die Löhne eingetroffen sind: «Dann holen viele Leute ihr Geld in grossen Noten, um damit mit dem Quittungsbüchlein auf der Post wie früher ihre Einzahlungen zu machen», sagt sie. Dienstleistungen, die eine intensivere Kundenberatung verlangen – etwa eine Hypothek – werden hier bloss vermittelt. Wegen der engen Raumverhältnisse und der Tatsache, dass die einzige anwesende Person auf Abruf an den Schalter eilen muss, ist die mobile Bank für diskrete Gespräche in ungestörter Atmosphäre nicht sehr geeignet. Die Leerzeit beim Warten auf Kundschaft wird übrigens zur Akquisition verwendet: Systematisch werden von hier aus die Haushalte in den Standortgemeinden angeschrieben, um auf die für die Schweiz einzigartige Dienstleistung der BEKB hinzuweisen. Und einige Tage später werden die Adressen zusätzlich telefonisch kontaktiert. Eine Knochenarbeit.

Expansion ins Solothurnische

Die Idee der mobilen Banken geht nicht auf die legendären fahrbaren Migros-Läden aus Gottlieb Duttweilers Zeiten zurück, sondern auf deutsche Vorgängerprojekte in den frühen neunziger Jahren. Denn eine unabdingbare Voraussetzung für eine konkurrenzfähige Dienstleistung am Schalter ist die online-Verbindung zum Rechenzentrum der Bank.

1994 nahm der erste BEKB-Lastwagen seinen Dienst im Berner Seeland auf. Unterdessen sind weitere drei unterwegs in den Regionen Thunersee, Oberaargau und seit 2002 im Kanton Solothurn. Bedient werden tage- oder halbtageweise insgesamt fünfzehn Ortschaften. Der Solothurner Wagen machte bis zum September 2007 in Oensingen, Egerkingen und Hägendorf Halt. Am 24. September hat die BEKB in Hägendorf nun eine feste Bankniederlassung eröffnet. Ein neuer dritter Standort für den Lastwagen ist in Abklärung.

Dass die BEKB entlang des Jurasüdfusses über die Kantonsgrenze hinaus expandiert ist, hat damit zu tun, dass die Solothurner Kantonalbank im Strudel eines Finanzdebakels untergegangen und auf 1. Januar 1995 vom Schweizerischen Bankverein übernommen worden ist. Seither hat die BEKB Bankniederlassungen in Grenchen und Solothurn (2002), in Balsthal (2003) und nun in Hägendorf eröffnet. Laut Hanspeter Merz, dem Leiter Kommunikation der BEKB, bedient die Bank heute im Kanton Solothurn rund 10’000 Kundinnen und Kunden. Das Geschäftsvolumen beträgt unterdessen über eine Milliarde Franken.

Vom Altöl zum ÖV zum Geld

Yvonne Allemann ist nicht immer Kundenberaterin gewesen: Sie macht eine Lehre als Verkäuferin und arbeitet zuerst zwei Jahre auf dem Beruf. Als begeisterte Autofahrerin macht sie in dieser Zeit die Lastwagenprüfung. Sie wird Chauffeuse und transportiert in den folgenden zweieinhalb Jahren Altöl. Weil sie dabei den Kontakt mit anderen Menschen vermisst, macht sie zusätzlich die Carprüfung und wechselt in den Dienst der Busbetriebe Grenchen und Umgebung.

Siebzehn Jahre lang bleibt diese Arbeit für sie «der Traumjob». Das ändert sich erst, als sie von der mobilen Bank der BEKB erfährt: Auch hier gehören ja das Fahren von grossen Fahrzeugen und der Kundenkontakt zusammen. Allerdings fällt es ihr schwer, von Grenchen wegzugehen. Rund um ihren Bus haben sich gute Beziehungen, zum Teil Freundschaften entwickelt. Der Wechsel zur BEKB setzt voraus, all das aufzugeben und noch einmal bei Null anzufangen. «Ich hatte schlaflose Nächte vor dem Entscheid», sagt sie. «Aber danach habe ich es keinen Tag bereut: Die Arbeit hier macht Spass.»

In ihren neuen Beruf steigt sie mit Learning by doing am Bankschalter ein. Das schaltertechnische Wissen ergänzt sie daneben in internen Kursen. Obschon das Lernen bis heute andauere, wie sie sagt, ist sie seit diesem Jahr mit der mobilen Bank allein unterwegs. Die sechs wöchentlichen Dienste – der Lastwagen ist auch am Samstagvormittag unterwegs – teilt sie sich mit einem Kollegen. Die restliche Zeit ihres 100 Prozent-Pensums arbeitet sie in der BEKB-Filiale von Balsthal.

Gefährlicher als dort ist die Arbeit im Laster nicht: Die innere Türe und das Glas des Schalters sind aus kugelsicherem Material. Zudem ist das Fahrzeug mit einer Alarmanlage gesichert. Ein einziges Mal in all diesen Jahren ist – in Merligen am Thunersee ­– eine der mobilen Bank überfallen worden.

Flexibles Marketing-Instrument

Für die BEKB sind diese Banken ein probates Mittel, um in grösseren Dörfern den Markt zu sondieren. Die Lastwagen sind sehr flexibel einsetzbar und bedeutend billiger als feste Niederlassungen. Pro Einheit kosten sie weniger als eine halbe Million Franken.

Sind die Marktverhältnisse günstig, wird die mobile Bank durch eine Niederlassung ersetzt und in die nächste Erfolg versprechende Ortschaft vorgeschickt. Dort findet man dank Kundennähe bald ein neues Publikum: Denn viele Bankkunden und -kundinnen schätzen weiterhin ein persönliches Gespräch am Schalter mehr als den Kontozugang via Internet. Und dieses Gespräch ist, nach Yvonne Allemanns Erfahrung, im Lastwagen eher möglich als an den Schaltern der Niederlassungen. «Auch wenn es manchmal fast zuviel des Guten wird, wenn etwa eine Dame kein Ende mehr findet beim Schildern der Konfitüren und Sirups, die sie herstellt.»

Für Hanspeter Merz sind die mobilen Banken die sinnvolle Ergänzung zu den insgesamt 79 Filialen und dem Cyberbanking. Zudem seien sie ein ausgezeichnetes «Marketing-Instrument»: «Sie sind Tatbeweise für unsere Kundennähe. Damit signalisieren wir: Ihr müsst nicht zu uns in die Stadt kommen, wir kommen mit der Bank zu Euch ins Dorf.»

Die Zeitschrift Kontext ist das Printmedium des Kaufmännischen Verbands Schweiz.