«Die Pensionierung mit 62 wäre eine Wohltat!»

René Arn und Hans Nyffeler sind beide Schreiner, leben in Dörfern bei Biel und reden mit jener Erfahrung, die man sich als Präsident einer Gewerkschaftssektion erwirbt. Wenn es um die Initiative für das flexible AHV-Alter geht, sind ihre Meinungen gemacht.

Für Nyffeler ist entscheidend, dass es «nicht nur Banken- oder Versicherungsleuten» möglich sein soll, mit 62 in Pension zu gehen: «Auch für Handwerker, gerade wenn sie mit gesundheitlichen Problemen kämpfen, wäre das eine Wohltat.» Arn sagt: «Gerecht ist, wenn alle ab 62 vom Sozialwerk der AHV profitieren können und insofern die gleichen Möglichkeiten haben». Wobei ja klar sei: «Wer gesund ist und Freude hat an der Arbeit, der soll arbeiten, solange man ihn brauchen kann.»

Zudem, das sagt wieder Nyffeler, kämen frühere Pensionierungen den Jugendlichen zugute, die ja überdurchschnittlich häufig arbeitslos seien: «Mit entsprechenden Ausbildungsmodellen könnte man gerade für die schulisch Schwächeren die Chance erhöhen, dass auch sie ihr Brot selber verdienen können.»

Die Erfahrung und der Traum

Eigentlich hat René Arn geplant, bis 65 zu arbeiten. «Ich war 63, als mein Arbeitgeber 1995 aus wirtschaftlichen Gründen allen Mitarbeitenden den Lohn kürzen wollte. Ich war seit 48 Jahren im Betrieb und hatte nie mehr Lohn verlangt, als man mir gegeben hat. Aber diese Kürzung ging gegen das Selbstwertgefühl.» Er hat gerechnet, wie er die Zeit bis 65 ohne AHV und 2. Säule überbrücken könne, und er hat die Sache mit seiner Frau besprochen. Dann hat er gekündigt. «Ich habe gesagt: Lieber ein paar Franken verlieren, als vor Ärger moralisch krank werden.» Er hat es nicht bereut.

Hans Nyffeler ist 56. Um die Pensionierung konkret zu planen, sei es zu früh, sagt er, auch seine Branche sei schnelllebig geworden. Aber er hat einen Traum: «Am Anfang jenes Jahres, in dem ich im November 65 werde, möchte ich aufhören können. Wenn die Initiative nicht angenommen wird, versuche ich mir diese Monate selber zu finanzieren.» Auch ihm ist im Zweifelsfall die Gesundheit wichtiger als die volle Rente: «Ich spüre schon heute die Kniegelenke. Und je älter man wird, desto mehr Zeit braucht man, sich nach hektischen Phasen zu erholen. Einmal reicht’s.»

Nicht nur aufhören – neu anfangen!

Wichtig sei, sagt Arn, dass man sich vor der Pensionierung klar werde, was man mit seiner Zeit machen wolle: «Am Freitag aufhören und am Montag nicht mehr zur Arbeit gehen, das sollte man nicht unterschätzen.» Man müsse planen, wie es gehen solle, wenn man immer zu Hause sei: «Sonst geht einem, wenn die Frau putzt, der Staubsauger bald mehr auf die Nerven als zuvor am Arbeitsplatz der Maschinenlärm.»

Arns engagierte sich vermehrt bei der Zucht von exotischen Vögeln, die er in den siebziger Jahren begonnen hatte. Daneben sei es ja nicht verboten, ab und zu der Frau zu helfen und den Staubsauger selber in Hand zu nehmen: «Sie wird auch nicht jünger.» Zudem hat er in seiner Gemeinde für das symbolische Honorar von 300 Franken im Jahr die Überwachung einer benachbarten, fertig ausgebeuteten Kiesgrube übernommen, die ausschliesslich mit Bauschutt aufgefüllt werden darf.

Auch Hans Nyffeler ist überzeugt, dass es ihm nach der Pensionierung nicht langweilig werde: Es lese viel, er gehe gerne auf Antiquitätenmärkte «go schnöigge», zusammen mit seiner Frau unternehme er häufig Wanderungen, Zudem gebe es die Briefmarkensammlung: Seit dreissig Jahren sei er nicht mehr zum Einordnen der Jahresserien gekommen, die er immer gekauft habe. «Und wenn das Enkelkind in die Ferien kommt, ist das schon heute unser Hobby.» Überall dort, fügt Arn bei, wo es möglich sei, sei die Betreuung von Enkelkindern eine lohnende Aufgabe. «Und abgesehen davon kann man dem Staat hier auf sinnvolle Weise manches abnehmen.»

Die Chance an der Urne nutzen

Nach der Prognose für die Abstimmung gefragt, betonen beide, dass das Resultat vermutlich stark beeinflusst werde von der Reaktion der Wirtschaft auf die aktuelle Finanzkrise. Möglich sei, dass es Rezessionszeichen gebe und zu Ankündigungen von Kurzarbeit und Entlassungen komme. Arn befürchtet, dass in diesem Fall der Ausbau der AHV schlechtere Chancen habe, auch wenn er pro Arbeitnehmer und Monat nur 6 Franken 50 kostet. Nyffeler hofft umgekehrt, dass gerade ältere Berufstätige an die Urne gehen werden, die gewöhnlich zuhause bleiben, denn: «Ist es nicht attraktiv, mit dem Stimmzettel eine frühere Pensionierung zu erreichen und damit eine mögliche Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden, die in Krisen eher droht?»

 

[Kästen]

René Arn

René Arn (* 1932) war bis 1995 Schreiner in einer auf Fensterbau spezialisierten Firma. Ebenfalls bis 1995 amtete er als Präsident der GBI-Sektion Lyss; heute ist er Delegierter der Rentnergruppe Mitglied des Vorstands der Unia-Sektion Biel-Seeland. Er sagt: «Als mein Vater 1941 starb, bot die Gemeinde meiner Mutter an, ihre Kinder zu versorgen. Sie antwortete, lieber gehe sie betteln. Während der Schulzeit habe ich auf dem Bauernhof meiner Gotte für das Essen gearbeitet. Dafür konnte ich jeden Abend nach Hause. So habe ich früh gelernt, für wen man sich einsetzen muss.»

Hans Nyffeler

Hans Nyffeler (* 1952), Schreiner in einer auf Ladenbau spezialisierten Firma. In der GBI wurde er 1995 Nachfolger Arns. Heute ist er Co-Präsident der Unia-Sektion Biel-Seeland und Mitglied der paritätischen Berufskommission des Schreinergewerbes. Er sagt: «Mein Grossvater starb 1918 an der spanischen Grippe, mein Vater wurde in Huttwil verdingt. Schuhmacher durfte er nicht werden: Knecht oder Erziehungsanstalt, hiess es. Er wurde trotz allem ein wunderbarer Vater und ein stolzer Gewerkschafter. Wichtig ist, dass man nie vergisst, woher man gekommen ist.»

In der Druckversion sind die ersten drei Abschnitte als Mittelteil in den Text hineinmontiert worden. Ich biete hier die Version, die ich der Redaktion geliefert habe. – Die AHV-Initiative ist am 30. November 2008 mit 58,6 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt worden.