Die Linke wird immer siegen

Es gibt nichts Fabelhafteres als die Wahrheit: Am letzten Dienstag vor 65 Millionen Jahren gegen Abend waren zwei Dinosaurier auf dem Nachhauseweg von der Redaktion der Zeitung, in der sie Tag für Tag die Welt erklärten. Sie setzten sich vor ihre Stammbeiz, die letzthin zur Cüplibar aufgemotzt worden war und blinzelten versonnen über das friedlich sich kräuselnde Jurameer, hinter dem im milden Abendlicht himbeereisfarbig der Alpenkamm aufleuchtete.

Nachdem er mit spitzigen Lippen am Proseccoglas genippt hatte, begann schliesslich der erste der beiden Saurier und sprach: «Ohne die Vergesellschaftung der Produktionsmittel sehe ich langsam schwarz.» Darauf entgegnete der zweite: «Jetzt beginnst du schon wieder mit deinem linksradikalen Geschwätz. Nie bringen wir bei einer Volksabstimmung die Revolution durch.» – «Deshalb braucht es die Diktatur des Proletariats», brummte der erste. Drauf der zweite: «Mach dich nicht lächerlich. Wer glaubt denn heute noch an den Klassenkampf? Uns verbindet doch ein Lebensgefühl, nicht der Kommunismus. Linkssein, das ist ein Sound, verstehst du?» Und er begann dreissig Meter hinter sich dezent mit der Schwanzspitze zu wippen, so dass der Ufersand hochauf spritzte.

Nun schüttelte der erste verärgert den kleinen Kopf, schob das Beret seines Urgrossvaters, das er für proletarisch hielt, in den endlos langen Nacken und begann zu lamentieren: «Es ist nicht mehr wie früher. Auch du bist zum dekadenten Schwätzer geworden. Dabei ist es doch so, dass es genau zwei Möglichkeiten gibt: Entweder entwickelt sich der Kapitalismus gesetzmässig – und dann ist er nach den Regeln dieser Gesetze bekämpfbar, und als Folge des erfolgreichen Kampfes eine dino-gerechtere Welt herstellbar. Oder aber der Kapitalismus entwickelt sich regellos. Dann ist die Anarchie der privaten Gewinnmaximierung unser Schicksal und es genügt in der Tat, als Poplinker unter seinesgleichen im richtigen Takt mit dem Schwanz zu winken.»

Da sagte der zweite, der eben noch mitleidig grinsend in die letzten Sonnenstrahlen geblinzelt hatte, plötzlich angestrengt cool und politisch schon fast überkorrekt: «Ich glaube, da oben kommt ein Meteorit.» Worauf der erste ernstlich ungehalten wurde und antwortete: «Siehst du? Immer lenkst du ab von unserer gesellschaftlichen Bedingtheit. Als ob nicht auch dein Bewusstsein vom Sein bestimmt würde!» – «Das bestreite ich ja gar nicht», antwortete darauf der zweite und starrte ernstlich beunruhigt in den sich verdunkelnden Himmel hinauf.

Nun, 65 Millionen Jahre später – da es keine Dinosaurier mehr gibt, dafür fast nur noch Linke, so weit das Auge in den Cüplibars reicht – entfaltet sich die Moral von der Geschichte langsam zu tröstlicher Einsicht und Lehre: Die Linke wird immer siegen, denn die Einbildung überdauert selbst das Geschlecht. Falls du aber das nächste Mal aus der Cüplibar kommst, tu ganz schnell etwas Mutiges. Viel Zeit bleibt nicht, der nächste Meteorit ist schon im Anflug.

Dieser Text entstand für ein Projekt der WoZ-Redaktion, das von Urs Bruderer und Constantin Seibt geleitet wurde. Nachdem mein Beitrag als ungeeignet abgelehnt worden war, verlor ich das Interesse an der weiteren Mitarbeit. Darum blieb er unveröffentlicht liegen.