Die Kultur der Autonomie. Und danach?

Der Zürcher Schauspielhaus-Direktor Christoph Marthaler zum Beispiel lässt in seinem Projekt «Spezialist» einen Schauspieler seitenweise bierernst Marx rezitieren. Oder Meret Matter, Mitbegründerin des autonomen Reitschul-Theaters «Club 111» in Bern, inszeniert Gottfried Kellers Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe» – Premiere ist im Zürcher Schauspielhaus. Irgendwie ist heute eben alles Alternativkultur. Oder Subkultur? Oder wäre hier Gegenkultur richtig? Wird die Welt unübersichtlich – dies die erste Vermutung –, liegt das entweder an der Welt oder an den Begriffen, mit denen man über sie redet.

Plattenweg und Poesie

Ein sauber gepflügtes Feld zum Beispiel ist eine kulturelle Leistung. Oder der alte Plattenweg durch einen Tessiner Kastanienwald. Oder der renaturierte Bach zwischen Agglomerationsbeton. Kultur von lateinisch «colere»: pflegen, hegen, anbauen; daraus: agricultura. Der römische Philosoph Cicero, sagt man, habe als Erster den Begriff auch auf die Pflege menschlicher Fähigkeiten, die Bildung von Seele und Geist, übertragen (cultura animi). Der bürgerlich-humanistische Kulturbegriff der Aufklärung dann als Zusammenzug beider Aspekte: Kultur ist, was der Mensch in seiner Umwelt oder in seiner eigenen Entwicklung dem natürlichen Zustand hinzufügt: Plattenweg und Poesie.

Oder: Kultur ist Teil jeder ökonomischen Gesellschaftsformation; in der jeweils konkreten Ausformung determiniert durch die ökonomische Struktur der betreffenden Gesellschaft. Zwischen Gesellschaftsformation, Kultur, Ideologie und Lebensweise bestehen vielfältige, dialektische Wechselbeziehungen. Klassengesellschaften implizieren Klassenkulturen.

Oder: Kultur als das komplexe Ganze, das Wissen, Kunst, Glauben, Moral, Recht, Brauch und alle anderen Fähigkeiten einschliesst, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat – Kultur als Resultat des Sozialisationsprozesses.

Zweite Vermutung: Es gibt verschiedene diskutable Definitionen von «Kultur» – die bornierteste ist die, die Kultur auf die Diskussion künstlerischer Produktion reduziert.

Unvernünftige mikrosoziale Netze

Anfang der siebziger Jahre hat Rolf Schwendter eine kultursoziologische «Theorie der Subkultur» geschrieben. «Subkulturen», definierte er, seien solche, die «sich in [ihren] Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungsystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmass von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft» unterscheiden würden. Im Spannungsfeld von Integration und Desintegration, von Anpassung und Widerstand unterschied er freiwillige und unfreiwillige, progressive und regressive Subkulturen – eine unfreiwillige wäre zum Beispiel eine von stigmatisierten Psychiatrieüberlebenden, eine regressive die von neonazistischen Jugendlichen.

Im konkreten Einzelfall sind Subkulturen mikrosoziale Netze, deren «Subkulturhaltigkeit» sich aus den Antworten auf folgende Fragen ergibt: Erschliesst sich der sinnhafte Antrieb der Struktur vorab aus künstlerischen Produkten oder aus ihrem Entwicklungsprozess? Ergibt sich die Identität der Leute aus mitbestimmten Normen und Werten oder werden herrschende übernommen? Wird über die bestehenden Medien mit der Öffentlichkeit oder über selber aufgebaute mit einer Gegenöffentlichkeit kommuniziert? Ist die Selbststrukturierung formell oder informell, stabil oder instabil, spontan oder gesteuert? Welche Rolle spielt das im konkreten Netz verwendete Geld? Die jeweilige «Subkulturhaltigkeit» ergibt sich aus der Distanz zur dominierenden Kultur, die sich idealtypischerweise primär aus ihren Produkten erschliesst; herrschende Werte und Normen transportiert und über die grossen Medien kommuniziert, formell organisiert und stabil institutionalisiert ist und mit dem Geld ein Budget bestreitet, nicht den Aufbruch in eine andere Welt.

Wenn die NZZ am 19. März 2001 über eine öffentliche Kulturdiskussion zur Politik des Schauspielhauses berichtet und anmerkt: «Wiederholt wurde dabei Zweifel darüber geäussert, ob man Subkultur im hoch subventionierten Schauspielhaus überhaupt ernst nehmen könne», dann sind diese Zweifel – das die dritte Vermutung – in der Tat ernst zu nehmen.

Gegenkultur und Alternativkultur

Um 1968 begannen sich die Jugend-Subkulturen der hochindustrialisierten Länder stärker zu organisieren. Mit gegenkulturellen Strukturen hoffte man Inseln einer utopischen Zukunft zu schaffen, die die herrschenden Verhältnisse durchsetzen und schliesslich zersetzen würden. Es entstanden «Gegen-Universitäten», eine «Untergrund-Presse» für «Gegen-Öffentlichkeit», man experimentierte mit der Abschaffung des Privatbesitzes, betrieb «Selbstversorgung» und wohnte in «Kommunen». 1969 schrieb der Soziologe Walter Hollstein: «Fernziel der Untergrund-Anhänger ist eine libertäre Gesellschaft, Nahziel eine Gegen-Gesellschaft.»

Die Diskussion um diese Gegenkultur radikalisierte auch in der Schweiz die Auseinandersetzungen um den Ort des selbstbestimmten Lebens. Hatten sich die Subkulturen der fünfziger und sechziger Jahre noch Lokalitäten zu mieten versucht, wurden nun Liegenschaften besetzt als «autonome» Wohn- und Kulturräume und gegen die Ordnungsmacht des Staats symbolisch verteidigt. Einer der ersten solchen Besetzungen war 1970/71 jene der «Autonomen Republik Bunker» in Zürich – «ein lausiges, dreckiges, aber freies Stückchen Erde», wie es damals in einem Flugblatt hiess, «das wir verteidigen wollen und auf dem wir gemeinsam ein menschliches Zusammenleben erreichen wollen». 1980/81 erstritt die «Jugendbewegung» mit gleichem Ziel in mehreren Schweizer Städten «Autonome Jugendzentren». 1986 schrieben die BewohnerInnen der Wohnwagen- und Zelt-Siedlung Zaffaraya in Bern in einem Manifest: «Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben.»

Obschon die «rechtsfreien» gegenkulturellen Inseln nie ein systemsprengendes Netzwerk zu bilden vermochten, entstand in ihrem Umfeld eine Kultur mit neuen Arbeitsplätzen und Wohnformen, Schulen und Medien, mit «alternativer» Landwirtschaft, Freizeitgestaltung und Kunst. Wenn heute weder «Gegenkultur» noch «alternative Kultur» mehr klar umreissbar sind, dann aus entgegengesetzten Gründen: Während der Kampf der ersteren längst verloren ist, war der Erfolg der letzteren durchschlagend. Heute gibt es – dies die vierte Vermutung – keine «Alternativkultur» mehr, weil sie zur reformierten herrschenden geworden ist und es immer schwieriger würde zu sagen, wozu sie heute die Alternative wäre.

Von der «affirmativen» zur «autonomen» Kultur

Bereits 1995 sprach Eric Hobsbawm in seinem Buch «Das Zeitalter der Extreme» vom «kurzen 20. Jahrhundert» zwischen 1914 und 1991. Es war also schnell unbestritten: Zu Beginn der neunziger Jahre hat eine Zeitenwende stattgefunden. Die realsozialistischen Länder Osteuropas sind kollabiert; die elektronische industrielle Revolution globalisierte die Weltwirtschaft und der sogenannte Neoliberalismus veränderte die herrschende Kultur mehr als die sogenannte Postmoderne. Diese überbaute die Zeitenwende mit schillernder Artistik, die alles zu sein vorgab ausser dem, was sie war: alternativlose Kunst am Bau der herrschenden Verhältnisse. Ist es so?

1937 schrieb der Philosoph Herbert Marcuse einen Essay über den Begriff der «affirmativen Kultur», mit der «das Bürgertum» seit dem 19. Jahrhundert «auf die anklagenden Fragen» geantwortet habe: «[Affirmative Kultur] ist in ihren Grundzügen idealistisch. Auf die Not des isolierten Individuums antwortet sie mit der allgemeinen Menschlichkeit, auf das leibliche Elend mit der Schönheit der Seele, auf die äussere Knechtschaft mit der inneren Freiheit, auf den brutalen Egoismus mit dem Tugendreich der Pflicht.» Während Marcuse damals zum Schluss die Hoffnung auf eine «nicht-affirmative Kultur» aussprach, entwickelte sich die herrschende unter dem Druck von Kriegen, Wirtschaftskrisen und der totalitären Systeme in gegenteiliger Richtung. «Affirmative» Kultur radikalisierte sich zu «hagiolatrischer», die das Unrecht der Welt nicht mehr hinter dem Ideal menschlicher Tugendhaftigkeit verschwinden liess, sondern dieses Unrecht in heilige Notwendigkeit umlog und dafür Menschenopfer forderte und rechtfertigte.

Die Hegemonie dieser Kultur brach 1945 zusammen, in Restbeständen hielt sie sich aber bis 1968 – im Umfeld der antikommunistischen Geistigen Landesverteidigung auch in der Schweiz. Die neue, in der ästhetischen Moderne verwurzelte kulturelle Elite jedoch sprach von 1945 als von einem «geistigen Nullpunkt», von dem aus neu habe begonnen werden müssen. Hatte in der «hagiolatrischen Kultur» kein Weg an der Verherrlichung von Vaterland und Volk vorbei geführt, dann seit 1945 keiner mehr an deren Negation. Max Frisch, der diese Wende zur neuen Kultur in der Schweiz exemplarisch mitvollzog, beschrieb 1954 in seinem Roman «Stiller» einen Mann, der, auch als Staatsbürger, grundsätzlich bestritt, sich selbst zu sein: Das Individuum war bis zur Verweigerung der eigenen Identität für Volk und Vaterland nicht mehr verfügbar. In der Kultur, die sich seither entfaltet hat, sollten Erziehungsformen «antiautoritär», Diskurse «herrschaftsfrei» und Kunstwerke so gut wie kollektive Lebensgemeinschaften «autonom» sein. «Subkultur», «Gegenkultur» und «Alternativkultur» – wie sie hier skizziert wurden – sind Teile einer gegen die radikalisierte «affirmative Kultur» gerichteten «autonomen Kultur».

Vor diesem Hintergrund lautet die fünfte Vermutung, dass die «Kultur der Autonomie» um 1990 an ihre Grenzen gekommen ist. Vollständige Autonomie hiesse ja nichts anderes als «vollständige Desintegration», die, so Rolf Schwendter, «nur um den Preis einer Isolation» möglich wäre, «die eine Wirkung zur grundsätzlichen Veränderung der Gesamtgesellschaft so gut wie unmöglich macht». Die «Kultur der Autonomie» stirbt in letzter Konsequenz den «kommunikativen Tod» (Ferruccio Rossi-Landi).

Kaum drei Wochen vor seinem Tod schrieb Max Frisch im Zusammenhang mit dem sogenannten «Kulturboykott» an den damaligen Delegierten für die eidgenössische 700-Jahr-Feier, Marco Solari, die Schweiz sei ein «verluderter Staat – und was mich mit diesem Staat heute noch verbindet: ein Reisepass (den ich nicht mehr brauchen werde)». Das war – im März 1991 – die endgültige Absage der «Kultur der Autonomie» an die Schweiz.

Die Kultur des Gutmeinens

Wenn aber die «Kultur der Autonomie» als Befreiungsversuch von der hagiolatrischen Umklammerung zu deuten wäre, wie dann die seither entstandene?

Seit 1945 war es eine ausgemachte Sache, dass nur zu mehr Autonomie führende kulturelle Impulse emanzipative seien. Wer das heute noch behaupten wollte, müsste auch erklären können, was an sozialer Desintegration bis hin zum «kommunikativem Tod» emanzipativ sein soll. Diese Frage interessiert die heute jungen Kulturschaffenden nicht: Sie beginnen zu arbeiten und tun, was sie interessiert. Abzuzeichnen beginnt sich so ein neuerlicher Perspektivenwechsel: Kultur scheint sich wieder vermehrt auf die Suche zu machen nach einer irgendwie gearteten Gemeinschaftlichkeit: Bürgerschreckende Konfrontation wird zusehens überlagert von mehrfach konnotierter Kommunikation, die sich darum bemüht, von verschiedenen Positionen her irgendwie verstanden werden zu können. Für dieses Ideal der Gemeinschaftlichkeit stehen aber nicht mehr Begriffe wie «Volk» und «Vaterland», sondern zum Beispiel die demokratische, diskutierende und partizipierende Bürgergesellschaft, die unter dem Begriff der «Zivilgesellschaft» verstanden wird. In ihr braucht es keinen antagonistisch gespaltenen Kulturbetrieb mehr, der als «bürgerlicher» jene «Affirmativität» produziert, die er als «alternativer» demonstrativ verweigert. Zivilgesellschaftliche Kultur möchte eine sein des gemeinschaftlichen vernunftbegabten Gutmeinens.

Kultur sei alles, definiert die Berner Stadtregierung in den seit 1996 geltenden kulturpolitischen Grundsätzen mit einer Formulierung des Europarats, was dazu führe, «dass der Mensch seine Lage besser begreift, um sie unter Umständen verändern zu können». Kultur sei alles, könnte das zynisch heissen, solange sich nichts verändere. Aber auch: Kultur als aufklärerische Einladung, das eigene Handeln auf informierte Vernunft zu stellen. Oder existentialistisch: Kultur sei das Ensemble aller möglichen Hilfestellungen, die dem zur Freiheit verdammten Menschen zur Verfügung stünden vor dem einsamen Augenblick der Wahl seines Handelns – Kulturarbeit insofern als «Dekonstruktion» von ideologischen Kulissen vor der Wirklichkeit und als Aufforderung zum selbstbestimmten, ethisch verantworteten Handeln. Denn solches Handeln – dies die sechste Vermutung – tut not. Noch ist das Ideal der Zivilgesellschaft nur eine Fata morgana über der Wüste des Markts.

Der Titel in der Roten Revue hat gelautet: «Was kommt nach dem Ideal der Autonomie?»