Die kleine Blasmusik

Punkt 9.45 Uhr wird sich auch in diesem Jahr in Bern der 1. Mai-Umzug in Bewegung setzen. Vom Zytglogge bis hinunter zur Kreuzgasse unterbrechen dann die Pflegefachfrauen und Drucker, die Maurer und die Busfahrerinnen, all die Roten und Grünen ihre bunten Gespräche. Unter den Klängen, mit denen in diesem Augenblick die «Blasmusik Bern» die Hauptgasse hinunter zum Abmarsch mahnen wird, werden die Piccolotöne der Flötenspielerin Monika Aeberhard die höchsten sein.

Während sie jetzt in ihrer Wohnung in Münchenbuchsee erzählt, blättert sie in einer Jubiläumsschrift aus dem Jahr 1994. Gegründet wurde die «Arbeitermusik der Stadt Bern» 1919 von einigen Sozialdemokraten aus dem Länggassquartier. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Verein zuerst eine Blütezeit, später zunehmend wechselvolle Jahre. Auf den 1. Januar 1977 ersetzte man den Begriff Arbeitermusik durch Blasmusik (2003 wurde der Name auf «Blasmusik Bern» verkürzt). Mit dem neuen Namen solle hervorgehoben werden, teilte man damals der Presse mit, dass es noch vermehrt darum gehe, «die gute Blasmusik zu fördern und in breite Volkskreise hinauszutragen». Zugleich wurde betont: «Immer blieb der Verein der Arbeiterbewegung treu, und an diesem Grundsatz wird auch in der Zukunft nicht gerüttelt.»

Verschiedene Teilzeitarbeiten

Als Mutter zweier halbwüchsiger Kinder arbeitet Monika Aeberhard zurzeit einen Tag auswärts, und zwar als medizinische Sekretärin im Inselspital Bern auf dem Sekretariat der Frühgeborenenabteilung. Zudem schreibt sie medizinische Berichte für die Abteilung Lungenkrankheiten der Kinderklinik: «Dieses Hin-und-her-Switchen ist sehr interessant, man muss einfach flexibel und offen sein.»

In den sechs Ferienwochen ihrer Kollegin im Neonatologie-Sekretariat stockt sie ihr Arbeitspensum jeweils auf 60 Prozent auf. Die zusätzliche Abwesenheit von zuhause führe manchmal zu Organisationsproblemen, denn ihre Kinder sollen nicht darunter leiden: «Zum Glück wohnen meine Schwiegereltern im Dorf.» Längerfristig möchte sie wieder stärker in den Beruf einsteigen, aber vorläufig sei das nicht möglich. Einerseits weil ihr Ehemann in einer leitenden Funktion arbeite, in der Teilzeitarbeit nicht möglich sei; andererseits weil ihr Engagement in der «Blasmusik» weit über das Mitspielen hinaus geht: Sie ist der «Musikobmann» des Vereins.

Arbeit hinter den Kulissen

Ob Obmann oder Obfrau, das Wort bedeutet so oder so viel Arbeit im Hintergrund: Zusammen mit der Musikkommission hat sie die Verantwortung dafür, was gespielt wird. Sie leitet die Kommissionssitzungen, sitzt im Vereinsvorstand, ist Ansprechperson für die Aktiven; zuständig für den Probenplan, für Uniformfragen, für die Stückauswahl bei Konzerten. Und sie ist immer wieder verantwortlich dafür, dass genügend Aktive verfügbar sind beim nächsten Auftritt.

Von den Wurzeln in Partei und Gewerkschaften merke sie kaum mehr etwas, sagt Monika Aeberhard, obschon der Verein fast nur noch aus langjährigen Aktiven bestehe. Ein grosser Teil sei zwischen 50 und 65 Jahren alt; Werbung neuer Mitglieder sei frustrierend. Wer Blasmusik spielen wolle, gehe heute eher in eine Guggenmusik. Zurzeit besteht die Blasmusik der Stadt Bern aus rund 30 Aktiven, davon fünf Frauen. Verschiedene Register sind nur noch minimal besetzt, bei Auftritten spielen häufig Aushilfen mit. Sie selbst bildet das Querflötenregister allein. Zudem ist der Verein im Moment auf Dirigentensuche.

Das Übungslokal im Hochfeldschulhaus sei ja zum Glück billig, sagt Aeberhard, aber dass es während der 16 Wochen Schulferien nicht genutzt werden dürfe, sei eine Schikane. Die Suche nach Ausweichlokalen werde immer schwieriger. Zudem sei ihnen verboten worden, dass auf dem abends leeren Pausenplatz die Autos parkiert werden dürfen. Wenn sie mit ihrem Wohnort vergleiche, sei Bern für einen Musikverein ein hartes Pflaster: In Münchenbuchsee habe die dortige Arbeitermusik ein komfortables Probenlokal mitten im Dorf, und gebe sie Konzerte, seien die meist ausverkauft. Kein Wunder habe dieser Verein 56 Mitglieder.

Monika Aeberhard wird trotzdem weiterhin für die Blasmusik kämpfen: Sechzig Proben im Jahr, dazu jeweils das Musiklager auf dem Jaunpass, der Lottomatch zugunsten der Vereinskasse, die Konzerte und Engagements, das alles schmiedet zusammen. Sie hat auch den Auftritt vom 1. Mai wieder organisieren können, auch wenn er wegen des knappen Personalbestands «auf Messers Schneide» gestanden sei. Wie es nächstes Jahr gehen wird, werde man sehen. Übrigens: Ihr Vater Fritz, der vor langer Zeit aus Österreich kommend in Bern Arbeit gefunden hat, spielt in der Blasmusik Tenorhorn. Für den 70-Jährigen wird der diesjährige 1. Mai ein ganz besonderer Auftritt: Zum fünfzigsten Mal marschiert er beim Berner Umzug vorneweg.

 

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Die Wiedereinsteigerin

Ursprünglich hat Monika Aeberhard (* 1963) Kleinkindererzieherin und Kinderpflegerin gelernt. Ihre erste Arbeit findet sie auf der Wochenbettabteilung des Lindenhofspitals, danach in einer Zürcher Familie mit vier Kindern. Anschliessend absolviert sie in der Handelsschule Olten eine KV-Ausbildung und arbeitet vier Jahre auf der damaligen Volksbank in Olten. Nach der Heirat und der Geburt von Yves (12) und Pascale (9) legt sie eine Berufspause ein.

Im Jahr 2000 bildet sie sich dann zur medizinischen Sekretärin weiter und wird Praxissekretärin einer Psychiaterin. Heute arbeitet sie im Stundenlohn zu 20 Prozent im Sekretariat der Frühgeborenen-Abteilung (Neonatologie) des Inselspitals in Bern. Sie ist in keiner Gewerkschaft, lebt mit ihrer Familie zehn Kilometer von Bern in Münchenbuchsee. Als Hobby nennt Monika Aeberhard zuerst die Musik – auch über ihr Engagement in der Blasmusik der Stadt Bern hinaus: Neuerdings lernt sie Saxophon.