Die flinke Linke

«Immer wieder fragen mich Leute, ob es im Winter nicht zu kalt sei, um als Velokurierin unterwegs zu sein. Drauf kann ich nur antworten: Warm aaziehe und trampe!», sagt Anja Recher. Warm anziehen? Sie beginnt aufzuzählen: zwei Paar Socken, Fahrradschuhe, darüber wind- und wasserdichte Neopren-Überschuhe; dann lange Velohosen und Stulpen, drüber dreiviertellange dicke Arbeiterhosen; ein T-Shirt, ein langärmliges Tricot, ein Faserpelzgilet, ein normales Tricot, einen Kaputzenpulli und allenfalls eine Goretex-Jacke. Schliesslich dicke Handschuhe, eine Mütze, den Helm und gegen die kalte, trockene Luft eine Schicht Vaseline übers Gesicht, sonst reissen Haut und Lippen. «Aber sonst ist alles wie immer. Wir fahren bei jedem Wetter, auch wenn die ganze Stadt im Neuschnee stillsteht.» Markenzeichen des Kurierdiensts: der vorbeifliegende leuchtend gelbe Rucksack im Stossverkehr.

Die Kurier-Community

Anja Recher arbeitet bei der Genossenschaft «Veloblitz». 1989 gegründet ist sie eine der ältesten Kurierfirmen der Schweiz. Ihren Sitz hat sie an der Hardstrasse 81 im Zürcher Kreis 4: Neben dem Büro des Disponenten, der über Funk die Aufträge weitergibt, findet sich hier ein hallenartiger Raum, halb Wohngemeinschaftsstube mit Polstersesseln, halb Velowerkstatt. Hier lässt sich gut plaudern.

Gearbeitet wird in Halbtagesschichten. Pro Schicht fahren die Kurierinnen und Kuriere – davon rund ein Drittel Frauen – im Schnitt 60 bis 80 Kilometer bei einem umsatzabhängigen Lohn von rund 100 Franken. Mehr als 4000 Franken brutto sind hier mit Vollzeitarbeit kaum zu verdienen. Auch weil die Zeiten härter geworden sind: Ende der neunziger Jahre habe es noch «Aufträge en masse» gegeben, und der Lohn pro Schicht sei höher gewesen. Seither hat die E-Mail-Übermittlung von Dokumenten zu Auftragseinbrüchen geführt. Trotzdem ist die Arbeit vielfältig geblieben: Neben den Einzelaufträgen macht «Veloblitz» zum Beispiel den Lieferservice von Menus für ein Restaurant, leiht jemanden an ein Spital aus oder beliefert die Restaurants der Stadt mit Gratiskarten und Plakaten der Kinos.

Gewerkschaftlich gesehen ist Anja Recher eine der höchsten Velokurierinnen der Welt. Denn als eine von drei Frauen gehört sie – zusammen mit zwei Männern – dem Vorstand der weltweiten Kuriergewerkschaft «International Federation of Bike Messenger Associations» (IFBMA) an. Diese Gewerkschaft verbindet das Schöne mit dem Nützlichen, indem sie alljährlich zur Kurier-Weltmeisterschaft lädt. «Das sind meine Ferien», schwärmt Recher, obschon in diesen Tagen auch zwei Mitgliederversammlungen der IFBMA mit Traktanden auf dem Programm stehen, die nicht nach Ferien tönen: Unterstützung der Kuriere in den ärmeren Ländern nebst ihrer fachlichen und juristischen Beratung; standespolitischer Schutz des Titels «Kurier»; Ausbau der Netzwerke in Südamerika, Asien und Afrika; die Wahl der Stadt, in der die nächste WM ausgetragen werden soll etc.

Nachmittags die Politik

Gewöhnlich fährt Anja Recher die Vormittagsschicht. Nachdem sie geduscht und gegessen hat, beginnt ihr zweiter Beruf: Sie ist Parlamentarierin der Alternativen Liste (AL) im Gemeinderat der Stadt Zürich. Sie hat als Co-Fraktionschefin jede zweite Fraktionssitzung zu leiten und ist Mitglied der parlamentarischen Sozialkommission. Daneben befasst sie sich vor allem mit Verkehrspolitik und Gleichstellungs- respektive Genderfragen. «Es gibt allerdings viele Themen, bei denen ich nicht aufs Maul hocken kann», sagt sie. Etwa wenn die SVP im Parlament eine ihrer Dreckkampagnen gegen Migranten und Migrantinnen vorträgt.

Bei den Wahlen vom 12. Februar 2006 will sie sich nicht nur als Parlamentarierin bestätigen lassen. Sie kandidiert auch für einen Sitz in der Stadtregierung. Nachdem sich die SP bei verschiedenen Geschäften immer stärker vom Freisinn «unter dem Arm nehmen» lasse, brauche Zürich «eine starke Korrektur von links», sagt sie. Klar sind die Chancen, dass sie gewählt wird, nicht gross. Aber der Wahlkampf ist für sie eine spannende Erfahrung: Zusammen mit den Kandidierenden anderer Parteien sitzt sie in diesen Tagen auf Podien und vertritt ihr Sicht der Dinge.

«Als Kind habe ich einen Schulaufsatz schreiben müssen darüber, was ich einmal werden möchte. Ich schrieb: Bundesrätin oder Velomech», erzählt sie. Kein Wunder, dass ihr das zeitraubende politische Engagement wichtiger ist, als eine sichere Anstellung als Heilpädagogin – in jenem Beruf, den sie studiert hat. «Die Politik gebe ich nicht auf, sie hat Vorrang», sagt sie. Und verdient dafür ihren Lebensunterhalt als Kurierin auf Zürichs Strassen.

 

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Viel Arbeit – wenig Geld

Aufgewachsen ist Anja Recher (30) in Zürich Schwamendingen. Kurz nach dem Maturaabschluss beginnt sie im September 1996 als Velokurierin zu arbeiten, zuerst in Zürich, später in Bern. Nach Bern zieht sie, weil sie seit 1999 an der Universität Fribourg klinische Heilpädagogik und Sozialpädagogik studiert. 2003 schliesst sie mit einem Diplom ab.

Nachdem sie Anfang 2004 auf der «Alternativen Liste» (AL) in das Parlament der Stadt Zürich nachgerutscht ist, zieht sie auf 2005 wieder nach Zürich und arbeitet als Kurierin wieder für den «Veloblitz».

In den Wahlen vom 12. Februar kandidiert sie mit einer Kollegin und zwei Kollegen der AL/PdA-Fraktion für einen Sitz in der Stadtregierung. Ihr Einkommen schätzt sie auf monatlich weniger als 3000 Franken: «Es kann zwischendurch auch bloss 2500 oder 2000 sein.» Sport sei ihr Leben, sagt sie, neben dem Velofahren insbesondere Snowboarden und Schwimmen.

Ich habe den Beitrag  prospektiv auf den bevorstehenden 12. Februar 2006 formuliert. Aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnere, ist der Beitrag um eine Nummer, also um vierzehn Tage geschoben worden, weshalb in der Druckversion alle Passagen, die sich auf den Wahltag beziehen, in die Vergangenheit gesetzt und entsprechend angepasst werden mussten. Da mir die ursprüngliche Version besser gefällt, dokumentiere ich diese (Anja Recher – seit Sommer 2008 Alecs Recher, siehe auch seinen Wikipedia-Eintrag – ist damals als Stadtparlamentarierin wiedergewählt worden).