«Die beste Kuh im Stall behält man»

In der Abenddämmerung stellt sich Jessica Wenger bei einigen Graden minus im orangen Faserpelz vor die riesige blaue Leuchtreklame «Power for people». Für den work-Fotografen Patric Spahni, aber auch für sich selbst: Sie arbeitet gerne hier, an der Industriestrasse in Thun. Die Leuchtreklame hängt an der stadteinwärts gerichteten Schmalseite des strengen Kubus, in dem sich der Geschäftssitz der Energie Thun AG befindet. «Power for people», steht da – ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Service public: Hier garantiert man Strom, Wasser und Erdgas für rund 42’000 Menschen ihn Thun und Umgebung. Die Firma ist mit rund 90 Angestellten ein kleiner Player auf dem Strommarkt, aber selbständig und rentabel. 2007 erhielten die Aktionäre eine Dividende von 5,75 Prozent.

Nicht alle lieben «Power for people»: Im Dezember 2005 reichte die SVP-Fraktion im Stadtparlament ein Postulat ein mit dem Titel «Verkauf von Anteilen der Stadt Thun an der Energie Thun AG». Der Vorstoss wurde angenommen, die defizitgeplagte Stadtregierung sah Geld und sondierte die Nachfrage. Die Bernischen Kraftwerke (BKW) boten für 49 Prozent der Energie-Thun AG-Aktien 75 Millionen Franken. Gegen diesen Handel ergriff der Gewerkschaftsbund Thun das Referendum, weil er gegen steigende Energiepreise und gegen eine unnötige Gefährdung sicherer Arbeitsplätze ist. Die Abstimmung findet am 8. Februar statt und ist in Thun zurzeit Stadtgespräch Nummer eins.

Kleinarbeit am Telefon

Jessica Wenger gehört über einen telefonischen Ringruf zu jenem Beratungsteam, das die Stromprodukte der Energie Thun AG anbietet: den billigen AKW-«Graustrom», den «Blaustrom» aus 95 Prozent Wasserkraft, den «Thuner AAREStrom», den «Thuner Solarstrom» uns – aus den letzten beiden – einen «Öko-Mix».

Die Hauptarbeit allerdings leistet sie im Kundendienst. Oft eine knifflige Kleinarbeit, die Konzentration und Gespür verlangt. Mit übergestülptem «Headset» – einem Kopfhörer mit Mikrofon –  bespricht sie am Telefon den konkreten Fall und holt gleichzeitig die Daten der Kundschaft auf den Bildschirm. Häufig geht es um Umzüge: Kundendaten müssen geändert, Zählerstände im richtigen Moment abgelesen, Schlussrechnungen verschickt werden.

Sie befasst sich aber auch mit Fragen über den Härtegrad des Thuner Wassers, wenn jemand eine neue Waschmaschine kaufen will oder mit Reklamationen – etwa über die um zehn Franken gestiegene monatliche Grundgebühr für Gasanschlüsse. Bisher hat sie einmal einem Kunden sagen müssen, wenn er sich nicht mässige, müsse sie ihm das Telefon aufhängen. Im Durchschnitt aber ist die Kundschaft höflich, und ab und zu gehe es am Telefon richtig lustig zu, erzählt sie: Etwa, wenn ältere Leute ins Erzählen kommen über ihre LWW, die Licht- und Wasserwerke, wie die Energie Thun AG seinerzeit geheissen hat.

Arbeiten ohne Stoppuhr

Beim Kundendienst der Energie Thun AG ist man zu viert. Der neue Leiter ist von der grossen BKW gekommen und wenn er erzählt, wie der Kundendienst dort funktioniert, möchte Jessica Wenger nicht tauschen: «Dort arbeitet man in einer Art Callcenter mit Zeitvorschriften.» Klar weiss sie, dass vieles lockerer läuft, weil die Energie Thun AG (Umsatz 2007: 58,7 Millionen Franken) fast fünfzig Mal kleiner ist als die BKW (Umsatz 2007: 2813,9 Millionen Franken). Aber die Kundschaft schätze es eben, wenn man sich für sie Zeit nehme. Abgesehen davon sei Thun eine kleine Stadt: «Bekannte am Telefon abzuklemmen, könnten wir uns gar nicht leisten.» Dabei sei es nicht so, dass man den Tag am Telefon verplaudere: «Me het’s im Määs.» Der Arbeitsplatz gefällt ihr: «Ich war schon als Stiftin mit den meisten Duzis, auch gibt es viele junge Kolleginnen und Kollegen, und nächstens findet ein Firmenausflug statt. Es gibt frischen Wind hier – nicht nur bei den Stromprodukten!»

Der geplante Teilverkauf der Energie Thun AG ist seit letztem Sommer immer wieder Thema an der Industriestrasse: Medienmitteilungen und Statements der Firmenleitung erhält Jessica Wenger auf das Mail, in der Cafeteria wird diskutiert, vor allem mit Besucherinnen und Besuchern. «Oft werde ich auch von den Kunden am Telefon oder von Bekannten auf der Strasse ausgefragt. Dann sage ich, dass ich gegen den Verkauf sei.» Ihr Hauptargument: «Man verkauft einfach nicht die beste Kuh im Stall.» Und: «Zudem würden, nach allem, was ich weiss, die Energiepreise steige. Und was die Arbeitsplätze betrifft, ist von frühzeitigen Pensionierungen und davon die Rede, dass einige von uns im AKW Mühleberg weiterarbeiten müssten.» Ein Arbeitsweg, den sich hier niemand wünscht – nicht nur, weil er umständlich wäre.

Die Stimmenden der Stadt Thun haben am 8. Februar 2009 den Teilverkauf der Energie Thun AG mit 84,3 Prozent der Stimmen abgelehnt. 

 

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Country-Philosophin

Jessica Wenger wird im Juli 20 und ist in Thun, Steffisburg (BE) und in Locarno (TI) aufgewachsen. Die dreijährige Lehre als kaufmännische Angestellte hat sie bei der Energie Thun AG gemacht, dazu berufsbegleitend die Berufsmaturitätsschule. Im Sommer 2008 hat sie das KV abgeschlossen, die Matur hat sie allerdings nur bei den Sprachen (englisch und französisch) geschafft: «In der Buchhaltung bin ich gescheitert.»

Ihre Befürchtung, nach dem Lehrabschluss gehen zu müssen, weil keine Stelle offen sei, war unbegründet: Sie konnte vorerst befristet weiterarbeiten, ab April 2009 erhält sie nun eine unbefristete Stelle.

Im Moment verdient Jessica Wenger für ihre Vollstelle 3900 Franken brutto (die definitive Stelle wird auch eine Lohnerhöhung bringen). Sie ist in keiner Gewerkschaft und lebt halb bei ihrem Vater in Thun, halb bei ihrem Freund in Fahrni ob Steffisburg. Die Country-Kultur, insbesondere die Musik, bezeichnet sie als ihre «Lebensphilosophie». Ihr grosser Wunsch ist es, irgendeinmal Nordamerika zu bereisen.