Der Stunden-General

Am 26. Juni wird auf dem Platzspitzareal beim Zürcher Hauptbahnhof zum «5. Lauf gegen Rassismus» gestartet. Hinter der Veranstaltung stehen die Unia Zürich, der Gewerkschaftsbund, das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH, das Sans-Papiers-Kollektiv Zürich und der Solidaritätsfonds für soziale Befreiungskämpfe in der 3. Welt, der so genannte Solifonds. Organisiert wird der Lauf im dritten Stock der GDZ-Druckerei neben dem Bahnhof Zürich-Manegg.

Hier hat Bruno Lafranchi sein Büro. Von Beruf ist er Manager des Zürich Marathons und des Silvesterlaufs, der zwei grössten Zürcher Laufsport-Events. Von diesen Grossaufträgen lebt er, für den «Lauf gegen Rassismus» arbeitet er ehrenamtlich: «Ich helfe mit, weil ich die Kontakte habe, um das nötige Material für diesen Sponsorenlauf möglichst billig oder kostenlos zu bersorgen.» Das Sponsorengeld kommt der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich zugute. Ein guter und notwendiger Verwendungszweck: Ende April hat eine Studie des Bundesamts für Migration festgestellt, dass im Kanton Zürich «gegen 20’000 Sans-Papiers» leben.

Lafranchi ist dafür verantwortlich, dass sämtliches Material zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereit steht: Er sorgt für die Streckenmarkierungen und die Lautsprecheranlage; er schaut, dass beim benachbarten Landesmuseum der Strom angezapft werden darf; er sorgt dafür, dass die Getränke bereitstehen und dass die 600 Meter lange Strecke, die in 55 Minuten möglichst oft umrundet werden soll, korrekt ausgesteckt ist.

Lafranchis beide grossen Kisten

Nehmen beim Lauf gegen Rassismus einige Hundert Läufer und Läuferinnen teil, so sind es beim Zürich Marathon 7’000 bei einem Budget von 2,5 Millionen Franken, beim Silvesterlaufs rund 17’000 bei einem Budget von knapp einer Million. Bei beiden Läufen lautet die amtliche Bewilligung auf Lafranchis Namen. Wenn etwas passiert, haftet er.

Kompliziert ist insbesondere die Vorbereitung des Zürich Marathon, für den über Stunden die Hauptstrasse zwischen Zürich und Meilen gesperrt werden muss: «Das braucht viele Helfer, viele Ansperrgitter, ein Grossaufgebot der Polizei – und es kostet.» Nicht zuletzt deshalb, weil die städtischen Ämter in den letzten Jahren zu Profitcentern gemacht worden sind. Früher sei das eine oder andere im Sinn eines Service public noch gratis zur Verfügung gestellt oder erledigt worden: «Heute muss jedes Amt abrechnen: Der Budgetposten ‘Bewilligungen’ zum Beispiel wird Jahr für Jahr grösser.» Dazu kommen verkehrstechnische Auflagen, die ins Geld gehen: zum Beispiel, wenn für die acht Stunden, die der Silvesterlauf dauert, der Bau einer lastwagengängigen Passerelle verlangt wird, die mehr als 20’000 Franken kostet.

Organisiert werden müssen aber auch Unterkunft, Garderoben und Verpflegung für Tausende von Läuferinnen und Läufern oder der engmaschige medizinische Pikettdienst auf der ganzen Strecke. Und schliesslich braucht es viele hundert Helfer und Helferinnen für die Streckensicherung. Diese werden von interessierten Sportvereinen gestellt: Sie garantieren jeweils die Betreuung eines Streckenabschnitts. Dafür erhält der Verein ein Honorar. So kommt Geld, das durch die grossen Sportveranstaltungen generiert wird, direkt dem lokalen Sport zugute.

Blitzschnell richtig entscheiden

Der Zürich Marathon fand Anfang April statt, bis zum Silvesterlauf geht’s noch fast ein halbes Jahr. Deshalb kann’s Lafranchi im Moment ruhig nehmen. Jeweils zwei Monate vor einem der Läufe beginnen für ihn aber Arbeitsphasen mit Siebentagewochen und Präsenzzeiten bis zu 20 Stunden pro Tag. Und während des Laufes sei er, obschon er sich als Mitglied der Schweizer Armee schwer getan habe, «für einige Stunden der General»: «Das ist ein spezieller Reiz an dieser Arbeit, sekundenschnell den richtigen Entscheid zu fällen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.»

Vermutlich weil Lafranchi blitzschnell denken und auch befehlen kann, hat ihn die «SonntagsZeitung» einmal als «impulsiv» beschrieben. Das möge so sein, wenn er unter Druck stehe, sagt er: «Aber ich bin in meinem Leben eben 130’000 Kilometer gelaufen und davon sehr viel allein. Pflegeleichter wird man dadurch vermutlich nicht.» Ein spezieller Manager ist er aber vor allem aus einem anderen Grund: Hat er auswärts einen Termin und fährt ihm in der Manegg die Sihltalbahn vor der Nase ab, rennt er an den Zürcher Hauptbahnhof. Das ist für ihn auch mit 50 kein Problem. Ihn ärgert höchstens ein bisschen, dass auch er die Kleider verschwitzt, wenn er vier Kilometer rennt.

 

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Vom Läufer zum Manager

Bruno Lafranchi ist Tessiner, der 1955 im Glarnerland geboren wurde und später in Langenthal (BE) die Schule abgeschlossen hat. Bei seiner Lehrabschlussprüfung als Heizungszeichner traf er 1976 in Bern 19 Kollegen: Einer hatte eine Stelle bis zur Rekrutenschule, alle anderen waren wie Lafranchi nach der Lehre arbeitslos. Als talentierter Langstreckenläufer setzt er deshalb auf den Spitzensport, gewinnt in den achtziger Jahren mehrere Schweizer Meistertitel und läuft, jeweils in Japan, die Marathondistanz insgesamt drei Mal unter 2 Stunden 12 Minuten.

Ab 1986 besucht er in Bern eine vierjährige Handelsschule. 1993 wird er technischer Leiter des Turnvereins Unterstrass in Zürich. Seit 1995 ist er der OK-Präsident des Zürcher Silvesterlaufs, seit drei Jahren zusätzlich des Zürich Marathon.

Bruno Lafranchi ist selbständig erwerbend, finanziell gehe es ihm «nach etlichen mageren Jahren gut». Er ist Mitglied der Zürcher SP im Kreis 2, wo er mit seiner Partnerin lebt. Sein Hobby: ein kleines Haus in Castaneda (GR).

Mein Titelvorschlag hatte gelautet: «General für einen Tag».