Der Schritt ins Leere

Hier, im Arbeitszimmer seiner Dreizimmerwohnung im Zürcher Niederdorf, hat Martin Hitz am 17. Dezember mit der Recherche begonnen. Am 24. Januar wurde der Artikel in der NZZ gedruckt: «Noch kein Ende der Durststrecke. Erheblicher Stellenabbau in der Schweizer Medienbranche».

«Zuerst habe ich», erzählt er, «eine Tabelle gemacht, mit Rubriken für den Stellenbestand der letzten Jahre, aufgeteilt nach Verlag und Redaktion. Die habe ich an fünfzehn Verlage und Konzerne gemailt. Viel gebracht hat’s nicht. Je grösser die Firma, desto schwammiger fielen die Antworten aus.» Nun begann die Knochenarbeit: Hitz musste per Mail oder Telefon nachhaken, zum Teil mehrmals, und jederzeit bereit sein auf einen Rückruf. Ringier meldete sich am Freitag vor Weihnachten, Filippo Leutenegger für die Jean Frei AG am Tag vor Silvester. Hartnäckig geschwiegen haben die «Berner Zeitung», die «Schaffhauser Nachrichten» und die «Thurgauer Zeitung». Für seinen Übersichtsartikel hat Hitz schliesslich zwölf Antworten zusammengetragen. «Wohl mehrere hundert Stellen», so das Ergebnis seiner Recherche, werden bis Ende 2003 abgebaut sein.

Online-Pionier bei der NZZ

Auf April 1997 hat sich Martin Hitz auf ein Stelleninserat der NZZ beworben. Es ging um den Aufbau der Online-Abteilung. Er wurde angestellt und gleich zum Redaktionsleiter der Abteilung gemacht. Innert kürzester Zeit stampfte ein Dreierteam den Internet-Auftritt der NZZ aus dem Boden: «Am 17. Juni 1997 gingen wir online live.»

Eine spannende Pionierzeit: Seine Aufgabe umfasste Konzeption, Aufbau und Weiterentwicklung des Internetangebots in inhaltlicher, technischer und «navigatorischer» Hinsicht. In einem Betrieb, auf deren Redaktion man bis heute stolz ist, von Hand zu schreiben, war die Zusammenarbeit nicht immer einfach. Aus Angst, alles werde abgeschrieben, wollte man die Zeitungsartikel möglichst spät für das Internet freigeben. Zu Beginn wurden sie deshalb um 11 Uhr, später um 7 Uhr ins Netz gestellt. Erst als der damalige NZZ-Verwaltungsratspräsident Ulrich Bremi einmal in New York vor dem Zubettgehen sein Leibblatt des folgenden Tags hätte anschauen wollen und das trotz Zeitverschiebung nicht konnte, hat man die Internetveröffentlichung der Zeitungstexte auf den technisch frühstmöglichen Zeitpunkt – 4 Uhr – vorverlegt.

Bald einmal umfasst die Online-Redaktion neun Mitglieder. Hitz organisiert, koordiniert, redigiert; er ist dabei, wenn neue Programme für die Computer entwickelt werden; er ist Mitglied der Projektgruppe für das Ausgehmagazin «NZZ-Ticket» – und er überwacht mit einem Auge jederzeit «seine» Homepage: «Meine Hauptaufgabe sah ich darin, auch im Internet die NZZ-Qualität zu halten.» 2000 fällt der Entscheid, aufs Ganze zu gehen. Auf Anfang 2001 werden weitere zehn Leute eingestellt, die von nun an den «News-Ticker» auf der Homepage laufend mit Meldungen und eigenen Recherchen füllen sollen. Auf diesen Zeitpunkt wird Hitz zum zeichnenden Redaktor ernannt.

Schwieriger Wiedereinstieg

In der gleichen Zeit kommt Martin Hitz an seine Grenzen: «Ich hatte zuvor vier Jahre lang kaum übertrieben sieben Tage in der Woche gearbeitet. Das erste Telefon kam morgens um sieben hierher, das letzte abends um elf. Dazu kamen Konflikte und kräfteraubende Auseinandersetzungen in der Firma. Ich war wirklich ausgebrannt.» Er entschliesst sich, auf Juni 2001 zu kündigen und ein Freijahr einzuschalten. Er denkt sich: «Mit meiner Erfahrung werde ich im Internet-Medienbereich problemlos wieder einen interessanten Job finden.»

Aber kaum war er weg, kam die Krise. Das Inserategeschäft der Zeitungen brach ein und die Online-Abteilungen, die viel kosten und bis jetzt wenig einbringen, kamen als erste unter Druck – auch bei der «Neuen Zürcher Zeitung». Von den knapp zwanzig Personen, die die Online-Abteilung umfasste, als Hitz ging, sind heute noch knapp zehn angestellt.

Heute ist der Stellenmarkt ausgetrocknet. Martin Hitz versucht sich als freier Journalist durchzuschlagen. In seinem Artikel zum «Stellenabbau in der Schweizer Medienbranche» hat er resümiert: «Zwar werden bei einer Erholung der Konjunktur auch die Werbeeinnahmen wieder zu fliessen beginnen. Zumindest für den Pressebereich ist aber ungewiss, ob je wieder an die Boomzeiten der Jahre 1998 bis 2000 angeknüpft werden kann.»

 

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Start in Hongkong

Der 44jährige Bündner Martin Hitz ist mit Sicherheit einer der wenigen Schweizer Journalisten, die fliessend chinesisch reden und lesen. Er hat in Zürich Sinologie studiert und 1987 mit einer Arbeit über die Landwirtschaftsreformen in der Volksrepublik China abgeschlossen. 1989 geht er zusammen mit seiner Frau – auch sie ist Sinologin – nach Hongkong zum englischsprachigen Wirtschaftsmagazin «Billion». Er arbeitet als «Researcher», baut Dokumentationen auf, macht Recherchen und checkt die Fakten der Artikel nach. Als das Magazin nach einem Jahr eingeht, kehrt er in die Schweiz zurück und arbeitet für den «Economic Research» der Schweizerischen Kreditanstalt.

Zwischen April 1997 und Juni 2001 leitet er die Online-Redaktion der NZZ. In dieser Zeit wird er Mitglied der Gewerkschaft Comedia. Bei der NZZ hat er im Jahr etwas über 100’000 Franken brutto verdient – jetzt, als freier Journalist, verdient er «sicher weniger als 25 Franken pro Stunde». Ohne sein Erspartes und das Einkommen seiner Frau ginge es nicht. Neben dem Schreiben macht er darum die Hausmannsarbeit.