Der rastlose Portugiese

Von den 190000 Portugiesen und Portugiesinnen in der Schweiz sind rund 100000 berufstätig, fast 20000 davon sind Unia-Mitglieder. Das ist kein Zufall. «Diese Wochen sind für mich komisch», sagt Manuel Beja. Bisher, als Gewerkschaftssekretär, war er ständig unterwegs, immer im Dienst der portugiesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in der Schweiz. Und nun sitzt er an einem Montagnachmittag im Restaurant Cooperativo in Zürich Aussersihl und hat Zeit zu erzählen, weil er nächsten Monat 62 Jahre alt und frühzeitig pensioniert wird.

Der Weg in die Gewerkschaft

1976 kehrte Manuel Beja – enttäuscht von der Nelkenrevolution von Portugal – nach Zürich zurück, obschon hier drei Jahre zuvor sein Antrag auf politisches Asyl abgelehnt worden war. So lebte er nun vorerst als Papierloser in der Illegalität. 1983 wurde er Dekorateur bei Jelmoli. Und 1990 sagte der damalige Sekretär für Migrationspolitik der Gewerkschaft Bau und Holz, Vasco Pedrina, zu ihm: «Komm zum uns. Eine bessere Arbeit kannst du in der Schweiz nicht finden.»

So wurde Manuel Beja Sekretär der GBH, national zuständig für die Betreuung der portugiesischen Mitglieder. Und er arbeitete in dieser Funktion weiter, als später die GBH mit der Gewerkschaft Textil Chemie Papier (GTCP) zur GBI fusionierte (1992) und die GBI mit dem Smuv zur Unia (2004).

Eine harte Arbeit, die Beja all die Jahre zwischen Romanshorn, Basel, Genf und dem Tessin machte: An Tausenden von Versammlungen – «manchmal an einem Tag drei» – vermittelte er seinen portugiesischen Landsleuten, die hier arbeiteten, die nötigen Informationen zur Migrationspolitik in der Schweiz, erklärte die Bedeutung der Gewerkschaft und versuchte in der Diskussion sein Publikum für migrations- und gewerkschaftspolitische Arbeit zu mobilisieren. Daneben galt der tägliche Kampf immer wieder den Diskriminierungen: gegen die sanitarischen Kontrollen der Saisonniers an der Grenze; für Duschen oder für Kochplatten in den Unterkünften der Bauarbeiter.

Wichtig ist Beja immer der direkte Kontakt mit den Leuten gewesen, «zum Beispiel in einer Baracke, abends auf einem Berg im Graubünden oder im Tessin». Ab und zu habe er dort den Priester getroffen, der im Auftrag der katholischen Kirche unterwegs war: «Er hat in den Baracken jeweils über die Kirche und über Gott gesprochen und ich danach über die Gewerkschaft, die Arbeit und das Geld.» Der Priester sei mit der Zeit ein guter Freund geworden.

Die politische Arbeit geht weiter

Einfacher wird die gewerkschaftliche Migrationsarbeit in Zukunft nicht werden, sagt Manuel Beja. Einerseits mache es die zunehmende Autonomie der Sektionen schwer, von der Zentrale her eine einheitliche Strategie umzusetzen. Andererseits müsse man in der Zentrale wieder häufiger das Büro verlassen: «Man muss auf den Baustellen, den Unterkünften, den Migrationslokalen präsent sein, die Arbeit an der ‘Front’ ist wichtig.» Dass die Unia seine Nachfolgerin nur noch 60 Prozent angestellt hat, findet er falsch: «Es braucht in diesem Bereich mehr Mittel und mehr Leute, nicht weniger.»

Und er sagt auch, warum: Seit einigen Jahren nimmt die Migration aus Portugal wieder zu. Gleichzeitig finde eine Umschichtung statt: «Die alten Kollegen, die meistens in der Gewerkschaft waren, gehen mit ihren Familien nach Portugal zurück. Dafür kommen viele junge Leute ohne jede Gewerkschaftserfahrung, die auf dem Bau, im Gastgewerbe, in der Reinigungsbranche oder in der Landwirtschaft arbeiten. Die muss die Unia in den nächsten Jahren überzeugen und als neue Mitglieder gewinnen.»

Politisch ist die Pensionierung für ihn keine Zäsur. Ihm sei weiterhin wichtig, etwas zu tun, das der Gründung einer anderen Gesellschaft diene: «Ich will weiterhin in der linken Bewegung mitmachen, auch in der portugiesischen Kommunistischen Partei. Und wenn mich die Unia braucht, bin ich als Basismitglied immer bereit.» Zudem ist Beja gewählter Delegierter für die Schweiz im portugiesischen Migrationsrat, der jährlich zweimal im Parlament von Lissabon tagt. Dort gehört er dem fünfzehnköpfigen Vorstand des Rats an und ist zuständig für soziale und Bildungsfragen.

Manuel Beja lebt mit seiner Frau – einer Schweizerin – in Zürich. Sein erwachsener Sohn engagiert sich in der Gastro Union. Für ihn ist klar, dass er in der Schweiz bleiben will. Trotzdem liegt bei ihm zuhause der Einbürgerungsantrag seit sieben Jahren unausgefüllt auf dem Schreibtisch. Bisher habe er dafür keine Zeit gehabt. Und jetzt, wo er Zeit habe, überlege er: «Soll ich EU-Bürger bleiben oder aus einer sentimentalen Geste heraus doch noch Schweizer werden?»

 

[Kasten]

Wilde Jugendjahre

Manuel Beja (* 1945) wuchs in der kleinen portugiesischen Stadt Alcobaça auf. Fünf Jahre Schule, Ministrant in einem Zisterzienserkloster und ein wunderbarer Lehrer: der Liedermacher José Afonso, dessen Lied «Grândola, vila morena» am 25. April 1974 zum Radiosignal für die Revolution gegen die Salazar-Diktatur geworden ist.

Als 17jähriger tuberkulosekranker Jugendlicher trifft er in einem Sanatorium Kommunisten. Er lernt von ihnen und wird Mitglied der Kommunistischen Partei (PCP). Er findet Arbeit als Radiosprecher und gerät ins Visier der politischen Polizei. Dem Armeeaufgebot entzieht er sich 1967 durch Desertion nach Paris. Hier schlägt sich als Clochard durch, wird Dekorateur im Kaufhaus Galeries Lafayette und steht im folgenden Mai mit den Studentinnen und Studenten auf den Barrikaden des Quartier Latin. Probleme mit der Polizei, Amsterdam, später Köln.

Schliesslich, 1971, kommt er nach Zürich. Sein Antrag auf politisches Asyl wird abgelehnt, er bleibt als Illegaler bis im Ende April 1974. Dann reist er nach Portugal zurück, um die Nelkenrevolution zu unterstützen.